Sylvesterumtriebe

18.06.2010

Eigentlich ist Walter Braunagel ja auf Urlaub. Im beschaulichen Spessart. Und im Grunde wollte er ein wenig Auszeit nehmen, sich seines Lebens besinnen, über die längst vergangene Beziehung und eine mögliche zukünftige. Doch mit dem Tod der eigenbrötlerischen Hulda stolpert der Kommissar geradezu in seinen nächsten Fall. So beginnt Carmen Mayers zweiter Roman, der sich chronologisch direkt an Eiswein anschließt.


Hulda, die steif gefroren und mit einem Strick um den Hals hinter ihrer Scheune gefunden wurde, war jene alte Frau, die auch die köstlichen Marmeladen gekocht hatte, die Braunnagel im Wirtshaus des Ortes kennen lernen durfte. So besteht bereits eine Art Verbindung zwischen ihm und der Toten. Und Verbindungen schafft dieses Buch noch viele: zwischen dem Kommissar und der Kellnerin Simone aus dem Café in Würzburg, wo er stets Cappuccino und Bienenstich zu sich nimmt, zwischen Hulda und einem Mann aus der ehemaligen DDR, zwischen der Industriellenfamilie Berthold und dem Dorf Hartmannszell, und vom Aberglauben von der Wilden Jagd zur Bibel.

Klar, dass Braunnagels Kollege Norbert Schwarz bald anrollt - dienstlich natürlich - und überrascht ist, seinen urlaubenden Kollegen bereits vor Ort anzutreffen. Die Sache mit der toten Hulda stellt sich alsbald als ziemlich undurchsichtig heraus. Der Strick ist nämlich nicht die Todesursache, die Dörfler brabbeln von alten Mythen, davon dass die Wilde Jagd in der Sylvesternacht die Waldfrau geholt hätte, und vieles deutet auf einen Unfall hin: Genickbruch bei einem Sturz in der Scheune, beim Ziegenfüttern, obwohl Hulda das seit Jahrzehnten machte und alle Tücken der alten Scheune bestens kannte. Ja: obwohl. Und dieses Obwohl geht Walter Braunnagel nicht aus dem Kopf, auch nicht, als seine Vorgesetzte Annemarie Zeller den Fall abschließen möchte, weil ein Unfall, für den sie die Angelegenheit rasch hält, nichts bei der Kripo zu suchen hätte.

Die Spannungen zwischen Braunnagel und seiner Vorgesetzten sind bereits seit dem ersten Roman legendär. Für den Leser nimmt dies beinah eine überraschende Wendung, als Braunnagel, nachdem die Frau seiner vor Jahren zerbrochenen Beziehung unerwartet für ein paar Tage auftaucht, bemerkt, dass Annemarie Zeller seiner Ex-Freundin in mehrerlei Hinsicht ähnelt. Im Laufe der Geschichte spitzt sich der Konflikt mit seiner Vorgesetzten zu, findet dann aber, so scheint es, eine wohlgefällige Auflösung.

Dass Walter Braunnagel endlich über seinen Cappuccino hinaus in engeren Kontakt zur bereits seit Langem angehimmelten Kellnerin kommt, verdankt er seinem Kollegen. Der entpuppt sich nämlich als gewiefter Kuppler, überlässt Braunnagel Theaterkarten und organisiert gleich das erste Rendezvous.

Da Frau Zeller den Fall unbedingt abschließen möchte und Norbert Schwarz schon bereit ist nachzugeben, bleibt Braunnagel nichts anderes übrig, als wieder frei zu nehmen - den mit der Zeit angesammelten Urlaub aufzubrauchen - und sich wieder in den Spessart aufzumachen. Denn er glaubt keineswegs an einen Unfall - offensichtlich hat da jemand nachgeholfen und die alte Frau absichtlich zu Tode gebracht. Seine Vorgesetzte darf vorerst natürlich nichts davon wissen, denn da droht ein Disziplinarverfahren.

Braunnagel gelingt es, das Vertrauen des Wirten Hannes zu gewinnen, und auch sonst gibt es Informationszuträger, doch in gewisser Weise scheinen die Dörfler ihm einiges zu verschweigen. Die Neffen von Hulda, die Industriellenbrüder Berthold, könnten mit dem Fall zu tun haben. Vor allem entdeckt Braunnagel Verbindungen zu deren Bauvorhaben, und sogar ein vertuschter Umweltskandal zeichnet sich ab. Als dann plötzlich die Geschichte Huldas in Berlin erzählt wird und Zusammenhänge mit der ehemaligen DDR auftauchen, wird es nicht nur kompliziert, sondern auch interessant. In Person des Fritz Dressler tritt auf einmal die Problematik der sozialen Verlierer der Wende in den Vordergrund, und Dressler hat Hulda im letzten Vierteljahr mehrmals brieflich kontaktiert, weil es Berührungspunkte der beiden in der Vergangenheit gegeben hat. Ob er auch in den mutmaßlichen Mord an Hulda verwickelt ist?

Der Autorin gelingt es, im Fortschreiten der Handlung mehrere Fährten zu legen, eine Reihe von Verdächtigen vorzuführen und den Leser mal in die eine mal in die andere Richtung vermuten zu lassen. Sie erzählt Huldas Geschichte in Berlin und in Hartmannszell, die Arbeit der beiden Kriminaler, ein Stück aus dem Leben des «Ossis» Fritz Dressler und obendrauf noch Braunagels Gefühlsleben. Am Ende der Ermittlung erweist sich natürlich nur eine der ausgelegten Fährten als richtig und sorgt zudem für ein Aha-Erlebnis. Und dieses sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.
Klaus Ebner

Carmen Mayer: Zwölfnächte
Roman, 214 Seiten, EUR 10,95
BOOKSun limited, Hamburg 2009
ISBN 978-3-941527-10-2

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