Verdingen

17.05.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Vor wenigen Tagen traf ich zufällig in Wien auf Demonstranten der GPA. Der U-Bahnwaggon war steckvoll gepresst mit bekappten Aktivisten. Lautes Gerede. Ich wurde gefragt, was ich davon halte. Was wovon? Von den verschleppten Lohnverhandlungen, von den Tarifabschlüssen, von der Demonstration. Ich antwortete, die Demonstration sei zu wenig und zu spät. Die Gewerkschaft nicht glaubwürdig nach jahrelangem Verrat der Werktätigen und Bereicherung seitens hoher Funktionäre. Die Sozialdemokraten wissen nichts mehr von Lohnarbeit; die hohen Funktionäre sind Grossverdiener und Apparatschicks.


Nadelstreifschwätzer, die so nebenbei, wie der geölte Vranitzky, Millionen einheimsen. Die bemühte Sozialpartnerschaft ist ein Betrug. Die SP bester Agent der Unternehmerklasse. Die Regierung folgt der EU in der Stützung der Wirtschaftsverbrecher. Der Skandal fordere mehr als Demonstrationen. Eigentlich sei ein Generalstreik vonnöten, und zwar nicht nur in Österreich, sondern in der ganzen EU. «Nein, nein, wir streiken nicht, wir demonstrieren!» war die Antwort des Gewerkschafters. «Eben, das wissen die andern. Deshalb geht's weiter wie bisher.» meinte ich. Die Demonstration wurde als Erfolg verbucht. Österreichische Lösung bewährter Scheinpolitik.

In einem Blatt der deutschen WAZ-Gruppe, aber auch im Westdeutschen Rundfunk, lese ich von der Empörung über eine Werbekampagne einer Zeitarbeitsfirma, die Leiharbeiter vermietet und wirbt: «15% Rabatt auf alle Hilfs- und Fachkräfte. Setzen Sie den Rotstift an, denn die Wirtschaftskrise trifft jeden.» Gewerkschafter reden von Verletzung der Menschenwürde und verwahren sich gegen diese «Geschmacklosigkeit». Ein Firmenvertreter meint erschrocken: «(Wir) sehen die Mitarbeiter auch nicht abschätzig als Ware, sondern als wertvolle Humanressource». Aha. Ressourcen sind was? Würdevolle Menschen? Die nach Marktwert bewertet, bemessen, abgewogen und verschoben werden? Verschaukelt und verkauft oder «frei gesetzt», wie Tiere, die man wieder in die Natur, die Wildnis entlässt?

Die Werbung ist kein faux pas, obwohl er von Pseudolinken dankbar als Anlass zur Ablenkung verwendet wird. Sie ist nur logisch in einer Zeit, wo wenige viel verdienen und viele viel draufzahlen und abgeben müssen. Das hat System. Dem wird mit flotten Sprüchen oder Demonstrationen nicht beizukommen sein. Da helfen auch rote Fahnen nicht, die man schwingt. Es müsste schon Anderes geschwungen werden!

Die Malaise kam und kommt nicht von ungefähr. Als der rücksichtlose Kapitalismus und die damit verbundene Konsumsucht Prämien lieferte, «incentives», Boni und Gustostückerln, Gutscheine und Gratiszulagen, scherten sich weder Gewerkschafter noch Linke noch Werktätige um Hintergründe. Hauptsache, man war gut drauf und obenauf. Jetzt, wo's wackelt und manche fallen, einige bis in die Gosse, klingt das breite Jammern an. Die ganz Dummen folgen wieder den gefährlichen Demagogen und Populisten, die der Staat seit langer Zeit gehätschelt und geschützt hat. Auch das ist System, dass die Rechten immer bagatellisiert wurden. Denn Unruhen sind auch Chancen. Für bestimmte Politiken.

Aber überlegter Widerstand artikuliert sich nicht. Scheinbar ohnmächtig nehmen die Massen das Gegebene wie gegeben hin. Sie lassen ihren Zorn, wie ehedem, an falschen Sündenböcken aus. Plötzlich sind Alte zu teuer, die Pflege ein Luxus und Gastarbeiter eigentlich schmarotzende Fremde, die man rausjagen muss. Die Gratisblätter, Lieferanten der organisierten Dummheit, frönen diesem Ungeist. Weil die noch nicht ganz rechten Parteien aber jede Glaubwürdigkeit verspielt haben, nimmt niemand ihre Parolen ernst. Sie strafen sich zudem mit ihren Aktionen täglich Lügen. Obwohl also kein Vertrauen herrscht, erwacht kein Widerstand. Eine Dumpfheit wie bei kranken Kälbern, kurz vor dem BSE-Rasen und Einknicken, hält die Masse tumb.

Derweil trällern berufsmässige Verblöder fröhliche Klänge, am Morgen, am Abend, verkaufen Showheinis Millionen als Bildungsedutainment, grinsen blökend unreife Ungebildete in Talk Shows und VIP-Lounges und saufen Jugendliche sich voll, um es den verarschten Alten gleich zu tun. Lehrer werden pauschal beschimpft und die wahren Verantwortlichen der Unbildungsmisere weder erkannt noch genannt.

Ideologie ist ein Fremdwort, das der Heimische nur in Ausnahmefällen kennt, und der «Zuagraste» wahrscheinlich noch weniger.

Wer soll da ein Bild von Würde, Humanitas pflegen, wo die Praxis auf Vermarktung, Verdinglichung ausgerichtet ist? Der Mensch ist Ware, so, wie seine Leistungen nur als Ware bewertet werden. Nichtwaren sind gratis, haben keinen Wert. Der Menschenwert ist Warenwert. Nur er taugt für Geschäfte und Mehrwertertrag. Eine Art Verwarung (!). Früher nannte man das Entfremdung. Ein Begriff, der nur von wenigen verstanden wurde. Jetzt anscheinend gar nicht mehr (die Unbildungsdebatte beweist es).

Es hängt nicht am Informationsmangel. Nichts davon ist verborgen, alles gewusst und kommuniziert. Man muss nur wollen: denken, wahrnehmen, verarbeiten, wissen. Erschreckend, weil wahr, was Jean Ziegler vermeldet. Noch erschreckender, weil es beweist, dass nach den Erfahrungen des letzten «grossen Krieges» keine wesentlichen Änderungen zum Positiven erfolgten, sondern nur ins Negative. Wer kennt heute noch die Schriften von Autoren der Frankfurter Schule, die glasklar und schneidend scharf damals schon die heraufdämmernden Umrisse der neuen Barbarei feststellten und deuteten? Wer erinnert sich an Günther Anders, der hellsichtig in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts kritisch warnte und versuchte aufzurütteln? (Ich empfehle heute seinen Text (wieder) zu lesen «Die Toten. Rede über drei Weltkriege.» Wer Augen hat, dem werden sie fast übergehen.)

Wir verdingen uns. Viele von uns kollaborieren. Wir sind mehrheitlich eine Bande feiger Mitläufer. Auch wenn einige demonstrieren.

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.