El baño del Papa

Ein Papstbesuch ist in Zeiten der medialen Inszenierung nicht mehr ein bewegendes spirituelles Erlebnis, sondern ein Großereignis, von dem man auch wirtschaftlich profitieren kann. Diese Chance möchten sich in dieser einfachen, aber in seiner Lebensnähe und Warmherzigkeit das Herz erfreuenden Tragikomöide auch die Bewohner der brasilianisch-uruguayischen Grenzstadt Melo, in der Johannes Paul II. 1988 tatsächlich einen Wortgottesdienst hielt, nicht entgehen lassen.
Ein Insert haben die beiden Uruguayer Enrique Fernandez und César Charlone ihrem Debüt vorangestellt: «Die Geschichte ist im Grunde wahr, nur der Zufall verhinderte es, dass sie sich so abspielte, wie sie hier erzählt wird». – Da wird einerseits Authentizität behauptet, andererseits diese aber schon mit augenzwinkernder Ironie gebrochen. Und diese Mischung kennzeichnet den ganzen Film, denn Fernández/Charlone mischen gekonnt TV-Bilder von den realen Ereignissen mit ihrer Geschichte und führen so einen Diskurs über mediale Inszenierung und das echte Leben, über Glücksversprechungen durch die Medien und was diese beim Publikum auslösen und wozu sie führen.
Mit dem Papst haben die Bewohner der an der uruguayisch-brasilianischen Grenze gelegenen Kleinstadt Melo zunächst einmal wenig zu tun. Vielmehr sind Beto, der Afrikaner El Negro und ihre Freunde zunächst einmal damit beschäftigt für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt zu verdienen. Mit ihren Fahrrädern schmuggeln sie im Auftrag der örtlichen Bar und des Gemischtwarenladens Produkte für den alltäglichen Gebrauch über die Grenze. Auf der Hut müssen sie dabei vor den Grenzsoldaten sein und, ob die Schmuggeltour gut geht, hängt vielfach auch davon ab, wer am Grenzbalken kontrolliert. Manchmal können die sympathischen Schmuggler nur durch eine wilde Flucht mit dem Rad sich und die Ware retten – und manchmal klappt auch das nicht.
Ganz nah ist die Kamera von César Charlone, der Berühmtheit erlangte durch seine Arbeit als Kameramann für Fernando Meirelles «City of God», «The Constant Gardener» und «Blindness», an den Figuren, vermittelt mit unruhigen und schnellen Bewegungen Unmittelbarkeit und bettet die Figuren in großartigen Totalen dann wieder in die Weite der menschenleeren grünen Grenzlandschaft ein. Meisterhaft vermittelt Charlone dabei auch mit dem Wechsel des Lichts und der Farben die Stimmung des kalten Morgens oder des milderen Nachmittags.
Ungeschminkt, aber mit genauem Blick für Details und aus sichtlicher Kenntnis der Verhältnisse heraus schildern Fernández/Charlone so voll Liebe zu den Menschen im Stil des italienischen Neorealismus das harte alltägliche Leben. Bestechend fängt die Kamera dabei auch die Atmosphäre einer Bar oder eines Ladens und vor allem die in Betos einfacher Behausung in sorgfältig gestalteten Bildern ein: Fließendes Wasser gibt es nicht und eng ist der Raum für Beto, seine Gattin Carmen und die fast erwachsene Tochter Sylvia. Man träumt von einem besseren Leben, Beto will materiellen Wohlstand, seine Tochter will Radiojournalistin werden und probt immer wieder vor dem Spiegel.
Die über den Fernseher in der Bar verbreiteten Meldungen vom anstehenden Papstbesuch setzen auch die Bewohner von Melo in Bewegung, wecken in ihnen Hoffnungen auf das große Geschäft. Im Fernsehen wird nämlich vom Massenansturm bei den Papstvisiten in Brasilien berichtet, von gewaltigem Umsatz an Würsten und Getränken. Verschuldet haben sich die Einwohner dieser Städte und Haus und Hof verpfändet, um die nötigen Investitionen tätigen zu können.
Was anderswo klappt, muss doch auch in Melo funktionieren, denken sich die Bewohner der Grenzstadt und beginnen zu investieren, denn man rechnet ja mit 50000 Besuchern, vor allem Brasilianer sollen kommen. Beto glaubt eine Marktlücke entdeckt zu haben: Wenn viel gegessen und getrunken wird, muss auch ausgeschieden werden, ist seine Schlussfolgerung und er beschließt deshalb in seinem Garten eine öffentliche Toilette zu errichten. Frau und Tochter sollen mit Toilettenpapier und Wasserkübel die Besucher bedienen, er selbst will am Eingang kassieren. Mit dem Einnahmen könnte er sich endlich ein Motorrad kaufen, von dem er schon lange träumt und das den Schmuggel wesentlich erleichtern würde.
Um das für den Bau nötige Geld aufzutreiben macht er sogar Geschäfte mit einem fiesen Grenzpolizisten und belügt seine Familie. Und dennoch zahlt sich der Einsatz nicht aus, denn schließlich kommt alles anders als erwartet.
Das ist sehr warmherzig und witzig erzählt – und ist doch keine Komödie. Und obwohl der Hintergrund mit der Verarmung der Länder des Südens und den verheerenden Folgen der medialen Inszenierung sehr ernst ist, kommt «El baño del Papa» wunderbar leicht daher. – Nur scheinbar harmlos ist diese Tragikomödie, denn dahinter verbirgt sich ein gewitzter und treffender Kommentar zum Verhältnis von großer Welt und kleinem Dorf, von der Verführungskraft falscher Glücksversprechen und ein zutiefst menschliches Plädoyer für den Primat sozialer Beziehungen vor wirtschaftlichem Erfolg: Wenn der Papst kein göttliches Geschenk bringt, sondern nur Müll zurücklässt, hilft nur noch ein Flaschenwurf gegen den Fernseher und damit gegen die verlogene mediale Darstellung solcher Ereignisse.
Trailer zu «El baño del Papa»:
