Die Realität poetisch überhöhen: Paolo und Vittorio Taviani

30.04.2018 Walter Gasperi

Von den 1960er bis zu den 1980er Jahren haben Paolo und Vittorio Taviani den Neorealismus neu belebt und zumindest mit «Padre, padrone» und «La notte di San Lorenzo» dem Kino zwei zeitlose Meisterwerke geschenkt. Das Stadtkino Basel widmet dem italienischen Brüderpaar, das alle Filme gemeinsam drehte, eine Hommage.


Die Toskana, Sardinien und Sizilien. – Wer immer sich an die Filme der Tavianis – Paolo wurde 1931, Vittorio 1929 geboren – erinnert, wird zunächst an ihre Arbeit mit der Landschaft denken. Vom Fernsehen ließen sich die Brüder, die wie die Coens, die Dardennes oder die Lumières inzwischen nur als Einheit denkbar sind, produzieren und sprengten doch immer wieder den engen Rahmen des Mediums. Landschaftstotalen kennzeichnen ihre Filme und gegen die Auflösung im Überall und Nirgends setzten sie die Regionalität. Fest verankert in Zeit und Raum sind ihre Filme und gewinnen gerade aus dieser Provinzialität Authentizität und damit wieder Universalität.

Im Präteritum muss von ihrem Werk inzwischen gesprochen werden, denn in den Kinos der deutschsprachigen Länder waren ihre Filme in den letzten 30 Jahren – weder alte noch neue – mit Ausnahme des Berlinale-Siegers «Cesare deve morire» («Caesar muss sterben», 2012) kaum mehr zu sehen.

In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, als die Tavianis am Höhepunkt ihrer Karriere standen, war das noch anders. Als Sensation galt es, als Roberto Rossellini kurz vor seinem Tod als Jurypräsident der Filmfestspiele von Cannes «Padre, padrone» (1977) als erste TV-Produktion mit der Goldenen Palme auszeichnete und die toskanischen Brüder indirekt damit auch zu seinen legitimen Nachfolgern erklärte.

Denn wie Rossellinis Werk sind auch die Filme der Tavianis in der Realität verankert. Anders als ihr Lehrer, bei dem sie Regieassistenten waren, überhöhten sie diese Realität aber. Indem die eigentliche Erzählung nämlich in einen Rahmen verpackt wird, wird die Überschreitung des Realen gerechtfertigt.

So erzählt in «Padre, padrone» (1977) der erwachsene Sprachwissenschaftler Gavino Ledda selbst die Geschichte seiner Kindheit als Sohn eines patriarchalisch herrschenden sardischen Bauern und in «La notte di San Lorenzo» (1982) erzählt eine Mutter ihre Erlebnisse aus den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs ihrer sechsjährigen Tochter als Gute-Nacht-Geschichte. Auf die Ebene des Mythischen und Märchenhaften werden die Geschichten durch dieses indirekte Erzählen gehoben und verstärkt wird dieser Gestus durch die Ton- und Musikmontage.

In dieser Überhöhung der dokumentarisch genauen Beobachtung des Hirtenlebens und der Schilderung autoritärer Strukturen durch Walzerklänge und gregorianische Choräle, die zudem noch in der Totalen anzuschwellen scheinen, geht «Padre, padrone» über die Bestandsaufnahme des rückständigen Sardinien hinaus und wird zur exemplarischen Entwicklungsgeschichte.

Ebenso wird «La notte di San Lorenzo» durch diese Erzähltechnik zu einem vielschichtigen und universellen Märchen über menschliche Grundsituationen. Angesiedelt ist dieser Film zwar 1944 in der Toskana und über das darin beschriebene historische Massaker haben die Tavianis schon 1954 den Dokumentarfilm «San Miniato, Iuglio 1944» gedreht, doch im märchenhaften Erzählgestus können sich die Soldaten plötzlich in antike Helden verwandeln und den Rückzug deutscher Soldaten begleiten akustisch Gustav Mahlers «Kindertotenlieder».

