Mit offenem Blick: Cinema Italiano 2018

29.10.2018 Walter Gasperi

Von einem furiosen Mafia-Musical bis zur Culture-Clash-Komödie spannt sich der Bogen der fünf neuen italienischen Filme, die Cinelibre und Made in Italy in diesem Herbst in gut einem Dutzend Schweizer Städten zeigen. Immer wieder prallen dabei Gegensätze aufeinander, die aber durch Offenheit überwunden werden können.


Die Bedeutung von Toleranz und Offenheit hat der Wissenschaftler Giovanni (Antonio Albanese), der für die EU Projekte zur multiethnischen Integration entwickeln soll, seiner Tochter immer gelehrt. Als die 14-Jährige ihm aber den gleichaltrigen Alessio, der in einem desolaten Vorstadtviertel Roms wohnt, als ihren Freund vorstellt, ist er doch ziemlich geschockt und versucht diese Freundschaft zu sabotieren.

Dazu muss er freilich selbst auch die großzügige Wohnung in der römischen Altstadt verlassen und die Sozialsiedlung aufsuchen, die Ankommende nach Dante mit dem wenig einladenden Graffiti «Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!» begrüßt.

Wie mit den Milieus prallen auch mit Giovanni und Alessios feurig-rothaariger Mutter Monica (Paola Cortellesi) charakterliche und vor allem kulturelle Gegensätze aufeinander, die Riccardo Milani in seiner schwungvollen und detailreichen Komödie «Come un gatto in tangenziale» lustvoll durchdekliniert. Mehr Klischeebilder als differenzierte Charaktere werden hier zwar präsentiert. Aber wie Milani, unterstützt von den blendend harmonierenden und ideal besetzten Hauptdarstellern Antonio Albanese und Paola Cortellesi sowie markanten Nebenfiguren, bei diesem Culture-Clash vom Abbau von Vorurteile durch offenen Zugang auf den anderen erzählt, unterhält dennoch nicht nur bestens, sondern kann auch zum Überdenken des eigenen Verhaltens anregen.

Welten trennen auch in Francesco Brunis «Tutto quello che vuoi» den alten, an Alzheimer erkrankten Dichter Giorgo (Giuliano Montaldo) und den 22-jährigen Alessandro (Andrea Carpenzano), der am liebsten den ganzen Tag mit seinen Freunden herumhängt und vom großen Geld träumt. Als ihm sein Vater aber mit Rauswurf aus der Wohnung droht, erklärt Alessandro sich widerwillig bereit, den alten Mann bei seinen täglichen Spaziergängen zu begleiten.

Langsam führen die Menschenliebe Giorgos, sein würdevolles und elegantes Benehmen aber bei dem aufbrausenden und aggressiven jungen Mann zu einer Wandlung. Als ein Computerspiel über den Zweiten Weltkrieg Erinnerungen Giorgos an Kriegsfreunde und einen Schatz wecken und Gegenwart und Vergangenheit für ihn zu verschwimmen beginnen, beginnt Alessandro nicht nur Nachforschungen zu den Erzählungen anzustellen, sondern macht sich schließlich auch mit seinen Freunden und Giorgio von Rom in die Toscana auf, um den vergrabenen Schatz endlich zu heben.

Mit viel Fingerspitzengefühl hat Francesco Bruni, der sich vom Schicksal seines Vaters zu diesem Film inspirieren ließ, diese Geschichte vom Gegensatz von Alt und Jung und von Lebenserfahrung und Orientierungslosigkeit inszeniert. Trotz der ernsten Themen Alter, Demenz und Tod wird diese warmherzige Tragikomödie nie deprimierend, sondern bleibt immer leicht und hoffnungsvoll.

Vertrauen kann Bruni dabei freilich auch auf seine beiden Hauptdarsteller. Während Giuliano Montaldo souverän Giorgos Ruhe und Sanftmut vermittelt, glaubt man auch Andrea Carpenzano in jeder Sekunde die Wandlung und quasi zweite Geburt Alessandros.

Nichts miteinander zu tun haben in Salvatore Alloccas «Taranta on the Road» auch Amira und Tarek, die kurz nach dem Arabischen Frühling 2011 aus ihrer tunesischen Heimat nach Italien geflohen sind. Nur um der Polizei zu entkommen und von der Musikband «Die Evangelisten» in ihrem Bus mitgenommen zu werden, geben sie vor, ein Paar zu sein.

