Anathema Frieden

20.09.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Nach der einstimmigen Resolution 55/282 der UN-Generalversammlung vom 7. September 2001 soll der 21. September weltweit als Weltfriedenstag begangen werden. Das Thema ist so unbekannt und unbeliebt, dass die Resolution bis jetzt kaum Beachtung findet. Im Gegenteil: die Kriege werden immer besser organisiert und sind zum «normalen» politischen Mittel für Regierungen, Aufständische und Terroristen geworden, die alle plausible Gründe anführen könnten, würden sie darum gebeten. Viele Regierungen offerieren ihre Begründungen für die Notwendigkeit der Kriege ungefragt, ungebeten. Sie beanspruchen frech ihre Deutungshoheit und werden von willfährigen Expertenbütteln und opportunistischen Politikern einerseits, hassenden, rachsüchtigen, sadistischen Unmenschen andererseits unterstützt.


Frieden wird mit Schwäche, Weichheit assoziiert, der gegenüber die männliche Tugend des Kriegers, Töters leuchtet, der alles niedermacht, was ihm in den Weg kommt, um SEINEN Weg zur Kontrolle frei zu haben, um an Ressourcen zu kommen, hegemoniale Ziele zu verwirklichen, Macht zu sichern.

Mit den Kriegen werden auch aussergewöhnliche, ekstatische Erlebnisse ermöglicht, wie sie sonst nie straffrei in Friedenszeiten möglich wären. Die einzigartige Machtbeglückung des Folterers ist im Regelfall nur wenigen vergönnt. Krieg erlaubt diese intensive Seinserfahrung plötzlich für viele, die sonst brav dahinleben. Krieg ist Abenteuer und Luststeigerung. Die modernsten Armeen, die US-amerikanische und die israelische, erlauben daher ihren Soldaten, oberen wie niederen, Ausflüge ins direkte, persönliche Kriegshandwerk, damit die Lust nicht zu kurz kommt, damit die Sinngebung und Löschung des Rachebedürfnisses sich einstellen. Im Krieg werden Technik und Mensch eine Einheit, wie sie die komplex gestaltete Welt sonst nicht mehr bietet.

Noch wird so getan, als ob Krieg eine Ausnahme sei. Das letzte Mittel. Die aufgezwungene ultima ratio. Aber das ist nur für's Äussere. Die vielen Jungen, die begeistert das Tötungswerk erledigen, in Massenvergewaltigungen sich ermannen und überhöhen, in Terrorakten sich als Tötungsmeister erweisen, brauchen keine eufemistischen Erklärungen und Pseudobegründungen. Tief innen sind sie eins mit dem Programm der Barbarei, weil es Erfüllung darstellt atavistischer Triebe nach Mord und Schändung. Zerstörung und Vernichtung, das ist es, worum es geht: Viva la muerte!

Zwei Zitate zu diesen Überlegungen, eine ältere und eine alte, die eine von Walter Muschg, dem Schweizer Literaturtheoretiker und Essayisten, die andere von dem Kulturkritiker und Satiriker Karl Kraus:

In Zeitläuften der Atomisierung blüht am Rande das sublime Verständnis für Heiles und Reines. Wir legen Städte in Trümmer und graben entzückt archaische Scherben aus dem Boden. Wir halten uns für den Beginn einer neuen Ära in der Menschheitsgeschichte, geben Riesensummen für die Zivilisierung «unterentwickelter» Länder aus, schicken uns zum Weltraumverkehr an, experimentieren mit der Vernichtung ganzer Völker und ersäufen das urzeitlich träumende Arabien in Petrolmilliarden. Aber wir finanzieren auch Expeditionen in unberührte Winkel der Erde und der Menschenseele, studieren in Asien und Afrika andächtig die Reste versunkener Kulturen, bringen Licht in gewesene Jahrtausende und verschüttete Seelenschichten, interessieren uns in den Klauen der Gottlosigkeit für Religionspsychologie und können nicht genug davon hören, was der Mensch ist und was ein menschenwürdiges Leben wäre.
Walter Muschg: Zerschwatzte Dichtung (In: Die Zerstörung der deutschen Literatur, Bern 1956)

Kultur ist die stillschweigende Verabredung das Lebensmittel hinter den Lebenszweck abtreten zu lassen. Zivilisation ist die Unterwerfung des Lebenszwecks unter die Lebensmittel. Diesem Ideal dient der Fortschritt und diesem Ideal liefert er seine Waffen. ... Der Fortschritt, unter dessen Füßen das Gras trauert und der Wald zu Papier wird, aus dem die Blätter wachsen, er hat den Lebenszweck den Lebensmitteln subordiniert und uns zu Hilfsschrauben unserer Werkzeuge gemacht. ... Wo alle Kraft angewandt wurde, das Leben reibungslos zu machen, bleibt nichts übrig, was dieser Schonung noch bedarf. ... Die Tyrannei der Lebensnotwendigkeit gönnt ihren Sklaven dreierlei Freiheit: vom Geist die Meinung, von der Kunst die Unterhaltung und von der Liebe die Ausschweifung. ... Die Unterwerfung der Menschheit unter die Wirtschaft hat ihr nur die Freiheit zur Feindschaft gelassen, und schärfte ihr der Fortschritt die Waffen, so schuf er ihr die mörderischeste vor allen, eine, die ihr jenseits ihrer heiligen Notwendigkeit noch die letzte Sorge um ihr irdisches Seelenheil benahm: die Presse.
Karl Kraus: In dieser großen Zeit (In: Weltgericht, Leipzig 1919)

Vor über 50 und vor 90 Jahren notiert, braucht man heute nur einige Termini «erneuernd» auswechseln, um die Tragweite zu verstehen, falls sie nicht beim Erstblick sich auftut. Frieden ist kein Geschäft; je weniger realistisch er ist, desto stärker wird er beschworen und beredet und dabei im Geschwätz zerredet und zerstäubt.

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