Kein Bild einer lieblichen Natur

25.07.2010

25.07.2010 bis 20.08.2010  

Neben einem vielfältigen Programm stehen heuer drei Hauptstücke auf der Agenda von Kunst aus der Zeit (KAZ), der Schiene für Gegenwartsmusik der Bregenzer Festspiele: «Traumzeit und Traumdeutung» von Jorge E. Lopez, «Jacob’s Room» von Morton Subotnick und «Out for Context – For Pina» von Alain Platel.


Mit der Aufführung von Lopez' «Traumzeit und Traumdeutung» war den Organisatoren kein Wetterglück beschieden. Als Openairaufführung am 24. Juli an dem auf über 1900 Meter Seehöhe am Fusse der majestätischen Roten Wand gelegenen Formarinsee angesetzt, musste die sinfonische Dichtung, die speziell für den Bergraum konzipiert wurde, aufgrund des schlechten Wetters um einen Tag auf den 25. Juli verschoben werden. Nach Ansicht von Laura Berman, der künstlerischen Leiterin von KAZ, verkörpert «Traumzeit und Traumdeutung» ein raffiniertes Stück, das aber ganz in der Tradition synfonischer Strukturen steht. Die Komposition erfordere ein Natur-Amphitheater, in dem sich die Klänge des Stückes mit denjenigen der Natur vermischen. «Die Natur ist uns teilweise fremd geworden und der Respekt vor ihr in den letzten Jahren abhanden gekommen», erläutert Berman und liefert damit auch gleich den Querverweis auf das allgemeine Motto der diesjährigen Bregenzer Festspiele «In der Fremde». Lopez zeichne folglich alles andere als ein Bild von einer lieblichen Natur, betont Berman.

Das Werk, das vom Collegium Novum Zürich interpretiert wird (musikalisch Leitung: Michael Wendeberg), dient auch gleichsam als «Vorspiel» zu einer Kunst-Wanderung und Besichtung von lebensgrossen Skulpturen des britischen Künstlers Antony Gormley. Unter dem Titel «Horizon Field» hat Gormley über ein Gebiet von 150 Quadratkilometern, das die Gemeinden Mellau, Schoppernau, Schröcken, Warth, Mittelberg, Lech, Klösterle sowie Dalaas umfasst, 100 massiv-gusseiserne, lebensgrosse Abgüsse eines Körpers verteilt. «Horizon Field» ist das erste Kunstprojekt dieser Art, das im Gebirge zu sehen sein wird, und zugleich die bislang grösste Landschaftsinstallation in Österreich. Die 100 Figuren beschreiben eine virtuelle, horizontale Linie, die exakt auf 2.039 Metern über dem Meeresspiegel verläuft. Diese Höhe hat laut Kunsthaus Bregenz, das die Gormley-Show organisiert, für die Platzierung keine spezifische metaphorische oder inhaltliche Bedeutung. Vielmehr handle es sich um eine gut zugängliche Höhe, die zugleich dem Alltag enthoben sei, heisst es.

Jabob’s Room
Den Wunsch, Morton Subotnicks Kammeroper «Jacob’s Room» aufzuführen, hegt Laura Berman bereits seit 2002. Subotnick, geboren 1933, hatte dieses Werk ursprünglich für das Kronos Quartett und seine Frau, die Sängerin Joan La Barbara geschrieben (1985). Dann wollte er «Jacob’s Room» zu einer Oper umschreiben, was aber aufgrund von ästhetischen Differenzen scheiterte. 1993 wurde das Werk in Form einer kurzen Solo-Oper in Philadelphia uraufgeführt. Als Kammeroper kompositorisch zu Ende geführt hat Subotnicks «Jacob’s Room» aber erst jetzt für die Bregenzer Festspiele. Die Aufführung am 5. August auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspielhaus ist nun also die «eigentliche Uraufführung» dieser Komposition, an der Subotnick so lange gearbeitet hat. Inhaltlich handelt das Stück von einem Überlebenden, der eigentlich nicht mehr leben kann, weil er die traumatischen Erlebnisse einer schrecklichen Kindheit nicht verarbeiten kann. Eine Frau, die erscheint, führt ihn auf eine Reise durch die eigene Psyche – Jacob’s Room eben. Jacob muss sich den Gefühlen stellen, die mit dem Erleben eines Holocausts einhergehen.

