Vom Glück und der Verzweiflung beim Schreiben

31.12.2009

Für John Updike war Schreiben eine Sucht, H.G. Adler half Dichten, das KZ zu überleben. Hugo Claus las niemals die Übersetzungen seiner Bücher, während Heinrich Mann am liebsten aufrecht im Bett sitzend das Manuskript seines Bruders Thomas liest.


Längst sind die Arche Literaturkalender Kalender Kult. Wer die Literatur liebt, wird sie nicht missen wollen. Die Ausgabe 2010 steht unter dem Motto «Lesen und Schreiben». Autorinnen und Autoren erzählen von den Momenten des Glücks oder der Verzweiflung, von den Augenblicken des Trostes oder stillen Vergnügen – vom Schreiben, Lesen oder beidem.

Woche für Woche dokumentiert der Kalender ein Plädoyer für die Freiheit des geschriebenen oder gedruckten Wortes. Jedes Kalenderblatt – ein Stück literarischen Lebens, sorgfältig ausgewählt und gestaltet. Das Umschlagblatt setzt Susan Sontag ins Bild. Es ist ein Foto, das Anie Leibovitz von der 2004 verstorbenen Autorin gemacht hat, und es zeigt Sontag am Schreibtisch sitzend mit Laptop, Notizblock und Bleistift vor sich: Bereit zum Schreiben.

Und bereits mit dem ersten Kalenderblatt geht es weiter in medias res. Die grosse Lyrikerin Inger Christension wird bei einer Lesung porträtiert, dazu ihr entscheidendes «Statement» aufgeführt: «Das ist die klassische Situation des Dichters. Die stundenlange, vielleicht tagelange Konfrontation mit dem weissen Papier und mit dem Bewusstsein, dass im Anfang das Wort war, aber welches Wort – das Wort, das gleich anfangen wird, nichts in alles mögliche zu verwandeln. Denn im Anfang steht nichts auf dem weissen Papier, kein einziges Wort.»

Weitere 51 Fotografien von SchriftstellerInnen samt Zitaten zum Thema folgen. Etwa von Zora Neale Hurston, für die es nichts Qualvolleres gibt, als eine nicht erzählte Geschichte in sich herumtragen zu müssen. Oder von Marc Twain, der konstatierte: «Als ich »Jeanne d’Arc« schrieb, fing ich sechmal falsch an und jedes Mal, wenn ich meiner Frau das Ergebnis zeigte, übte sie dieselbe tödliche Kritik: sie schwieg.»

Für Anna Seghers wiederum gehört das Schreiben im Exil ebenso wie das Lesen zur Überlebensstrategie: «Man ist manchmal schrecklich allein, aber wenn ich arbeite, wenn ich meine Romane schreibe, bleibe ich ruhig und tapfer und fröhlich. Ich glaube, Du verstehst mich.» (Sehgers an Wieland Herfelde, Paris, Ende 1939)

Und so geht es weiter mit Betrachtungen, Aussagen und Plädoyers für und wider die Literatur von Heinrich Böll, Rolf Dieter Brinkmann, Walter Benjamin, Friedrich Dürrenmatt bis hin zu Ernst Jandl, Patricia Highsmith, Peter Rühmkorf oder Irmtraud Morgner und Cesare Pavese. Den Abschluss bildet Paul Bowles, der konstatierte: «Um einen Roman schreiben zu können, muss man allein sein.»


Arche Literatur Kalender 2010 - Schreiben und Lesen
Gestaltung: Max Bartholl.
Textauswahl: Klaus Blanc, Elisabeth Raabe.
Fotoauswahl. Regina Vitali.
Zürich, Hamburg: Arche Kalender Verlag 2009.
24 x 28 cm; Spiralbindung; m. Abb.; Euro (D) 19,-.
ISBN 978-3-7160-6010-2.

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