Die Freiheit zur Unfreiheit

23.08.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Die meisten westlichen Republiken sind frei. Die Wissenschaft und ihre Lehre ist besonders frei. Die Künste sind frei. Die Meinung ist frei und die Medien sind frei. Alle sind so frei, dass sie in aller Freiheit sich selbst unfrei setzen dürfen, aus Vernunft die Freiheit begrenzen oder aufgeben, hintanstellen oder neu, spezifiziert, definieren: die Freiheit zur Unfreiheit ist unser aller höchstes Gut. Es wird immer gegen jeden Angriff verteidigt.


Am 13. August 2009 erschien in der renommierten New York Times der Artikel «Yale Press Bans Images of Muhammad in New Book». Detailliert wurde berichtet, wie der angesehene akademische Verlag der drittältesten Universität des Landes die Studie «The Cartoons That Shook the World» der aus Dänemark gebürtigen Professorin Jytte Klausen von der Brandeis University zensurierte, nachdem eine Expertengruppe, die allerdings anonym bleibt und auch von der Autorin nicht zitiert werden darf, davor warnte. Es wurde expertenhaft erkannt, dass eine Gefahr entstehen könnte wie anno dazumal, als islamische Radikale an die 200 Menschen in ihrem Ärger ermordeten, Botschaften besetzten, Strassenkrawalle entfachten bzw. allgemein Hatz auf verhasste Europäer tätlich und medial umsetzten. Das wurde vom Verlag als unverantwortbar ersehen, weshalb nicht nur die inkriminierten Karikaturen nicht erscheinen, sondern auch andere Illustrationen nicht, die Mohammed zum Inhalt haben. Das Buch soll im November dieses Jahres erscheinen, als blosser Textband.

Interessant ist, dass der Artikel der Journalistin Patricia Cohen mit einer symptomatischen Bemerkung einleitet: «It's not all that surprising that Yale University Press would be wary of reprinting notoriously controversial cartoons of the Prophet Muhammad in a forthcoming book. After all, (...) In the end at least 200 people were killed.»

Vernünftige Begründung einerseits, demaskierende Bemerkung andererseits: «es ist überhaupt nicht überraschend». Wirklich nicht? Nicht mehr? Es brauchte nur ein paar faschistische Islamisten, Morde und Einschüchterung, und man kuscht und duckt sich? Nennt das dann Verantwortungsbewusstsein?

Die Meldung wurde von einigen Zeitungen gebracht. Aber sie erregte nicht mehr das Aufsehen, das dem Thema zustünde. Der islamische Terror hat sich zwar verlagert, aber der menschenverachtende Ungeist ist weiter tätig. Im Schutzmantel von reklamierter Religionsfreiheit wird die Freiheit anderer nicht nur beschnitten, sondern als Grund für Mord und Totschlag, Terror und Krieg genommen. Und von vielen Gutmenschlern im ach so freien Westen gutgeheissen. Sie haben Verständnis mit den armen Islamisten, den einfältigen Opfern in unserer grausamen kapitalistischen Zeit.

(Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: ich unterschreibe nicht die anti-islamische Politik der USA und Israels und bin, bei gleichzeitiger Kritik der arabischen oder islamischen Regime z. B. dafür, dass der Iran hoffentlich Atomwaffen einsetzbar hat, wenn er von Israel atomar angegriffen werden wird. Auch wenn ich religiöse Fanatiker verachte, spreche ich keinem Anti-ismus zu, weder einem antiislamischen, noch einem antisemitischen.)

Andere werfen ein, es sei zu unterscheiden von islamischen Radikalen und Moslems allgemein etc. Ja, stimmt ja alles. Trotzdem: wenn so wischi-waschi-feig im 2. Weltkrieg gegen die Nazis vorgegangen worden wäre, hätten sie doch noch gesiegt. Das Vorgehen war notwendigerweise mit einer Propaganda gegen den Feind verbunden, die nicht sensibel-diffizil zwischen nichtnazistischen Deutschen und Nazis bzw. sogar nichtbösen Nazis unterscheiden konnte, wollte sie tauglich und wirkungsvoll sein. (Später war man allzu verständig mit der Entnazifizierung, aber das ist ein anderes Kapitel.)

