Ingeborgs Todesarten

21.02.2008 Haimo L. Handl

Von Ingeborg Bachmann (1926-1973), dieser robusten Ikone der gender sensibilisierten Literaturgesellschaft, gibt es nicht nur viele Bücher, sondern auch CDs. Gut so. Man kann ihre Texte also nicht nur lesen, sondern auch hören. Etliche von ihr gesprochen. Ein besonderes Vergnügen? Für mich nicht. Weniger wegen des Geschriebenen, als wegen der gebrochenen, peinsam hysterischen Stimme. Die Stimme klingt zerknittert, flatternd, wie das vergilbte fotografische Bild, das aus ihrer Zeit stammt: altmodisch, unecht, klischiert, verklemmt, verknittert. Einfach falsch.


Ich war in New York, als im Oktober 1973 eine Freundin mir traurig vom Tod der Bachmann berichtete. Die Bachmann war «die» Bachmann. Eine Hoffnung. Eine Bannerträgerin. Besonders damals, als Frauen sich schwerer gegen die Männer und Altnazis zur Wehr setzen mussten.

Die Bachmann wurde als Opfer gesehen, und ihr Tod, als tragischer, fast drehbuchgerecht ikonisiert, fetischisiert. So erschien es mir zumindest. Das Opfer verabschiedete sich als Opfer und zementierte damit seine Unsterblichkeit. Legionen von Germanistikstudentinnen hatten ihren dankbaren Stoff. Später sollte Klagenfurt ein Kulturspektakel, den Bachmann-Preis samt Wettlesen und Drum-und-Dran installieren und «partizipieren» (in Österreich hiess das lange, besonders dank einer damals noch heimischen Bank «mitpartizipieren»). Neben Musil endlich eine andere Figur daheim, verwaltet, nutzbar. «Nutzbar», das dürfte ein Schlüsselwort sein. Die Bachmann nützt vielen.

Sie kann zitiert werden, wenn man gegen die «Macher» der Gruppe 47 zu Felde ziehen will oder muss, wenn man den Nazigeist der damaligen literarischen Avantgarde blossstellen will, wenn man auf bestimmte Männer der damaligen Gruppe einhauen will. Die Bachmann liefert die Stichworte. Mit ihnen lässt sich leicht übersehen, dass just von diesen beschimpften Kreisen eine Ilse Aichinger einen Preis erhielt, ein Forum geschaffen worden war, das auch der Bachmann selbst offen stand. Aber sie hat gelitten. Damals schon. Und war angewidert. Das war sie aber auch in anderen Ländern und Landstrichen. Und von anderen Männern. Ach, was wird da noch alles aufgedeckt werden?

Mir schien damals, dass sich Frau Ingeborg inszenierte. Früher nannte man das noch nicht so. Aber es schien mir. Sie suhlte sich in einer Art Narzissmus in der Opferrolle, in der hehren Aufgabe. Für mich klang das wider in ihrer Stimme, die mich nie ansprach.

Anders war es mit ihren Texten. Da vernebelte der hysterisch vibrierende Opferton, der immer eine lauernde Gemeinheit verriet, nicht störend den Satz. Da schmerzte nicht das Ohr wie beim Zuhören falscher Gebetssprüche, da drängten sich nicht die gestellten, posierten Opferbilder ein. Da war kein Gejammere. Bachmann hören war für mich Jammerei, Gejammere. Schrecklich. Mit all dem Ballast, den sie hätte abwerfen können, aber masochistisch, schien mir, nicht abwarf. Eine Fünfzigerjahrefigur, so im vollen Aktivalter mit 30 in den Mittfünzigern der wieder souverän gewordenen Republik. Aber mental noch in der Vorzeit. Gezeichnet und zeichnend. All das tönt quälend aus ihrer Stimme.

Also lese ich lieber ihre Texte, als dass ich sie höre. Nur wenn ich ein Zeugnis brauche für das Negative, das Personenkranke, dann zeig ich jemanden nicht ein Buch von ihr, sondern lege die CD ein. Stimmen hören ist viel subjektiver, als Texte lesen. Mein Eindruck ist nicht verbindlich und verallgemeinerbar. Es kann gut sein, dass Sie etwas Anderes hören und sich über meine Auslassungen wundern. Gut so. Hören Sie die Bachmann an.


Ingeborg Bachmann liest Todesarten. Prosa und Gedichte aus den Jahren 1964-1966. 4 CD in Box mit Booklet. Gesamtlaufzeit ca. 246 Minuten. der hörverlag (http://www.hoerverlag.de) ISBN 13 978-3-89940-360-2

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