Das politische Engagement, das das Frühwerk der Tavianis, das immer wieder um das Scheitern der Revolution kreiste («I Sovversivi», 1967; «San Michele aveva un gallo», 1971; «Allonsanfan», 1974), bestimmte, tritt ab «Padre, padrone» zunehmend in den Hintergrund. Liebe und Erinnerung stehen im Mittelpunkt der sechs Episoden von «Kaos» (1984), bei dem die Brüder Novellen von Luigi Pirandello adaptierten. Geglättet ist ihre Filmsprache und an die Stelle spröder und sperriger Bilder tritt lustvolles Erzählen.

Während «Kaos» mit grandiosen Landschaftstotalen in ein lichtdurchflutetes Sizilien und «Good Morning Babilonia» (1986) sogar in das Hollywood der Stummfilmzeit führte, kehrten sie mit «Fiorile» (1992) und ihren Adaptionen von Tolstois «Il sole anche di notte» («Nachtsonne», 1989) und Goethes «Le affinità elettive» («Wahlverwandtschaften», 1996) in die heimatliche Toskana zurück.

Auch diese Filme sollen durch grandiose Landschaftsaufnahmen und atemberaubende Lichtführung und Farbgestaltung begeistern, doch bemängelt wird auch, dass sich dabei die Eleganz und Finesse der Inszenierung verselbständigen und die gesellschaftliche und politische Relevanz auf der Strecke bleiben.

Dies gilt auch für «La masseria delle allodole» («Das Haus der Lerchen», 2007), in dem die Brüder vom Genozid an den Armeniern erzählen, aber auch noch bei den grässlichsten Massakern in erlesenen Bildern förmlich schwelgen. In den Licht durchfluteten und in warme Farben getauchten Bildern verliert ein Leichenberg ebenso das Ungeheuerliche und unsagbar Tragische wie am Wegrand gekreuzigte Frauen.

Wie einst in der TV-Serie «Holocaust» wird auch hier der systematische Mord an einem ganzen Volk auf eine Familiengeschichte mit klischeehaften Figuren reduziert, aber wie einst «Holocaust» kann auch dieser Film trotz seiner Schwächen dafür sorgen, dass ein verdrängtes und fast vergessenes Kapitel der Geschichte ins Bewusstsein rückt.

In krassem Gegensatz dazu steht «Cesare deve morire» («Caesar muss sterben», 2012), in dem die Tavianis in rauem Schwarzweiß eine Erarbeitung von Shakespeares «Julius Caesar» in einem Hochsicherheitsgefängnis bei Rom mit inhaftierten Schwerverbrechern als Hauptdarsteller dokumentieren.

Bewundernswert ist zweifellos wie schlüssig die Tavianis die mehrmonatigen Proben zu einem 75minütigen Film verdichtet haben, doch über die Dokumentation dieses Sozialprojekts sowie eine Hommage an Shakespeare im Speziellen und die Kunst, die den Menschen verwandeln, vielleicht sogar erst wirklich zum Menschen machen kann, kommt «Cesare deve morire» kaum hinaus. Zu selten ergeben sich Beziehungen zwischen dem Theatertext und der Biographie der Akteure, der Raum wird ganz Shakespeare überlassen.

Noch einmal der klassischen Literatur wandten sich die Brüder 2015 mit «Maraviglioso Boccaccio», einer Adaption von Boccaccios Novellensammlung «Decamerone», zu, während sie mit «Una questione privata» (2017) nochmals in die Endphase des Zweiten Weltkriegs, während der schon «La notte di San Lorenzo» spielte, zurückblendeten. Nach dem Tod von Vittorio Taviani am 15.4. 2018 wird dies der letzte Film des Brüderpaars bleiben.

Trailer zu «La notte di San Lorenzo»

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  • Paolo (geb. 1931) und Vittorio (1929 - 2018) Taviani
  • Allonsanfàn (1974)
  • Padre, padrone (1977)
  • La notte di San Lorenzo (1982)
  • Kaos (1984)
  • Good Morning Babilonia (1986)
  • Fiorile (1992)
  • Cesare deve morire (2012)
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