Wohlfeil

18.10.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Eine kleine Meldung anlässlich einer Todesanzeige erregte nicht sonderlich Aufsehen: trotz fehlenden öffentlichen Interesses schalteten Finanzminister und Vizekanzler Josef Pröll und seine beiden Staatssekretäre Lopatka und Schieder eine Traueranzeige in drei Zeitungen, die 100.000,00 (einhunderttausend) Euro kostete. Ihr Büroleiter war überraschend verstorben. Es galt, die «tiefe Betroffenheit und Trauer zum Ausdruck zu bringen». Natürlich auf Steuerzahlers Kosten. Was sonst.


Nur Schufte und Neider sehen darin einen Missbrauch. Umgekehrt ist zu loben, wie hoch menschlich, Anteil nehmend die Herren sind: sie lassen sich von angespannter Budgetlage, die sie sonst permanent beschwören und damit drastische Kürzungen legitimieren sowie den Umbau des ungerechten Steuersystems, das die Oberen zu sehr belastet, zwecks effizienterer Schröpfung der Unteren, nicht beirren, wenn es um Persönliches geht. Wohlfeil bedeutet «leicht käuflich»; es bildet sich aus «feil» (käuflich, verkaufen, erwerben) und «wohl» (im Bedeutungszusammenhang von wollen, Wunsch, Begehr). Ein altes Wort aktuell korrekt passend für eine Humanqualität besonderer Art.

Schade nur, dass dieses wohlfeile Denken und Handeln just dort nicht praktiziert wird, wo es Leute jenseits des unmittelbaren Bezugsfeld träfe. Beschränkter Gesichtskreis, enggezogener Handlungsrahmen. Recht und richtig ist für jene nichtig, die ausserhalb stehen. Manchmal kann das sehr nahe sein. Manchmal ist man einfach zu weit weg, sodass sich keine «Betroffenheit» einstellt.

Oder eine falsche. Weshalb ein «Transferkonto» eingerichtet werden soll, damit endlich empirisch belegbar wird, wie viel die Unteren vom Staat einheimsen. Dass damit die Umverteilung von unten nach oben noch verstärkt werden wird, systematisch, wird gerade dadurch verdeckt. Wie in der Statistik kann man mit Zahlen nicht nur spielen, sondern auch lügen.

Mir zeigte diese kleine Ausgabe für Inserate in drei Zeitungen die reale Relativität, die man gerade im Kulturbereich so leicht aus den Augen verliert. Wenn ich bedenke, wie schwer es ist, wenige Euros für eine Druckkostenförderung eines literarischen Werkes zu kriegen, wie an kulturellen Projekten gespart werden muss, bis sie nicht mehr durchführbar werden (ausser das Projekt liegt im nahen Betroffenheitsfeld der gnädigen Fördergeber), weil man die Mittel nicht erhält, und das nicht nur nach sachlichen, nachprüfbaren Kriterien, sondern oft, wie im früheren Feudalstaat, nach Willkür entschieden, von einem Beamten, der sagt, DAS ist nicht förderwürdig, weil, z. B., im Gesetz steht, es müsse «überregional bedeutsam» sein, nicht aber sagt, woran sich das ablesen lassen müsse, dann erkennt man den tieferen Sinn unserer Kultur und ihres Wert- und Sinngefüges: es ist alles eine Frage von Nähe und Ferne. Von Wohlwollen. Von «feil» und «feilschen», wovon sich letzterer Begriff in der Bedeutung von «handeln um etwas» ableitet.

Die Feilscher sind am Werk. Sie drapieren sich dreist mit Mitleidsgesten, die sie nicht mal selbst bezahlen, und zeigen sich gönnerhaft gebend, wo es ihren Interessen entsprechend ihrem Wertsystem entspricht. Damit dies mehr und mehr auch künftig gelingt, werden Transferkonti das Ein- und Ausgabenspiel besser bewerkstelligen und belegen. Dort scheinen ja solche Grauzonentransferleistungen nicht auf. Und auch die anderen nicht, man denke nur an die horrenden Beraterbezahlungen, die die Experten trotz Expertise benötigen. Das ist Vorgeschäft, Zusatzleistung. Weil die so teuer kommt, braucht es Einsparungen hier und Streichungen dort. Es ist nur eine Frage der Nähe und Ferne. Alles wohlfeil.

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