Mitläufer als Kulturhelden

29.03.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Um interessante Kunst zu produzieren braucht man weder Held zu sein, noch politisch korrekt oder aktiv oder sonst was. Man muss sein Metier beherrschen und etwas zu sagen haben und das in gültiger Form. Das ist das Eine. Das Andere ist, den gesellschaftlichen, politischen Aspekt ausblenden oder in Abrede stellen.


Nach jeder grösseren Katastrofe, wie dem Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust, den stalinistischen Säuberungen, dem GULAG, ist man nicht nur mit Werken konfrontiert, sondern auch mit Künstlern, die sie verfasst, geschaffen haben. Auch PGs, Denunzianten, Feiglinge, Hetzer, Krieger, Rassisten können Werke geschaffen haben, die andere Qualitäten aufweisen. Ein Furtwängler hier, ein Karajan dort, ein Benn oder Heidegger, aber auch ein Louis-Ferdinand Céline oder Josef Weinheber, ein Mircea Eliade oder Emil Cioran, Hermann Kant und Tausende von «normalen» Schreibern, Künstlern - Mitläufern, haben oft ein Werk, das anders als ihre Person zu beurteilen ist.

Mitte März 2009 wurde im Schweizer Fernsehen in der Sendereihe «Sternstunde der Philosophie» ein Gespräch mit dem albanischen Schriftsteller Ismail Kadare ausgestrahlt, in welchem peinsam deutlich wurde, wie unverblümt, borniert selbstgerecht, falsch schönredend heute jemand sein kann und trotzdem gewürdigt wird. Nicht das Werk, was hinzunehmen wäre, sondern seine Person. Der Mitmacher, der Mitläufer, der Eingepasste, das Opfer, zählt X Sachzwänge und Gründe auf, weshalb in der schrecklichen Diktatur unter Hoxha keine Opposition, kein Widerstand möglich gewesen sei und betont gleichzeitig, eitel trotzig, dass sein Werk, unpolitisch, sein ureigenstes sei und überall so entstanden wäre.

Er leugnet die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Bedingungen als Einwirkungsfaktoren, blabbert von autonomen Kunstwerken und bagatellisiert sein Mitmachen im kommunistischen Albanien als Normalität. Er redet nett und fein, ist ruhig, gebildet. Aber er war ein Feigling, der nicht müde wird zu betonen, dass Opposition nicht möglich war. Er redet sich raus und rum und weg. Dabei würde er nicht verurteilt werden, wenn er entweder schwiege, oder, seine Kollaboration nicht beschönigend, zu ihr stünde. Denn oft wird Nichtstun oder Wenigtun zum schrecklichen Mittun, weil die Umstände anderes verlangt hatten. Wenn man eben kein Mitläufer war, kein Parteigenosse, kein Unterstützer, kein Kollaborateur. Wenn man nicht feige war, nur auf seinen Vorteil bedacht. Herr Kadare, schon lange im Ausland und im Gespräch für den Nobelpreis, dieser Mann sagt ganz ruhig «Ich fügte mich, weil es sonst mit meiner Schriftstellerkarriere vorbei gewesen wäre.» Wird nicht rot dabei.

Leute, die Günther Grass einen SS-ler schimpfen, weil er mit siebzehn Jahren noch kurz dort war, die sein ganzes Wirken hämisch-böse abwerten wegen dieses kurzen Kriegsdienstes, goutieren den gesellschaftlichen Druck, dem eine sanfte Seele unter Hoxcha oder Caucescou ausgesetzt war und zeigen sich vornehm hinsichtlich der Schwäche der Opfer, die halt sich zu retten versuchten. Und Ihre Karriere. Warf man nicht exakt das Furtwängler und Karajan vor?

Es geht nicht um ein nachträgliches Köpfe Rollen. Aber es geht um die Zurückweisung feigen Zurechtrückens und beschönigenden Umschreibens. Es geht um eine konsistente Bewertung. Eine eigentümliche Hierarchie der Be- und Verurteilung hat sich etabliert: Mitmachen unter oder als Nazi ist anders als im stalinistischen Kommunismus oder dem des Denunziantenstaates DDR, ist anders als unter Hoxha, Caucescou oder Tito, ist wiederum anders bezüglich des faschistischen Spanien unter Franco oder Portugal unter Salazar usw.

Und wie ist es heute, hier und jetzt? Wie ist es hinsichtlich der Moral und Ethik von Schriftstellern und Künstlern in den USA, in den Ländern der europäischen Union, der einzigen Demokratie in Nahost, dem Rassistenstaat Israel? Wie ist es mit der Türkei, den arabischen Ländern, wie mit Indien und China, mit Lateinamerika? Kurz, wie ist es überall, wo wir Werke und Autoren haben und bewerten? Sind die Wertmassstäbe gleich oder ideologisch bedingt angepasst, relativiert?

Je leichter feiges Ausreden wie von Ismail Kadare widerstandslos hingenommen oder gar akklamiert wird, desto stärker nivelliert sich das Wertegefüge. Herr Kadare soll seinen literarischen Erfolg haben, seine Bücher mögen ihre Leser finden. Aber er soll Antworten auf die Verniedlichung seiner «regulären», nicht schriftstellerischen Existenz erhalten. Dem Geschwätz von «Ein Schriftsteller, nichts sonst.» muss eine entsprechende Antwort gegeben werden, will man nicht selbst kollaborieren mit dem Ungeist.

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