Morbid, aber überirdisch schön: Venedig im Film

19.02.2018 Walter Gasperi

Einen ganz eigenen morbiden Charme versprüht das mehr im als am Wasser gelegene Venedig. Kein Wunder, dass die italienische Lagunenstadt seit der Stummfilmzeit immer wieder als Filmkulisse diente – nicht nur für «Casanova» und Donna Leon-Krimis, sondern auch für so unterschiedliche Produktionen wie Viscontis «Tod in Venedig» und mehrere James Bond-Filme. Das St. Galler Kinok widmet dem «Schauplatz Venedig», der diesen Filmen vielfach auch eine ganz eigene melancholische Atmosphäre verleiht, eine kleine Filmreihe.


Das langsame Versinken der Stadt im Meer korrespondiert mit dem politischen Niedergang Venedigs. War die von einem Dogen regierte Lagunenstadt im Mittelalter auch aufgrund ihres Salzmonopols eine Großmacht, so begann in der frühen Neuzeit mit der Entdeckung Amerikas und der damit verbundenen Verlagerung des Welthandels vom Mittelmeer an den Atlantik der Niedergang der «Serenissima» – der «Durchlauchtesten».

Bis 1797 bewahrte die nach dem Wahrzeichen der Stadt, dem Markuslöwen, auch Löwenrepublik genannte Stadt ihre Unabhängigkeit, fiel dann an Österreich, bis es 1866 im Zuge des Risorgimento dem neu gegründeten Italien angeschlossen wurde. Luchino Viscontis großes historisches Melodram «Senso» (1954) erzählt nicht nur von diesem Umbruch, sondern beginnt auch mit einer fulminant inszenierten Protestaktion gegen die verhasste österreichische Fremdherrschaft im legendären venezianischen Opernhaus «La Fenice».

Das pittoreske Ambiente, in dem man sich statt auf Straßen auf Kanälen und folglich statt mit Autos mit Gondeln fortbewegt, war schon in der Stummfilmzeit beliebte Filmkulisse. Hier wurde 1896 der erste travelling shot der Filmgeschichte gemacht, als Alexandre Promio, einer der Kameramänner der Brüder Lumière, seine Kamera auf einer Gondel platzierte und so die vorbeiziehenden Kirchen und Palazzi einfing.

Schon 1911 entstand eine erste kurze italienische Adaption von Shakespeares «Der Kaufmann von Venedig», Max Reinhardt ließ 1913 in «Venezianische Nacht» einen jungen Mann in wilde Träume stürzen, und selbstverständlich spielt auch Shakespeares «Othello», den beispielsweise Orson Welles 1952 verfilmte in der Lagunenstadt.

Gebürtiger Venezianer und Protagonist zahlreicher Filme ist der sprichwörtlich gewordene Schriftsteller und Abenteurer Giacomo Casanova (1725 – 1798). Schon in der Stummfilmzeit wurde dessen Leben zumindest dreimal verfilmt, Federico Fellini widmete dem legendären Liebhaber ein barockes Drama (1976), das auf Casanovas Autobiografie beruht, Franz Antel war in seinem fast parallel zu Fellinis Film erschienenem «Casanova & Co» (1976) vor allem an Sexszenen interessiert. Lasse Hallström dagegen entwickelte 2005 aus dem Stoff mit dem jung verstorbenen Heath Ledger in der Hauptrolle eine romantische Komödie.

So morbid die Stadt mit ihren im Wasser zerbröckelnden Fassaden auch ist, so kann doch hier auch ein Neuanfang gewagt werden und die Liebe aufblühen. David Lean beschwor 1955 in «Summertime» («Traum meines Lebens») mit bildschöner Fotografie nicht nur den Reiz der Stadt, sondern erzählte in dieser Romanze auch von der Liebe einer alternden und etwas verhärmten Amerikanerin, die nach Venedig als Ort ihrer Träume reiste, zu einem verheirateten Venezianer.

Ein Sehnsuchtsort ist die Lagunenstadt aber auch für den an Demenz leidenden Opa (Didi Hallervorden) in Til Schweigers «Honig im Kopf» (2014), ebenso wie für zwei sich liebende 13-Jährige in George Roy Hills «A Little Romance» (1979), die in Paris von ihren Eltern abhauen und sich allein nach Venedig durchschlagen.

