Pseudointimitäten

26.04.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Christoph Schlingensief enttäuscht seine nervöse Fangemeinde und stirbt immer noch nicht. Er sagte zwar den Buchpräsentationstermin seines Krebstagebuchs wegen eines Fieberschubs ab, aber er ritzte die Kurve und sucht weiter nach neuen Inszenierungen. Dabei hätte die Chance bestanden, dass der Paradetyp des lauten, unverbindlichen, frechen, gehetzten, dummen, leeren, zappeligen, hyperaktiven, blendenden, beleidigenden, charmanten, säuselnden, geilen, egomanischen Halbgebildeten seine finale Performance leistet und den Zusammenschluss von Show, Lügentheater und Realität endlich einmal wahrmacht.


Er hat gekniffen. Wäre er auf der Bühne zusammengebrochen, auf dem Podium, im Scheinwerferlicht jedenfalls, hätte er also sein Ende «im Dienst» gefunden, wie ein General am Feld und nicht im Bett, dann hätte er den Zynismus endlich zu Ende gebracht. Er hat es nicht geschafft. Er lebt noch weiter und hält es nicht aus, dass sein Tod privat sein wird. Also liefert er Shows, öffentliche, bis es, ja das ES, halt doch realer sein wird.

Schlingensief entsprach dem Kurzdenker, der es zu etwas bringt. Ein Rapporteur, der dem alten Authentizitätsgefasel folgte, dass alles, was ohne Kontrolle, das heisst, ohne es der Vernunft zu «unterwerfen», rauskotzt, schreit, entleert, frei und selbig, authentisch sei. Der Künstler als Ausspeier. Ein Scheisserle, wie man in Schwaben sagt. Einfach raus, drunten und droben. Das verhinderte Denken und Reflektieren, das brachte ihn auf die Erfolgsbahn des Unbedachten, des Schnellen, des Pseudo.

Ausgerechnet die eigene Krankheit zum Tode macht ihm einen Strich durch diese Praxis. Rafft er sich hoch und legt sich in einen Ausstellungsraum eines Museums, um den Abgang zu inszenieren, um die Gemeinde beim Sterben teilnehmen zu lassen? Weshalb nicht die Container reaktivieren, mit denen er verantwortliche Politik machte? Warum nicht ein Supertaxi Orange inszenieren als Soloshow, ohne Groupies und Statisten? Nur Kameras und Mikrophone. Aufzeichnung für eine Welt, von der er zu recht befürchtet, dass sie rasch vergisst, wie er vergessen hat. Zum Schluss also noch verzweifelt ein paar Lebensakte und Aktionen fürs Archiv. Was für ein Leben!

Was für ein Kulturbetrieb, was für ein Publikum! Während ein Popstar zwecks letztem Geldverdienen für die hinterbleibenden Kinder öffentlich vor Fernsehkameras den Krebstod stirbt, woanders die Polizei nach Staatsanwaltsauftrag eine Popsängerin «aus dem Verkehr zieht», weil «Wiederholungsgefahr» vorliege, als HIV-Infizierte jemanden anzustecken, will ein Grossmaul sein Buch präsentieren und liegt im Bett. Aber fast alle Medien haben ihre Geschichten und dürfen auf nächste warten. Es ist nicht der Kulturbetrieb, der «gnadenlos» ist. Es ist die Geilheit der Mitmacher und Mitläufer, der Herdentiere, die mal gern die Rolle zum Hirten einnehmen, zum VORbild, zum LEADer, Leiter, DIRektor. Hirten und Herde bedingen und entsprechen sich. Das ist eben die Herdenkultur. Eigentlich sollte sie noch ärger sein. Sie hat Energie verloren. Man kann sich nicht mal mehr auf die lauten Gören und Jungs verlassen.

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