Frankfurt am Großen Kanal Beijing-Hangzhou

11.10.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Am 14. Oktober öffnet in Frankfurt am Main die Frankfurter Buchmesse, die weltgrösste, wie es stets stolz heisst, ihre Pforten. Heuer ist China der Ehrengast. Und China bestimmt, wie zu Hause, den Gang der Ereignisse: es zensuriert, verbietet verhassten Autoren die Ausreise oder verweigert im Ausland lebenden Chinesen, die eine Kritik am Mutterland gewagt haben oder wagen, öffentlich dort aufzutreten.


Die Deutschen, vertreten durch die Organisatoren der Buchmesse, kuschen und machen fleissig mit: sie leisten den Kotau (der Begriff stammt aus China und bezeichnet den im Kaiserreich üblichen ehrerbietenden Gruss in Form eines sich unterwerfenden Niederkniens und Berühren des Bodens vor dem Herrscher bzw. die danach einzunehmende kauernde, demütige Haltung).

Dieses Anpasslertum gilt als Tugend in einer globalisierten Gesellschaft, auch und gerade im Geschäftsbereich der Kulturen, wo es nur vordergründig um Freiheiten geht. Ja, man kann sagen, je mehr von Austausch und Interkulturalität geschwätzt wird, desto rigider werden die einseitigen Regeln entsprechend der faktischen Machtlage durchgesetzt. Das Dekor des Freikulturgeschäfts drapiert nur die Veranstaltung und ihre Umtriebe.

Es geht dabei ja nicht darum, dass ein Staat, der seinen Bürgern kaum Freiheiten gewährt, der unliebsame Journalisten und Autorinnen oder Autoren einsperrt oder foltert, nicht Gast bei einer literarischen bzw. verlegerischen Grossveranstaltung sein solle. Aber es geht darum, dass Grenzen nicht überschritten werden, die sich nach den bei uns geltenden Freiheitsnormen richten - und nicht nach denen des Gastlandes.

Die Feigheit, von den Gästen nicht die selbstverständliche Beachtung der hier herrschenden Normen zu verlangen, wirft ein grelles Licht auf die Verkommenheit und Verlogenheit dieser Geschäftsbetriebssamkeit und ihres kulturellen Mantels.

Andererseits wird der wichtige Diskurs verhindert, der auch den Chinesen zu wünschen wäre, in ihrem Interesse, auf dem Weg zu einer konsolidierten, freieren Gesellschaft. Denn der Widerspruch zwischen Wirtschaftsvermögen und militärischer Macht einerseits, und der tief sitzenden Angst gegenüber Abweichlern und Kritikern andererseits, indiziert eine gefährliche Schwäche, die durch Hinweglügen oder Ignorieren nicht aus der Welt geschafft wird.

Werden alle kritischen Werte so leichtfertig dem Geschäft geopfert, macht sich nicht nur das Geschäft ruchbar, sondern auch die Gesellschaft, in der das so leicht möglich ist. Und die Frankfurter Buchmesse ist da als grösste nur herausragend, aber kein Einzelfall. Die falsche Toleranz, das wendige, windige Anpassen und Nachgeben auch anderen Radikalen gegenüber, seien es fundamentalistische Islamisten oder smart operierende Vertreter Israels oder bestimmter jüdischer Organisationen, die im Verbund mit den erwähnten Zensoren für breite Zensur gewisser Inhalte auftreten, ist vielerorts üblich geworden. Die Täuschung geht soweit, dass dies im Namen von Freiheit und Würde verkauft wird, legitimiert durch Berufungen auf Historie, Religion, nationale Interessen und Nichteinmischung zwecks Völkerverständigung und dergleichen.

Bei alldem verschieben sich Massstäbe und Rahmen der Rezeptionen von Literatur aller Genres. Plötzlich, wie zu Zeiten des Kalten Krieges, bestimmen wieder ausserliterarische, ausserkünstlerische Kriterien stärker Kunst und Literatur. Und die Mehrheit folgt willig, wie sie auch blöd brav den damit verbundenen Nationalismen huldigt. Da werden Kritiker als Querulanten oder Neidhammel, als psychisch Geschädigte oder ideologisch Belastete, als Abnorme oder Perverse hingestellt und hingenommen. Eine globale Form der Kollaboration macht sich breit.

Gerade das Gegenteil wäre vonnöten. Das Problem entsteht, dass Autoren, deren Werke NICHT verboten sind, deshalb nicht einfach willfährige Büttel sind. Das kennt man aus der Geschichte. Oder sollte man kennen. Umgekehrt werden Literaturen bekannt und belobt, weil die Autorin oder der Autor verfolgt werden bzw. ins Exil flüchten mussten. Doch das ist nicht unbedingt Ausweis für eine hohe künstlerische, literarische Qualität. Die Ideologisierung, die von Staaten wie China und seinesgleichen erzwungen wird, schadet der Rezeption von Literatur und Kunst, erschwert die Lektüre und ihre adäquate Bewertung.

Ich bin kein China-Spezialist. Zwar las ich als Achtundsechziger die damals üblichen Werke vom grossen Führer Mao und von westlichen Soziologen über die Errungenschaften der chinesischen Erziehung, Wissenschaft und Gesellschaft, änderte aber manch unkritisch übernommene Haltung im Laufe der Jahre in Konfrontation mit anderen Informationen und Deutungen.

Die Kenntnis von Lutz Geldsetzers und Hong Han-dings «Grundlagen der chinesischen Philosophie», Helwig Schmidt-Glintzers «Chinas Angst vor der Freiheit» oder die bedeutsame Biographie Maos von Jung Chang und Jon Halliday und ähnlicher Bücher oder neuerer Werke chinesischer Autoren wie von Nobelpreisträger Gao Xingjian (1998 Franzose geworden), Dai Qing, Mo Yan, Yu Hua, Feng Li oder Liao Yiwu sind nur Partikel in einer schier unüberschaubaren Fülle literarischer Erzeugnisse aus dem Reich der Mitte oder von Exilchinesen bzw. westlichen China-Experten. Ich kann mir gar kein Urteil über die chinesische Literatur anmassen. Wohl aber kritisiere ich den Umgang mit staatlichen Vertretern Chinas in Sachen Kunst, Kultur und Literatur. Einerseits will ich selbst entscheiden, was ich lese, andererseits vertraue ich der Literatur mehr als der Politik. Das politische Urteil, die politische bzw. ideologische Vorgabe ist unnötig. Dort wie hier. Damals wie heute. Privat mag man auch politisch urteilen, ganz nach Belieben. Aber dass sich der Staat anmasst masszuregeln, weil ihm gewisses Denken und Schreiben nicht passt, ist mehr als ein Affront, es ist ein Skandal, eine Manifestation von Unfreiheit und Unterdrückung.

Interessant auch, dass im kleinen, direkten Gespräch solche Probleme kaum auftauchen. Ich habe öfters Kontakt mit Vertretern chinesischer Organisationen durch Besuchsvermittlungen und spezielle Seminare. Auch kontroverse Themen können diskutiert werden (müssen aber nicht). Der öffentliche Diskurs ist da fragiler und belasteter. Es ist zu wünschen, dass auch China zu jener inneren Stärke findet, die ihm Abweichungen erträglich machen. Wäre schade, wenn sich diese komplexe Gesellschaft auf Dauer selber lähmte und beschnitte.

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