Für Berman fügt sich dieses Werk ideal in das Festivalprogramm, da es Paralleln zur Biografie von Mieczyslaw Weinberg aufweist, dessen Oper «Die Passagierin» ebenfalls aufgeführt wird. Weinberg war ja jüdischer Abstammung. Während seine Familie in Polen ermordet wurde, flüchtete er 1939 nach Russland. «Jacob’s Room» geht der Frage nach, was passiert, wenn jemand den Holocaust, welcher Ausprägung auch immer, überlebt.

Die für die Aufführung entwickelte Bühnenarchitektur erinnert an eine Kinderwippe: je nachdem, wie die Leute stehen, kippt die Bühne. Wobei die Bühne gleichzeitig auch als Projektionsfläche für Videoeinspielungen dient.

Out of Context
Das dritte «Hauptstück» von KAZ, «Out of Context – for Pina», erinnert vom strukturellen Aufbau her an die Tanzstücke der vor kurzem verstorbenen Pina Bausch. Es ist denn auch eine Art Homage an die grosse Vertreterin des modernen Tanzes. Bei dem vom belgischen Starchoreografen Alain Platel konzipierten und geleiteten Stück verkörpern die Tänzer sich selbst. Es verwandeln sich also nicht Einzelpersonen in Rollenfiguren, sondern es werden Live-Bilder hergestellt, die ein Zusammenspiel verschiedener Transformationen darstellen. Dafür haben Platel und seine Company jedes Detail in Bewegung, Timing und Repräsentation genau abgewogen. Trotzdem wirkt die Performance so leicht, als wäre sie eine Abfolge von spontanen Eingebungen.

Programm:
25. Juli, 12.30 Uhr: Jorge E. Lopez: Traumzeit und Traumdeutung (Formarinsee, Lech am Arlberg)
27. Juli, 21.00 Uhr: Christoph Stradner & Luca Monti: Suite Exoitica (Kunsthaus Bregenz)
30. Juli, 19.30 Uhr: Morton Subotnick & Lillevan: Silver Apples of the Moon (Kunstmuseum Liechtenstein)
4. August, 19.30 Uhr: Oenm: In Trance (Seestudion im Festspielhaus)
5. August, 20.00 Uhr: Morton Subotnick: Jacob’s Room (Werkstattbühne)
6. August, 19.30 Uhr: Morton Subotnick: Silver Apples of the Moon (Werkstattbühne)
7. August, 20.00 Uhr: Morton Subotnick: Jacob’s Room (Werstattbühne)
11. August, 21.00 Uhr: Wiener Concert Verein: Seltsame Reisen (Kunsthaus Bregenz)
13. August, 20.00 Uhr: Les Ballets C de la B/ Alain Platel: Out of Context – For Pina (Werkstattbühne)
14. August, 20.00 Uhr: Les Ballets C de la B/ Alain Platel: Out of Context – For Pina (Werkstattbühne)
14. August, 22.30 Uhr: KAZ Late Night/ Wien geht baden (Werkstattbühne)
17. August, 19.30 Uhr: Ensemble Lux: In der Fremde (Seestudio im Festspielhaus)
20. August, 22.00 Uhr: KAZ Late Night: Performance Christian Naujoks (Werkstattbühne)


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  • Plakatmotiv Kunst aus der Zeit 2010; © Bregenzer Festspiele / die3
  • Laura Bermann; © Bregenzer Festspiele/Lisa Mathis
  • Formarinsee; © Bregenzer Festspiele/Georg Schnell
  • Porträt Morton Subotnick; © Steve Gunther
  • Jacob's Room, Bühnenbildentwurf; © Mirella Weingarten
  • Laura Bermann; © Bregenzer Festspiele / Lisa Mathis

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