Prima vista = prima facie

28.06.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Das positivistische Denken gilt heutzutage positiv bzw. positiver als noch vor Jahren, da die blosse Faktizität, das Gegebensein, wie es erscheint als Erstanblick, noch nicht einfach unkritisch hingenommen wurde, weil das Wissen um die Vorläufigkeit der Bedeutung und Qualität des Eindrucks, der Erstsicht, noch wach war.


Früher wussten viele, dass «prima vista» «bei Sicht» bedeutet, z. B., einen Wechsel bei Sicht, also Vorlage, bezahlen. Oder dass man den «ersten Blick», die Erstsicht meinte, die spontane, ungeplante. Heute wird meist das vom Blatt Spielen verstanden, wenn eine Sängerin oder Musikerin Noten ohne vorherige Kenntnis und Übung direkt vom Blatt singt oder spielt.

Auf den ersten Blick bedeutet «prima facie» ebenfalls «auf den ersten Blick» (bei/vom erstem/n Angesicht). Aber dieser Begriff ist in einer anderen Dimension angesiedelt: man versteht ihn juridisch als Anscheinsbeweis, wenn etwas als Beweis (ähnlich dem Indiz) beim ersten Anschein gilt, sozusagen als Selbstevidenz, Offensichtlichkeit. Im Rechtlichen gilt dieser Beweis des ersten Anscheins nur so lange, als er durch andere Tatsachen nicht widersprochen wird. Auch hier ist die Vorläufigkeit ein Bedeutungselement.

In der Filosofie oder Erkenntnistheorie versteht man unter prima facie entweder einen spontanen Schluss, einen nicht (lange) überlegten oder einen, der bis auf Widerruf gilt. Da in der Wissenschaft ganz allgemein jede Aussage nur solange gilt, als sie nicht von anderen Fakten und Erkenntnis widersprochen und überholt wird, wird hier das Vorläufige des schnellen Schlusses betont.

In einigen Lexika oder Dictionaries werden die beiden Begriffe gleichwertig gedeutet, was einem Verwischen und Mindern der spezifischen Bedeutungsgehalte gleichkommt. Diese Simplifizierung drückt sich auch im Alltag aus und geht einher mit einem reduzierten, einfacheren, gröberen Verständnis von Sein und Schein, von Faktum und Anzeichen, vom Wahrheitsgehalt des Einzelnen (Detail) und dem des Ganzen (Struktur, Kontext).

Gewöhnt man sich an die einfache Sicht und Verständnis, folgt man einem vulgären Positivismus (wahr ist, was ist) und fragt nicht nach Kontextfaktoren, nach Hinter- und Vordergründen, nach Zusammenhängen, erzeugt man Missverstehen und Falschverstehen, mindert also sein mögliches Wissen. Es ist so, als ob jemand die zugeschriebene Wortbedeutung als fix nähme und nicht berücksichtige, dass nicht nur verschiedene Wortbedeutungen existieren, sondern auch die zugeschriebenen sich ändern, je nach Verwendung im Satz bzw. dass sich der Sinngehalt in einer übergeordneten Aussage (Bedeutung) sogar im Absatz ändern kann. Die Syntax wirkt bedeutungsgebend ein: allein die Wortstellung im Satz drückt Verschiedenes aus: «Mann beisst Hund» klingt unglaubwürdiger als «Hund beisst Man». Die prima facie überzeugte uns bei letzterem Fall, allerdings nur so lange, als keine weiteren Informationen das Gegenteil beweisen.

Wenn ich etwas sehe, muss ich es in einem Umfeld, einem Kontext einordnend deuten, um es adäquat verstehen zu können. Je nach Komplexität der Situation und zu verarbeitenden Zeichen im Kommunikationsprozess geschieht dies sehr schnell und einfach. Erst wenn etwas überrascht, befremdet, erstaunt, weil es dem Üblichen nicht entspricht, sich abhebt, unterscheidet usw., schauen wir zweimal, überlegen wir weiter, grübeln, trauen unseren Augen und Ohren nicht, vergewissern uns, prüfen. Wir belassen es nicht beim Erstblick oder Ersteindruck.

Die moderne Technik erleichtert Kommunikationen enorm, vor allem durch ihre Beschleunigung und die leichte, massenhafte Verbreitung. Wird nun, über Tastendruck, weltweit kundgetan, was man sah, kursieren für viele «Fakten», obwohl die Bilder oder Behauptungen entweder nur Abbilder, aus einem Kontext herausgelöst, oder Assertionen sind, die sich auf Ersteindrücke stützen. Es fehlt anscheinend die Zeit der Prüfung, der Vergewisserung einerseits, und es herrscht ein vordergründiges Vertrauen in das Gesehene, den Erstblick. Die bedingte Vorläufigkeit wird nicht mehr berücksichtigt. Der Beweis wird ja geliefert, z. B. mittels einer Aufnahme (Foto oder Video).

So sah kürzlich jemand einen LKW mit holländischem Kennzeichen bei einer bekannten Käserei in Oberösterreich abladen. Er fotografierte mit seinem Handy den «Sachverhalt» und stellte die prima facie, das Foto, sofort ins Internet, wo es als Beweis verstanden wurde, dass die Käserei nicht, wie behauptet, österreichische Milch verwende, sondern billige holländische. Es genügte, dass ein ausländischer LKW dort seine Fracht entlud. Der Erstblick war sofort zum Anscheinsbeweis geworden - und wurde «bar» (gültig) genommen. Es wurde nicht nachgefragt, nicht vergewissert oder geprüft. Es genügte. Diese falsche Genügsamkeit auf den ersten Blick ist nicht nur dumm und borniert, sie ist falsch, schädigend und unter Umständen gefährlich.

Es stellte sich heraus, dass der LKW zwar aus den Niederlanden stammt, aber einem österreichischen Frächter gehört, der auch in Holland einen Betrieb hat. Fast keiner der wagemutigen Schnellschiesser denkt weiter als bis zum Aufnahmeknopf: es stimmt, was ich sehe. Der Verleumder ist sich keiner Schuld bewusst. Ich hab doch nur fotografiert. Dass das Foto aber nicht unbedingt das aussagt, was aus ihm herausgelesen wird, fällt nur denen auf, die den Unterschied zwischen prima vista, prima facie und eigentlichem Tatbestand oder Sachverhalt bedenken.

Die Käserei hatte telefonische Drohungen erhalten, musste sich massiv gegen den Rufmord wehren und kann den zusätzlichen Imageschaden noch gar nicht abschätzen. Wenn man sich vor Augen führt, was geschieht, wenn solche Leichtgläubigkeit auf anderen Gebieten kommuniziert wird, wundert man sich nicht, wenn das bornierte, engstirnige Publikum nächstens auf vermeintliche Täter einschlägt, gewisse Menschen jagt oder Anwesen in Brand setzt usw. Und immer verweisen sie auf den Augenschein oder das Dokument im Internet: dort steht es, dort habe ich das Bild gesehen! Ja und? Welche Aussage, welches Bild? Von wem, wann wie aufgenommen, wiedergegeben? Geprüft oder ungeprüft?

Die politische Propaganda baut auf die unkritische Haltung. Ihr kommt die verdummte Leichtgläubigkeit zu Hilfe. Das schwächt nicht nur das politische Bildungsniveau, sondern auch das generelle. Im Verein mit dem Internet ist eine neue Dimension der Falschinformation angebrochen. Wir müssen viel mehr Sorge lehren und eine gesunde Portion Skepsis. Sonst kochen wir mehr und mehr Gerüchte.

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.