Vom süßen Mädel zur zerbrechlichen Frau: Romy Schneider

17.09.2018 Walter Gasperi

«Sissi» machte 1955 die 17-jährige Romy Schneider international bekannt, doch zum Weltstar wurde sie in Frankreich mit vielschichtigen Frauenrollen. Am 23. September wäre die 1982 verstorbene deutsch-österreichische Schauspielerin, die im deutschsprachigen Raum zu Lebzeiten oft angefeindet wurde, 80 Jahre alt geworden. – Das St. Galler Kinok und das Österreichische Filmarchiv in Wien widmen ihr aus diesem Anlass eine Filmreihe.


Die Schauspielerei war Romy Schneider, die am 23. September 1938 in Wien als Rosemarie Magdalena Albach geboren wurde, quasi in die Wiege gelegt, denn nicht nur der Vater Wolf Albach-Retty und die Mutter Magda Schneider waren Schauspieler, sondern auch schon die Vorfahren des Vaters. Weil der Beruf den Eltern über alles ging, brachten sie die Tochter schon vier Wochen nach der Geburt zu ihren Großeltern nach Schönau am Königssee. Ihre Eltern sah sie nur selten, die Schulzeit verbrachte sie ab dem 11. Lebensjahr im Mädcheninternat Schloss Goldenstein bei Salzburg.

Schon damals entwickelte sie bei Schüleraufführungen ihre Leidenschaft für die Schauspielerei, ihre erste Filmrolle verschaffte ihr ihre Mutter Magda, die die 15-jährige Romy 1953 für die Rolle ihrer Filmtochter im Heimatfilm «Wenn der weiße Flieder wieder blüht» (Hans Deppe, 1953) vorschlug.

Obwohl der Teenager, der sich nun Romy Schneider nannte, keine professionelle Schauspielausbildung absolviert hatte, folgten rasch weitere Engagements, den Durchbruch brachte aber die Begegnung mit Ernst Marischka, der sie zunächst als junge Königin Victoria in «Mädchenjahre einer Königin» (1954) und dann als Kaiserin Elisabeth in «Sissi» (1955) besetzte.

Die unschuldigen Mädchenrollen und die heile Welt, die in diesen Filmen gezeichnet wurde, verzauberte speziell das deutsche Publikum, das sich nicht mit der dunklen jüngsten Vergangenheit auseinandersetzen wollte, sondern im Kino in eine Traumwelt flüchten wollte. Rasch stieg Schneider mit diesen Rollen zu den beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands auf, vom Rollenbild, in das sie damit gepresst wurde, wollte sie sich aber bald befreien.

Der Fortsetzung «Sissi – Die junge Kaiserin» (1956) stimmte sie nur unter der Bedingung zu, dass sie im Gegenzug in «Robinson soll nicht sterben» (Josef von Baky, 1957) die Tochter einer Baumwollspinnerin aus der Unterschicht spielen durfte. Dem Druck ein weiteres Mal in «Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin» (1957) zu spielen, musste sie zwar nachgeben, überzeugte im Remake von «Mädchen in Uniform» (Géza von Radvány, 1958), in dem sie eine Internatsschülerin spielt, die sich in ihre Lehrerin (Lilli Palmer) verliebt, aber auch schauspielerisch die Kritiker.

Zunehmend streckte sie aber die Fühler nach Frankreich aus und ging nach den Dreharbeiten zu «Christine» (1958), einer Neuverfilmung von Schnitzlers Stück «Liebelei», mit ihrem Filmpartner Alain Delon nach Paris. Die deutsche Presse nahm ihr diese «Heimatflucht» lange übel.

Der Start in Frankreich war nicht leicht, ihre Karriere kam erst in Schwung, als Delon, mit dem sie bis 1963 verheiratet war, sie mit Luchino Visconti bekannt machte. Den italienischen Meisterregisseur, der ihr mit der Hauptrolle in der Theaterinszenierung von «Schade, dass sie eine Dirne ist» zum Durchbruch verhalf, wird sie später neben Orson Welles, Claude Sautet und Andrzej Zulawski als ihren größten Lehrer bezeichnen, denn mit dem Erfolg auf der Bühne kam auch die Filmkarriere wieder in Schwung.

Unter Visconti, für den sie 1972 in «Ludwig» nochmals Kaiserin Elisabeth spielen wird, aber sie nun als zerrissene und zerbrochene Frau anlegen wird, spielte sie auch im Episodenfilm «Boccaccio 70» (1962), ehe sie Orson Welles für seine Kafka-Adaption «Le Procès» (1962) und Otto Preminger für «The Cardinal» (1963) engagierten.

Für ihre Leistung in letzterem wurde sie auch für den Golden-Globe nominiert und mit «Good Neighbour Sam» («Leih mir deinen Mann»; David Swift, 1964) und «What´s New, Pussycat?» (Clive Donner, 1965) drehte sie auch zwei Filme in Hollywood, kehrte dann aber nach Frankreich zurück.

