Denkzentrik

22.03.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Eine weit bekannte Schriftstellerin, eine moderne Feministin, gelobt wegen ihrer offenen Frechheit und ihrer unterhaltsam chicen Schreibweise, aber auch wegen ihrer aparten Erscheinung, ihres Sex appeals und des Lidstrichs, Sibylle Berg, schrieb kürzlich in einer Literaturzeitschrift (Literaturen 3/09) «Ich möchte nicht, dass Männer für mich denken!»


Das mag auf den ersten Blick, wo frau oder man noch nicht selber denkt, gut klingen und als programmatischer Widerstandsaufruf hingenommen werden. Als Reifezeugnis einer emanzipiert orientierten Frauensperson.

Doch dann kommen Frauen oder Männern, wenn sie denken und weiterdenken, Zweifel. Oder sie bemerken die fiese, eindimensionale, dümmlich biologistische Haltung, die ein Äquivalent zum Rassismus darstellt, der Antipode zur saudummen Weiberverachtung.

Trotzdem rührt der Satz an ein Problem, das nicht so einfach abgetan werden sollte. Zuerst mal: möchte «Frau Berg» (so zeichnet sie ihre Blogeinträge in ihrer Homepage) es hinnehmen, wenn Frauen für sie denken? Liegt's tatsächlich vor allem am Geschlecht?

Was heisst das eigentlich, dass jemand für einen denkt? Ist das negativ? Ist jemand, der für sich denken lässt, faul, unfähig, abhängig? Denken selbst handelt noch nicht. Es ist eine Bedingung für einiges Handeln (viele Handlungen werden ja «unbedacht», bedenkenlos, gedankenlos vollzogen). Konkrete, direkte Auswirkungen für die anderen hat aber nicht Denken (ähnlich wie Einstellungen), sondern das Handeln (Verhalten). Bergs Satz ist Ausdruck einer Simplifikation, die Denken und Handeln, Einstellung und Verhalten, gleich setzt. Er folgt damit einem alten, konservativen Muster.

Aber auch wenn wir uns das komplex Zusammenhängende von Denkgehalten und entsprechendem Verhalten hernehmen, wäre es falsch zu fordern, man solle nicht andere für einen denken bzw. handeln lassen. Es widerspricht dem Grundprinzip moderner gesellschaftlicher Lebensentwicklung: der Arbeitsteilung.

Wenn ich jemandes Denken, soweit es kommuniziert für mich wahrnehmbar ist, annehme oder übernehme, bedeutet das ja nicht, dass ich es unbedingt als solches fix in mein Denken einfüge. Hier wird überhaupt nicht berücksichtigt, dass nichts aus nichts kommen kann und Bildung nur möglich ist durch Aufnahme und Verarbeitung von Reizen (Stimuli) einerseits (äussere und innere), Nachahmung und Informationsverarbeitung andererseits. Bliebe es bei einer blossen Implementierung des Fremden, würde die Person, die so aufnimmt und einfügt, ein buntes Stück- oder Flickwerk (Frau Berg würde von «patchwork» schreiben).

Von so einem reduzierten Verständnis, einem Unverständnis, ist die Angst vor Bildung zu verstehen. Hier liegt eine der Wurzeln des Intellektuellenhasses, der bornierten Aufrechterhaltung einer extrem vereinfachten Authentizität: Sei Du selbst, schöpfe aus Dir. Fertig. Weil diese Angst und Rück- oder Selbstbezogenheit so weitverbreitet sind, herrscht immer noch Bildungsnotstand und wenig Aufklärung.

Im Alltag handeln aber die meisten entgegen solchen Haltungen: sie nehmen Experten in Anspruch, angefangen vom Installateur oder Mechaniker, über den Steuer- oder Rechtsberater, bis hin zum Arzt und Seelsorger oder Psychologen. Sie fragen nach Fachauskünften, lassen sich in Ausbildungen doch belehren und üben, trainieren nach Anweisungen und ausgeklügelten Programmen (hinter denen ein Denken steht...). Es ginge ja nicht anders.

Offenbar kommt es auf Verhältnisse an. Wann von wem was wie wofür und wie lange. Eines der herausragenden Werkzeuge des Denkens, die Sprache, ist überhaupt nur gemeinschaftlich möglich. Jemand (sollte ich hier, gender language sensitized, von «jefraud» schreiben?), der nur in eigener Sprache spräche, im Idiolekt, könnte nicht kommunizieren (ein hypothetisches Beispiel, weil die Bildung des Idiolekts bereits die Kenntnis einer Sprache bedingt).

Noch etwas fällt auf: Der Widerstand gegen Denken ist nicht ungeteilt. Das unbedeutende Denken scheint keine Gefahr. Es geht um das Überdurchschnittliche, Herausragende, Vorzügliche, Besondere etc. Bei unbedachten Feministinnen spielt auch das Gechlecht eine Rolle. Eine Fixierung, die einem Rassismus entspricht: Neger bleibt Neger. Mann bleibt Mann.

Nur die weiblichen Intellektuellen kann sich so eine Person noch positiv vorstellen. Und das betont Frau Berg: sie führt Denker an, die tot, nicht deutsch und Frauen sind. Man merkt das Trauma: hier wirkt offenbar viel Unbewältigtes, Schmerzendes ein. Aber als moderne Autorin greift sie zu Vereinfachungen - und hat Erfolg damit. Zeichnet das ihr Publikum aus? Aus Bergs Satz klingt das Ressentiment des Spiessers.

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