Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen

... ist ein mutiges Buch, das mutige LeserInnen braucht. Wenn sich diese beiden treffen, hat man einen ungewöhnlichen Autor gefunden: den Australier Steven Herrick.


1. Die Story: «Im Jahr 1962 / war ich vierzehn / und die Flut schwemmte / Kühlschränke, Fahrräder, / alte Reifen / und Linda Mahony / flussabwärts ... Ihre Leiche / voll Bachwasser / Unkraut / und dreizehn Jahren Erinnerung / sprang aus dem Sumpf / wie ein Korken, / der zu lange festsaß, / und erschreckte die Jungen / zu Tode.» Der Sommer in diesem Jahr irgendwo in Australien bringt brütende, flirrende Hitze, aber eben auch den Tod. Daran ist der Fluss schuld, an dem diese namenlose Stadt liegt, inmitten einer sumpfigen Landschaft, deren nostalgische Schönheit dunkles Unglück miteinschließt.

2. Die HeldInnen: An jedem ersten Sonntag im Monat gehen die drei zu Mum’s Grab: Harry, der aus dem Leben hier erzählt, Keith, sein Bruder, und ihr Dad. Harry ist ein großer Lauscher, der sich hoch oben - «in meiner Lieblingseiche» - von dieser Stadt Geheimnisse erzählen oder ganz unten Geschichten vorlesen lässt, von dieser Linda, die Geschichten vom Floßfahren oder vom Schwimmen oder vom Surfen schrieb und seine Freundin war. Er beginnt gerade, die Mädchen anzuschauen, und wirft ein Auge auf die junge Schulsekretärin Miss Spencer: «Ich weiß, heute Nacht / werde ich träumen, / ... / von ihrem Lächeln, / das sich / über meinen Schlaf breiten wird.» Aber daraus wird nichts und so heißt dieses Kapitel nicht nur «Liebe und Sex», sondern «Liebe und Sex (und Schmerz)». Glücklicherweise gibt es Dad: ein Drachentöter, freihändiger Radler, entrückter Leser von Büchern, der «mir mit seiner kräftigen, / ruhigen Stimme / die Richtung gegeben hat».

3. Der Sound: Steven Herrick lässt seinen Harry diese Geschichte in freien Versen erzählen. Sieben Gedichtzyklen sind es insgesamt. Zum mutigen Plot kommt die mutige Form, eine zarte, dann wieder schonungslose lyrische Sprache, die sich billiger Sentimentalität und Drastik versagt. Ein bisschen klingt das alles wie Down by the River von Decemberists.

4. Coole Bilder: Man braucht Australia gar nicht mit Austria zu verwechseln, um sich in Herricks Bilderwelten wiederzufinden.

5. Coole Wörter: «Johnny steht auf / und mit einem kräftigen Schwung / aus der Hüfte / ditscht er den Stein / über die Wasseroberfläche.» «Ditschen» - man kann das richtig hören: Gutzschhahn übersetzt Klang, Farbe und Rhythmus von Herricks Universum unaufgeregt schön.

6. Zum Nachdenken: «Es war nicht Gott. / Es war nicht Gott. / Er war nicht da. / Er war beschäftigt. » Er war in einer anderen Stadt, / meilenweit fort. / Es war nicht Gott. / Oder?"

7. Der Autor: Bereits für sein letztes Buch, »Wir beide wussten, es war was passiert«, wurde Steven Herrick für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert. Wer sich davon überzeugen möchte, dass der Autor auch ein großartiger Performer ist, kann das machen.

8. Das Buch: Steven Herrick: Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen. Aus dem australischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn. Stuttgart: Thienemann Verlag 2018, 240 Seiten, 15,50 EUR

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