Wie es innerhalb der drei etwa 40-jährigen Musiker, die einst von einer Karriere träumten, nun aber nur bei Hochzeiten und Volksfesten spielen, Spannungen gibt, so herrscht auch Misstrauen zwischen den beiden Migranten. Auf der Fahrt mit dem Bus durch Apulien und Kampanien kommen sich die fünf Protagonisten aber langsam näher, weil sie sich den anderen öffnen und Einblick in ihre Probleme bieten.

Überwunden wird so langsam das Misstrauen und, wie aus den Fremden Freunde werden, so wird aus dem leichthändig erzählten, aber etwas überfrachteten und nicht immer glaubwürdigen Roadmovie gegen Ende eine romantische Komödie.

Zwei gegensätzliche Priesterfiguren stehen dagegen im Zentrum von Vincenzo Marras starkem Sozialdrama «L´equilibrio». Während der charismatische Don Antonio in einer kampanischen Gemeinde mit seinen Predigten die Gläubigen zwar mitreißt und gegen eine Giftmülldeponie kämpft, für die sich im Grunde niemand interessiert, geht sein Nachfolger Don Giuseppe entschieden auch heiße Eisen an und legt sich damit mit dem organisierten Verbrechen an.

Während Don Antonio um den Frieden – oder eben das titelgebende Gleichgewicht – zu wahren, nicht nur hinnahm, dass die Ziege des Gangsterbosses am Sportplatz grast, während die Jugendlichen auf der Straße spielen mussten, sondern auch gegen sexuellen Missbrauch nicht einschritt, geht Don Giuseppe keine Kompromisse ein und riskiert damit den Ausbruch von Gewalt.

Packend erzählt Marra in seinem nüchtern und sachlich inszenierten Drama, das in langen Plansequenzen und durch den konzentrierten Handlungsaufbau große Spannung entwickelt, nicht nur von den Schwierigkeiten des Priesterberufs, sondern auch schonungslos realistisch von den sozialen Verhältnissen in italienischen Problemregionen.

Dem predigenden Priestertum erteilt er dabei eine Absage und fordert Engagement, realen Einsatz für den Menschen auf der Straße und in den Häusern, auch wenn er deutlich macht, welchen Preis das für die Betroffenen ebenso wie für den Priester bedeuten kann.

Das Verbrechen spielt auch eine, wenn nicht die zentrale Rolle in «Ammore e malavita» von Marco und Antonio Manetti. Mit einem großen Schwenk präsentieren die Brüder Neapel als Schauplatz, an dem Touristen die Armenviertel gezeigt werden und Taschendiebe auf Motorrollern von den Fremdenführern als ultimativer Kick angepriesen werden.

So überzogen und grell dieser Beginn ist, geht es in diesem knallbunten Mafia-Musical, in dem die Gangster beim Showdown und Sterben auch immer wieder zu singen beginnen, auch weiter. Im Mittelpunkt steht ein Killer, der eine Zeugin beseitigen soll, in dieser aber seine Jugendliebe wiedererkennt. Weil er deshalb ihr Leben rettet, werden bald beide gejagt und ein blutiger Showdown folgt auf den anderen.

Blut spritzt folglich reichlich, aber dem meist dunklen Bild von Neapel stellen die Manettis trotz der an die Filme Tarantinos erinnernden grotesk überzogenen Gewaltszenen eine in leuchtende Farben und helles Licht getauchte sommerlich Mittelmeerstadt gegenüber. Mit 132 Minuten nicht zu kurz ist dieser lustvoll erzählte trashige Mafia-Film, bietet aber über weite Strecken saftiges und pralles Kino über Liebe und Verbrechen, Loyalität und Verrat und natürlich auch eine Liebeserklärung an die pulsierende, knapp eine Million Einwohner zählende, drittgrößte Stadt Italiens.

weiterführende Links:

Weitere Informationen und Spielzeiten: Cinema Italiano

  • Come un gatto in tangenziale (Riccardo Milani)
  • Tutto quello che vuoi (Francesco Bruni)
  • Taranta on the Road (Salvatore Allocca)
  • L´equilibrio (Vincenzo Marra)
  • Ammore e malavita (Antonio und Marco Manetti)

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