Eine neue Liebe fand sie in dem Regisseur und Schauspieler Harry Meyen, doch auch diese Ehe zerbrach 1973, beruflich ging es aber spätestens nach dem Erfolg mit Jacques Derays Thriller «La piscine» («Der Swimmingpool», 1969), der auch dadurch für Schlagzeilen sorgte, dass sie erstmals mit ihrem früheren Partner Alain Delon gemeinsam vor der Kamera stand, steil bergauf.

Claude Sautet wurde in den 1970er Jahren zu ihrem wichtigsten Regisseur. Von «Les choses de la vie» (1970) über «Max et les ferrailleurs» («Das Mächen und der Kommissar», 1971) und «César et Rosalie» (1972) bis zu «Mado» (1976) und «Une histoire simple» (1978) drehte sie in diesem Jahrzehnt mit ihrem Lieblingsregisseur fünf Filme, in denen sie immer wieder reife Frauen aus dem Mittelstand, die sich in einer Lebenskrise befinden, spielte.

Ihren ersten César als beste Hauptdarstellerin gewann sie in dieser Zeit aber für ihre Verkörperung einer Schauspielerin, die Softpornos dreht um zu überleben in Andrzej Zulawskis Skandalfilm «L´important cést d´aimer» («Nachtblende», 1975), ein zweiter folgte drei Jahre später für Sautets «Une histoire simple».

Nie arbeitete Schneider mit den berühmten Regisseuren der Nouvelle vague, wohl aber mit ihren jüngeren Kollegen. Für Bertrand Tavernier spielte sie in «La mort en direct» («Death Watch – Der gekaufte Tod», 1980) eine todkranke Frau, die einem Fernsehsender die Rechte für die Übertragung ihres Sterbens verkauft, bei Claude Miller brillierte sie neben Lino Ventura und Michel Serrault in dem Krimi-Kammerspiel «Garde à vue» («Das Verhör», 1981). Auch Rainer Werner Fassbinder hätte sie gerne in «Die Ehe der Maria Braun» (1979) in der Hauptrolle gesehen, doch dieser Plan scheiterte an der Gagenforderung des Stars.

So erfolgreich Schneider in dieser Zeit beruflich war, so unglücklich war sie im Privatleben. Sie flüchtete in Alkohol und Medikamentenmissbrauch, musste das Scheitern der Ehe mit ihrem elf Jahre jüngeren Sekretär Daniel Biasini verkraften, vor allem aber erschütterte sie der Tod ihres 14-jährigen Sohnes David, der 1981 beim Sturz vom Zaun des Grundstücks seiner Großeltern von einer Metallspitze aufgespießt wurde.

Zu ihrem künstlerischen Vermächtnis wurde Jacques Rouffios während der NS-Zeit spielender melodramatischer Liebesfilm «La passante du Sans-Souci» (1982), in dem sie nochmals mit ihrem Lieblings-Filmpartner Michel Piccoli spielte. Nur rund einen Monat nach der Premiere starb sie unter immer noch ungeklärten Umständen am 29. Mai 1982 im Alter von 44 Jahren in ihrer Pariser Wohnung. – Offen ist bis heute, ob es, wie auf dem Totenschein angegeben, Herzversagen war, das später vielfach zum «Tod an gebrochenem Herzen» verklärt wurde, oder Selbstmord, wie von der Presse zunächst vermutet wurde.

Unbestritten ist aber wohl, dass dieser frühe Tod – wie bei James Dean oder Marilyn Monroe – den Ruhm dieses Weltstars, nach dem der seit 1990 vergebene österreichische Film-und Fernsehpreis «Romy» ebenso benannt ist wie in Frankreich der Romy-Schneider-Preis, mit dem die Filmindustrie seit 1984 herausragende Nachwuchsschauspieler auszeichnet, vergrößerten und zum Mythos machte.

Romy Schneider-Tribute

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  • Romy Schneider (1938 - 1982)
  • Wenn der weiße Flieder wieder blüht (Hans Deppe, 1953)
  • Mädchenjähre einer Königin (Ernst Marischka, 1954)
  • Sissi (Ernst Marischka, 1955)
  • Le procès (Orson Welles, 1962)
  • La piscine (Jacques Deray, 1969)
  • Les choses de la vie (Claude Sautet, 1970)
  • Ludwig (Luchino Visconti, 1972)
  • L´important, c´est d´aimer (Nachtblende; Andrzej Zulawski, 1975)
  • Une histoire simple (Claude Sautet, 1978)
  • La mort en direct (Death Watch - Der gekaufte Tod; Bertrand Tavernier, 1980)
  • La passante du Sans-Souci (Jacques Rouffio, 1982)
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