Berlin, die Sinfonie der Großstadt

09.07.2009 Walter Gasperi

Die edition filmmuseum bietet auf der von ihr herausgegebenen Doppel-DVD nicht nur Walter Ruttmanns bahnbrechenden Großstadtfilm «Berlin, die Sinfonie der Großstadt», sondern auch seine Kurzfilme, den Weltreisefilm «Melodie der Welt» sowie einen CD-Rom-Bereich mit zahlreichen Texten zum Regisseur.


Der Untertitel «Sinfonie» sagt schon Einiges über die Form des 1927 entstandenen Films. Denn Ruttmann, der vom absoluten Film kommt, von formalen Spielereien mit Formen und handgemalten oder viragierten Farbbildern, wie sie seine Kurzfilme «Opus I – IV» (1921 – 1925) vorführen, und der daneben liebevoll animierte, verspielte Werbefilme für einen Autoreifen («Der Sieger», 1922), Liköre («Das Wunder», 1922), eine Ausstellung («Der Aufstieg», 1926) oder AEG («Spiel der Wellen», 1926) drehte, legte seinen Großstadtfilm «Berlin, die Sinfonie der Großstadt» (1927) wie ein Musikstück an.

Geschildert wird ein Tag im Leben einer Großstadt, von der ruhigen Nacht mit der rasenden Fahrt eines Dampfzuges durch die Vorstädte, über das Erwachen mit Einsetzen der Fabriksarbeit, der Schule, der Büroarbeit und die Mittagspause bis zum neuerlichen Einsetzen der Arbeit und dem sich anschließenden Nachmittagscafe, dem frühen Abend und schließlich der Illumination der Großstadt bei Kinobesuch, Varieté, Tanz- und Sportveranstaltungen bis hin zu einem den Film beschließenden Feuerwerk.

Ganz von der Montage, vom Rhythmus der Bilder, der schnell bei dampfenden Lokomotiven und stampfenden Fabriksmaschinen, dann langsam bei den Ruheszenen ist, wird dieser Film bestimmt. Angetrieben und rhythmisiert werden die Bilder dabei zudem durch die Musik von Edmund Meisel, dem Komponisten der Musik von «Panzerkreuzer Potemkin».

Alles was Großstadt und was die Folgen oder Errungenschaften der Industrialisierung ausmacht, trifft hier zusammen von der Eisenbahn über stampfende Maschinen in einer Fabrik bis zur Illumination der Nacht durch die Elektrizität und gemeinsam bringen diese Errungenschaften die pulsierende Großstadt hervor, die wiederum durch den Film – ebenfalls eine Errungenschaft dieser Zeit – auf Zelluloid gebannt wird.

Nicht tiefschürfend wird hier die Großstadt erforscht, sondern in einem Rundumschlag, in dem Szenen von Bettlern und armen Straßenmusikanten, von tristen Sozialbauten und dem schicken Leben der High Society unmittelbar aufeinander treffen, wird ein Einblick vom pulsierenden Leben in der Metropole vermittelt, ohne irgendeinen sozialkritischen Akzent zu setzen. Individuen interessieren Ruttmann nicht – es geht einzig um den Rhythmus der Bilder.

In seiner Nüchternheit ist «Berlin, die Sinfonie der Großstadt» ein Musterbeispiel für einen Film der «Neuen Sachlichkeit», der Vorwurf, dass sich in diesem Film schon nationalsozialistische Ästhetik findet, scheint freilich zu weit gegriffen. Bahn brechend ist Ruttmanns Film in seiner Reduktion aufs Zeichenhafte vielmehr, ein Vorreiter der Op-Art, des Postmodernen Kinos und mit blick auf die Musikalische Fantasie «In der Nacht» ein Vorläufer der Musik-Videoclips.

Wichtiger als inhaltliche Tiefe ist die Fülle der visuellen Eindrücke, das Einprasseln von Bildern und Eindrücken, die Ruttmann durch die Montage rhythmisiert und den Zuschauer dadurch in einen visuellen Rausch hineinzieht. Zeitlos ist dieser Film in diesem rein formalen Ansatz und zeitlos in seiner mitreißenden Dynamik.

Der Weltreisefilm «Melodie der Welt», der zugleich der erste deutsche Tonfilm war, kann damit nicht mithalten. Kühn ist der Entwurf, die Kulturen der Welt, Religionen, Alltagsleben, Freizeitvergnügungen, Tanz und Frauenleben in einer Montage zu verschmelzen, doch diesem Querschnittsfilm – nichts anderes ist auch «Berlin, die Sinfonie der Großstadt» – fehlt im Gegensatz zum «Berlin»-Film das Zentrum, der Punkt, der den Film wirklich zusammenhält, zum Klingen, zum Stampfen und zum Atmen bringt.

Mustergültig ist die Doppel-DVD editiert, gibt nicht nur einen Überblick über Ruttmanns Gesamtwerk, sondern im CD-Rom-Bereich auch jede Menge Material zur zeitgenössischen Rezeption von Ruttmanns Werk und in einem 20-seitigen Booklet Infos zur Restaurierung der Filme – die DVD bietet auch Szenenvergleiche verschiedener Restaurierungen und Umkopierungen – und liefert in einem 85-minütigen Radiofeature des Bayrischen Rundfunks eine eingehende Würdigung von Leben und Werk Walter Ruttmanns.

Ausschnitt aus «Berlin, die Sinfonie der Großstadt» (andere Musik)

  • Berlin, die Sinfonie der Großstadt (1927)
  • Berlin, die Sinfonie der Großstadt (1927)
  • Berlin, die Sinfonie der Großstadt (1927)
  • Opus I (1921)

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.