Zudem ist die Freiheit auch ohne islamische Drohung nicht immer wirklich oder lange frei. Bei uns im freien Westen wird in einigen Ländern die Freiheit der Wissenschaft in einigen Bereichen oder «brandheissen» Themenbereichen klar beschnitten: In der Humanbiologie zum Beispiel oder in der Historie. Falls wer anerkannte Wahrheiten zur Rede stellt, kann ihn das seinen Job oder das freie Leben kosten. Das trifft nicht nur Leugner des Holocaust, sondern auch andere «Geschichtsrevisionisten». Hier setzt sich eine Tradition fort, die die Sowjets eisern hart eingeführt und bis zu ihrem Zusammenbruch durchexerzierten, die heute von Israel und anderen Gutmenschlerstaaten für viele Bereiche übernommen wurde.

Von wegen Israel und Juden: welche als antisemitisch erkannte Karikaturen dürfen in westlichen Medien publiziert werden? Meist reicht schon eine Kritik an Israels Kriegen aus, um als Antisemit denunziert zu werden. Meinungsfreiheit? Freiheit der Wissenschaft? Wo, welche? Was den Juden der Holocaust, ist den Moslems Allah und sein Profet.

Wie frei sind Wissenschaftler und wie frei werden Studien finanziert, die sich der Frage US-amerikanischer Kriegsverbrechen widmen? Die Freiheit muss schon sehr, sehr frei sein, wenn heute, nach 64 Jahren, der völlig inakzeptable Massenmord durch zwei Atombombenabwürfe immer noch von einer Mehrheit der Bevölkerung der Leitmacht gutgeheissen wird. Welche Bildung hat da über Jahrzehnte wie gewirkt?

Freiheit ist also ein sehr relativer und dehnbarer Begriff. Dass so unumwunden peinlich der Opportunismus, die schnöde Feigheit, das zynische Kalkül herausgestrichen wird, entspricht unserer widersprüchlichen Kultur, deren Werte schwach geworden sind. Es scheint nicht nur so, sondern es ist, dass Newspeak regiert. Noch darf man das sagen, vielleicht nicht mehr illustrieren.

Voriges Jahr hat die grosse Verlagsgruppe Random House die Publikation eines Buches, dessen Rechte sie für 100.000,00 Dollars erworben hatte, storniert, ebenfalls nach der Berufung einer Expertenkommission und ihren Bedenken. Die Begründung des Verlages stellt ein einmaliges Dokument von Newspeak und Double Bind dar. Dieser Text sollte Eingang in Lehrbücher finden und breit und tief diskutiert werden. Eine Gesellschaft, die solche Geistesvertreter hat, braucht keine Feinde mehr, sie schwächt sich selbst. (Und in der Tat spüren wir tagtäglich die Auswirkungen dieser Schwäche, dieses verantwortungslosen Opportunismus!)

Professor Stanley Fish nannte in seinem Blog in der New York Times das Vorgehen von Random House nicht Zensur, sondern freie Entscheidung zu publizieren oder eben nicht. Er hat recht. Etwas nicht zu publizieren, ist nicht gleichbedeutend mit Zensur. Neben der Zensur als staatlichem Verdikt mit Sanktionsandrohung bei Missachtung gibt es aber auch eine sogenannte Selbstzensur: die liegt vor, wenn jemand veröffentlichen würde, aber aus anderen als literarischen, ästhetischen, wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Gründen davon Abstand nimmt. Random House hatte schon die Rechte eingekauft und geplant, das Buch zu publizieren. Und zurückzogen, nachdem all dies schon öffentlich bekannt geworden war. Das ist wohl ein Unterschied zu Absichtsabwägungen, die davor geschehen.

Nachdem das Buch mit etwas Verspätung von einem anderen Verlag veröffentlicht wurde, und ein britischer Verlag nachzog, konnte die britische Präsentation nicht wie vorgesehen erfolgen, weil eine Bombendrohung dies verhinderte.

Das Buch wurde sehr schlecht kritisiert; im Westen nach literarischen Gesichtspunkten, von den meisten Moslems wegen religiöser und historischer Aspekte. Aber darum darf es bei einer Grundentscheidung nie gehen: Freie Meinungsäusserung darf nie von der Qualität abhängig sein, sie ist, wie beim Menschen, ein Grundrecht (wir verlangen den Respekt des Menschenlebens unabhängig davon, ob jemand krank, wirr oder Straftäter ist).

Der Ton, den Random House anschlug, fand jetzt seine akademische Fortsetzung: das Regime der Quislinge und Wendehälse wird stärker und stärker, auch und besonders in den USA.

weiterführende Links:

Media letter by Random House about cancellation of publication of The Jewel of Medina

Yale Press Bans Images of Muhammad in New Book

Crying Censorhsip

Islamic Comics and Cartoons of Muhammad from around the World!

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