Während die Protagonistin in Helmut Käutners Verfilmung von Alfred Anderschs Roman «Die Rote» (1962) gezielt aus dem bürgerlichen Leben in Deutschland ausbricht, aber eher zufällig bei ihrer Suche nach einem Neuanfang nach Venedig kommt, setzt ein Versehen die Handlung von Silvio Soldinis «Pane e tulipani» (2000) in Gang. So unscheinbar ist nämlich die Italienerin mittleren Alters, die bislang ganz auf die Rolle der Familienmutter und den Haushalt reduziert war, dass ihre Familie nach einem Stopp bei einer Autobahnraststätte gar nicht bemerkt, dass sie im Reisebus noch fehlt. Will sie zunächst nach Hause trampen, nimmt sie bald doch die Gelegenheit wahr, einen Abstecher nach Venedig zu machen, nimmt dort ein Zimmer, blüht langsam auf, emanzipiert und verliebt sich.

Schon früh entdeckten aber auch die Produzenten der James-Bond-Filme den Markusplatz, die Brücken und verwinkelten Gassen sowie natürlich die Kanäle nicht nur als attraktive Kulissen, sondern auch als ideales Setting für spektakuläre Verfolgungsjagden zu Wasser. «Liebesgrüße aus Moskau» (Terence Young, 1963), «Moonraker» (Lewis Gilbert, 1979) und «Casino Royale» (Martin Campbell, 2006) legen dafür Zeugnis ab.

Der Ruhm der Stadt, den solche Blockbuster noch fördern, ist für die Bewohner inzwischen freilich zum Fluch geworden, denn zunehmend vertreiben Touristen die Einheimischen aus der Stadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg noch 175.000, nun aber nur noch 55.000 Einwohner zählt.

Andreas Pichler spürt in seinem Dokumentarfilm «Das Venedig Prinzip» (2012) dem Tourismusboom und seinen Folgen am Beispiel einiger Venezianer nach. Er begleitet einen ehemaligen Gondoliere, der vor den Touristenmassen in einer Bar Zuflucht sucht, einen Makler, der die Verschlechterung der Bausubstanz beklagt, einen alteingesessenen Venezianer, der nur noch nach Mitternacht auf den Markusplatz geht und einen Mann, der mit seinem Lastboot Umzugstransporte aufs Festland durchführt.

Perfekt steigern kann diese Stadt aber auch die Atmosphäre von düsteren Thrillern wie Nicholas Roegs «Don´t Look Now» («Wenn die Gondeln Trauer tragen», 1973) oder Paul Schraders «The Comfort of Strangers» (1990). Während in ersterem ein britischer Restaurator nach dem Tod seiner Tochter, erfüllt von Trauer und Schmerz, bei einem Auftrag in Venedig in einen Alptraum stürzt, in dem sich Einbildung und eine reale mysteriöse Mordserie vermischen, wird in Schraders verstörender Reflexion über Besessenheit ein Paar, das in Venedig seine kriselnde Beziehung kitten will, Opfer eines geheimnisvollen Mannes und seiner Frau.

Vergänglichkeit, nahender Tod ist Filmen über Venedig oft eingeschrieben, wird über die Kulisse den Protagonisten bewusst gemacht. Kein anderer hat freilich dieses Motiv so weit getrieben wie Luchino Visconti mit seiner Thomas Mann-Verfilmung „Morte a Venezia“ („Tod in Venedig“, 1971). Meisterhaft spiegelt er in der von Dekadenz bestimmten Grandezza der vornehmen Hotelwelt der Lagunenstadt am Vorabend des Ersten Weltkrieg die Ahnung des Komponisten Gustav von Aschenbach seines nahen Todes und beschwört gleichzeitig in der Begegnung mit dem polnischen Jüngling Tadzio seine Sehnsucht nach Leben und Schönheit. – Überirdisch schön, und gleichzeitig schon den Verfall in sich tragend – gerade dieses Spannungsfeld macht wohl den unüberbietbaren Reiz dieser Stadt aus.

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  • Das Venedig Prinzip (Andreas Pichler, 2012)
  • Senso (Luchino Visconti, 1954)
  • Eine venezianische Nacht (Max Reinhardt, 1913)
  • Casanova (Lasse Hallström, 2005)
  • Summertime (David Lean, 1955)
  • A Little Romance (George Roy Hill, 1979)
  • Die Rote (Helmut Käutner, 1962)
  • Pane e tulipani (Silvio Soldini, 2000)
  • Moonraker (Lewis Gilbert, 1979)
  • Don´t Look Now (Nicholas Roeg, 1973)
  • Morte a Venezia (Luchino Visconti, 1971)
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