Die Umkehrung

13.09.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Das Verschwinden der Wirklichkeit war in den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts ein modisches Thema, geprägt vom post-postmodernen Denken bzw. der geschwätzigen Sprache, dessen es sich bediente. Es war die Zeit der Einübung der Relativitäten und Unverbindlichkeiten. Die Welten verschwanden zwar nicht, und nicht ihre Wirklichkeiten, wie man mediengerecht beschwor, es wurden «nur» die Verantwortungen getilgt.


Da alles möglich war, stimmte auch das Gegenteil, und der hochgezüchtete Sofismus wetteiferte mit den technischen Entwicklungsschüben. In der gepriesenen und gut vermarkteten Entleerung konnten Profite gescheffelt werden wie nie zuvor. Nur Naive wunderten sich über den anscheinenden Widerspruch von Nichtwahrheit oder Nichtrealität und gleichzeitiger Hochbedeutung von Experten und Simulakrum-Exegeten etc. Tat und Untat wurden in Eins gesetzt bzw. bedingt, und bald lieferte man das Gegenteil als eigentliche Wahrheit: der Täter als Opfer, der Mord oder die Vergewaltigung als eigentlicher Ausdruck von Liebe.

Krieg war nicht Krieg, Leid nicht Leid, Untergang nicht Untergang. Ausser es handelte sich um den Holocaust und Naziuntaten. Da hörte der Spass auf. Sonst aber: anything goes und alles ist nichts und umgekehrt, ganz nach Belieben.

Grösste Verbrechen wurden durch diese lockere Sicht und technische Terminologie unerkennbar. Es war, als ob Newspeak sich potenziert hätte und das Denken des Möglichen be- oder verhinderte, weil immer vom Unmöglichen, Unsäglichen, Undenkbaren geschwätzt wurde, das sich wandelte, auflöste und dennoch als profitables Nichts einen narrte. Spiel der Formen. Regime der Regulative, Regelwerke, Grammatiken. Nach dem Tod des Autors die inhaltsleere Ersatzsprache und die Annäherung an die Wiederholung des Immergleichen, allerdings ohne die gewusste Dimension eines damaligen Nietzsche, sondern des Kalküls unverantwortlicher Täter als Profiteure.

So konnte auch das Schlimmste konsumierbar gemacht werden. Hiess es ehedem «Tod, wo ist dein Stachel?», womit die Realität gläubig geleugnet wurde, musste man heute die Bilder der Vernichtung gar nicht mehr umtaufen, zensurieren oder propagandistisch begleiten. Wie die Newspeak waren sie so fest ins Relative eingefügt, dass sie weder schockierten, noch aufrüttelten oder irgend etwas glaubhaft belegten. Die grosse Entwertung, dauernd sich steigernd nach einer instrumentalisierten Inflation von Wort und Bild, frass nicht nur Distanzen, sondern Welten. Was war und was ist verlor seine Eigenheiten und wurde zum kontrollierten Prozessresultat. Die extreme Relativierung verwirrte. Die Verwirrung eröffnete neue Geschäftsfelder.

Plötzlich konnte in einer neuen Ausbeutungsform noch mehr «erwirtschaftet» werden, als je zuvor. Die Mehrheiten dünkten sich frei, während einige wenige frei waren für ihre Profite. Das funktionierte, weil der Masse schon das «Gefühl, frei zu sein» reichte. Die Welterklärer hatten Hochkonjunktur. Den profanen Profiteuren standen die Sakralen zur Seite. Die Islamisten erstarkten und predigten in Gottes Namen Verfolgung, Rache, Tod und Verderben und wurden von Allah belohnt mit Jungfrauen und anderen Begünstigungen, wie sie unreife Machos sich erträumen.

Ihnen zur Seite gesellten sich faschistische Welterlöser, die endlich wieder mal rabiat sein wollten. Doch das eigentliche grosse Kriegsgeschäft betrieben die Herren in den weissen Westen, die hohen Manager und die Politiker der mächtigen Staaten und ihrer Vasallen. Nirgends rührte sich eine wirkliche Opposition. Es war, als ob ein Supersystem alles abdeckte, eben das Teil und sein Gegen: Die mörderischen Kapitalisten mit den mörderischen Religionsfanatikern in einem Gefüge der Vernichtung, das nicht als solches aussah. Jenen, die warnten, kritisierten, schenkte man keine Aufmerksamkeit, sie waren unglaubwürdig, weil alles wie im Film aussah, wie im Fernsehen, das man kannte. Alles war gleich.

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