Das Davor und Dahinter des Sandsacks

19.01.2010

Nach seinem Debütroman legt Philipp Hager mit «Am Sandsack» heute einen Lyrikband vor. Knapp hundert Seiten, erschienen bei Arovell, Gedichte in freien Rhythmen, oft mehrseitig angelegt. Wie in seinem Prosaerstling «Das Spektrum des Grashalms» (Arovell, 2008) schöpft der 1982 in Niederösterreich geborene Autor gern aus eigenen Erlebnissen, macht persönliche Erfahrungen zum Thema und transformiert diese literarisch zu allgemein Gültigem. Dabei scheut er sich aber keineswegs, auch einmal über den eigenen Tellerrand, also quasi auf die andere Seite des Sandsacks, zu schauen.


«Die Welt ist zum Greifen nah.», heißt es etwa in FERNE, und so holt sich Hager gleich die ganze Welt in sein Buch. Von Gujarat geht es über Havanna nach Hokkaido – in Gedanken wohlgemerkt, denn: «ich bin wie berauscht/von diesen fernen Ländern,/denke, lese, träume mich hin,/während ich mein Kleingeld zähle,/um zu sehen,/ob es für ein Mittagessen reicht.» Ein ganz typischer Stimmungswechsel, und im ersten Moment möchte man sagen: Aus der Traum. Doch Philipp Hager denkt nie ans Aufgeben und konstatiert lustvoll: «Die Außenwelt ist heute bedeutungslos./Es bleiben nur ich und meine Gedanken/die ausbrechen wollen/die sich gegen mich verbünden/und die ich im Zaum halten muss./Vielleicht die ganze Nacht.»

Viele der lyrischen Texte erzählen Geschichten. Geschichten vom Leben, erzählt in einem locker-burschikosen Stil, der umgangssprachliche Ausdrücke und Formulierungen gekonnt in ein ästhetisches Gesamtkunstwerk einbindet. Witzig der PFADFINDER, der unbedingt eine gute Tat vollbringen möchte, dazu ein vermeintliches Touristenpaar anspricht und es so lange traktiert und dessen Antworten ignoriert, bis es ihm irgendein Hotel der Stadt nennt – damit der Pfadfinder endlich den Weg dorthin beschreiben kann. Die gute Tat ist vollbracht, das – hiesige – Ehepaar völlig eingeschüchtert und der Lacherfolg beim Leser garantiert.

So mancherlei Ironisches fand Platz in diesem Buch. Mit einem Augenzwinkern stellt der Autor in ICH BIN Überlegungen zu seiner eigenen Rolle an. Am Ende sprudelt er dann heraus: «Nur eines bin ich mit völliger Gewissheit:/Ein Dummkopf./Zumindest/bis ich weiß,/worauf genau/es denn/ankommt.» Worauf es in seinen Gedichten ankommt, hat er immerhin längst heraußen. So vermögen seine eigenen Worte das Buch vortrefflich zu charakterisieren: «Beethovens dreiundzwanzigste Klaviersonate/läuft: Appassionata. Ein Sturm aus Klängen.»

Kritische Gedanken zur Drogensucht finden sich ebenso wie die Beobachtung des vielschichtigen Lebens an einem kaum begonnenen Tag und kuriose Überlegungen zum Tod: «So aber,/ohne all die Toten,/existiert nichts,/außer dem Leben.» Das Grau des Arbeitsprozesses klingt folgendermaßen: «Morgen früh beginnt mein neuer/Job. Vielleicht trägt das dazu bei./Das Gewehr geschultert/und rauf auf den Lastwagen,/es geht zurück an die Front./Es waren gute Monate, aber jetzt/heißt es: Entweder salutieren,/vor irgendeinem Verrückten,/Rang: Senior Sales Manager,/der mich als Kanonenfutter/willkommen heißt –/oder die Miete nicht bezahlen/und aufhören zu essen.» Ein ziemlich gewagter Vergleich mit dem Kriegsdienst; am Ende desselben Textes wird die Grundaussage mit einem englischen Einsprengsel noch einmal auf den Punkt gebracht: «work sucks». Immer wieder das Motiv des wirtschaftlichen Überlebenskampfes, die Gegenüberstellung eines freudlosen auslaugenden Jobs mit Arbeitslosigkeit und sozialem Abrutsch. Und dann, wie schon im Roman, die Kritik am universitären Bildungssystem; nicht nur pointiert, sondern überaus gelungen hierbei die Formulierung: «Ein Doktortitel ist kein Freifahrtschein ins Glück./ (...)/Für das Leben/ist er so wichtig/wie der Blinddarm.»

Der ubiquitäre narrative Tonfall führt dazu, dass sich viele der Gedichte wie Kurzgeschichten lesen. Zwar wurden sie in Versen gesetzt, doch bestehen sie aus Prosasätzen, auch typografisch vollständig mit allen Satzzeichen sowie Anführungen bei den ebenfalls enthaltenen direkten Reden. «Es war nach Mitternacht, und ich saß einem/alten Bekannten gegenüber. Er hatte bereits/einige Schlagseite und klammerte sich an sein/Bier. Er klebte mit seinen Augen kurz an der/Tischplatte fest, dann riss er sich los und sah/mich mit schiefem Blick an: »Mann, was du/machst, das ist nicht gesund.«/»Was meinst du?«, fragte ich./»Deine Einsamkeitskiste. Jaja, ich weiß/schon, was du sagen willst. (...)«», beginnt der Text EINMAL sehr beispielhaft und führt seine Geschichte über zwei ganze Seiten fort. Persönliche Erfahrungen, politisch-soziales Engagement und trotz allem ein erfrischender Sinn für lyrische Ästhetik – das sind die vielfältigen Facetten dieses Werkes.

Eigentlich spricht Philipp Hager in DER ZEIGER vom nervtötenden Geticke einer Uhr, doch verbergen sich in diesem Gedicht ein paar der wohl schönsten Zeilen des Buches: «Ich ziehe die Jacke an, schlüpfe in Schuhe,/und werfe mich hinaus in die Nacht./In mir brennt ein unglaublicher Hunger nach/Zufall Worten Gedanken Licht Menschen/Lärm Farben Tumult Neuerung Leben!»
Klaus Ebner, Wien

Philipp Hager: Am Sandsack
Lyrik, 106 Seiten
Arovell Verlag, Gosau 2010
ISBN 978-3-902547-09-5

Philipp Hager, 1982 in Scheibbs, Niederösterreich, geboren. 2000 Abschluss eines Oberstufengymnasiums und Studium der Geschichte und Völkerkunde in Wien. Abbruch nach dem ersten Semester. Anschließend etliche Gelegenheitsjobs, Herausgabe eines Musikmagazins, langjährig als Reporter und Kolumnist für ein führendes deutsches Kampfsportmagazin tätig. Derzeit als Schriftsteller in Wien lebend.

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