Geisterbahn und Glanzrevue

04.09.2007

16.06.2007 bis 09.09.2007  Bucerius Kunst Forum

Als Meister der Neuen Sachlichkeit wurde Otto Dix (1891–1969) in den zwanziger Jahren berühmt und berüchtigt. Den Ruf des avantgardistischen Bürgerschrecks erwarb sich Dix nicht zuletzt mit seinen Aquarellen und Gouachen. Eine repräsentative Auswahl dieser Werke ist vom 16. Juni bis 9. September im Bucerius Kunst Forum am Hamburger Rathausmarkt zu sehen.


Es ist die erste Otto-Dix-Ausstellung in Hamburg seit dreißig Jahren und zugleich die erste Schau, die sich auf die Werkgruppe der Aquarelle und Gouachen konzentriert. Rund 100 Werke – darunter zahlreiche selten gezeigte Blätter – spannen einen Bogen vom Frühwerk des Künstlers über seine Gouachen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs bis zu den Aquarellen der frühen 1930er Jahre; drei von Dix gestaltete Kinderbücher runden den Überblick ab.

Der thematische und stilistische Reichtum, den die Dixschen Aquarelle eröffnen, ist umso bemerkenswerter, als die Mehrzahl dieser Werke in nur wenigen Jahren entstand. Allein zwischen 1922 und 1924 schuf Dix mehr als 400 Blätter. Die kurzfristige Konzentration auf Aquarelle hatte auch ökonomische Gründe: In den Jahren der Wirtschaftskrise ließen sie sich wesentlich leichter verkaufen als Gemälde und verschafften Dix eine breite Aufmerksamkeit.

«Kunst machten die Expressionisten genug. Wir wollten die Dinge ganz nackt, klar sehen, beinahe ohne Kunst.» So beschrieb Otto Dix eine künstlerische Haltung, die in den 1920er Jahren als Neue Sachlichkeit bekannt wurde. Nach dem Inferno des Ersten Weltkriegs schien eine Kunst des individuellen Ausdrucks überholt; nun stand die kritische Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Verhältnisse auf dem Programm: Zwar entfaltete sich in den Metropolen ein überaus reiches und innovatives Kulturleben, die Unterhaltungsindustrie florierte, die Konsumbegeisterung schien unbegrenzt, doch erschütterten zugleich politische Unruhen, Inflation und Massenelend das Land.

Den geschärften Blick für Krisen und Konflikte hatte Otto Dix auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs entwickelt; er durchlebte ihn als Frontsoldat in Frankreich, Belgien und Weißrussland. Noch in den Schützengräben versuchte er, die Schrecken des Krieges in grellen Gouachen zu bannen. Auf der Suche nach einer Bildsprache für die Dynamik der Zerstörung experimentierte Dix mit expressionistischen, kubistischen und futuristischen Elementen. Die Abstraktion trieb er nach Kriegsende jedoch nicht weiter. Schon bald entschied er sich für einen kritischen Realismus, um die Spannungen und Abgründe des modernen Großstadtlebens auszuloten – zunächst in Dresden, später in Düsseldorf und Berlin.

Dix' Aquarelle der zwanziger Jahre zeichnen ein facettenreiches Gesellschaftspanorama, ein Kaleidoskop der Typen und Geschichten. Virtuos nutzte der Künstler alle Möglichkeiten des Mediums von der spontanen Skizze bis zum sorgfältig konstruierten Bild. Die in rascher Folge entstandenen Blätter zeigen Dix auf der Jagd nach dem, was er selbst das «unverdünnte Leben» nannte. Mit Vorliebe inszenierte er das Hässliche und Anstößige und rückte gesellschaftliche Randbezirke ins Bildzentrum – besonders die Amüsierviertel mit ihren Tanzcafés, Varietés und Bordellen.

Immer wieder suchte Dix die humoristische Zuspitzung, die ironische Wendung und provozierende Verzerrung. Dabei nahm er die Verlierer der Gegenwart – Kriegsversehrte, Soldatenwitwen, Arbeiterkinder – ebenso ins Visier wie die zählebigen Repräsentanten des untergegangenen Kaiserreichs: wilhelminische Bürokraten, Spekulanten, Profiteure, Offiziere.

Eindrucksvoll ist die Galerie der Zeitgenossen, die Dix in seinen Aquarellen auffächert. Gern zeigt er markante Physiognomien, in denen sich das Individuelle mit dem Exemplarischen verbindet: Dix portraitierte seine Ehefrau Martha als mondäne Dame, präsentierte extravagante Großstadtgeschöpfe und verschleierte Nachtschwärmerinnen. Mit gleicher Intensität wandte er sich den Charakterköpfen von Zuhältern und Puffmüttern, Arbeitern und Huren, Künstlern und Intellektuellen zu. In zahlreichen Selbstbildnissen erprobte Dix unterschiedliche Identitäten – ein Rollenspiel, das er auch im Leben praktizierte: Der Arbeitersohn aus Gera kultivierte das Image des «souveränen Proleten», war zugleich aber als stilbewusster Dandy mit Sinn für die neuesten amerikanischen Moden bekannt.

Neben Bildnissen und Selbstportraits waren es immer wieder Zirkus-, Bordell- und Hafenszenen, die Dix zu Papier brachte. Die Freuden der Seeleute – so der Titel eines Aquarells von 1923 – zählten zu seinen Lieblingsthemen, nachdem er 1921 Hamburg besucht hatte. Dix' Variationen auf das Matrosenleben zeigen, dass ihn weniger die Milieuschilderung rund um Landungsbrücken und Reeperbahn interessierte als das ironische Spiel mit Seemannsklischees: schwere Jungs und leichte Mädchen, Erotik und Exotik – kein Stereotyp bleibt ungenutzt.

Farbenfroh und überbordend sind auch die Kinderbücher mit jeweils 16 Aquarelltafeln, die Dix zwischen 1922 und 1931 gestaltete. Vieles verbindet sie mit seinen Werken für das erwachsene Publikum: ein unvoreingenommener Blick, Erzählfreude und Bildwitz, der Hang zum chamäleonhaften Perspektivwechsel und das freie Jonglieren mit dem Bildfundus der modernen Massenkultur.


Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag, München (192 Seiten mit ca. 200 meist farbigen Abbildungen, EUR 19,90).

Geisterbahn und Glanzrevue
Otto Dix. Aquarelle und Gouachen
16. Juni bis 9. September 2007

Bucerius Kunst Forum
Rathausmarkt 2
D-20095 Hamburg
T: 0049 (0)40 360996-0
F: 0049 (0)40 360996-36
E: info@buceriuskunstforum.de
W: http://www.buceriuskunstforum.de


Öffnungszeiten

täglich von 11 - 19 Uhr
donnerstags bis 21 Uhr

 


  • Die Freuden der Seeleute, 1923; Aquarell, Deckweiß, Tusche und Bleistift, 27,5 x 38 cm. Private Stiftung; © VG Bild-Kunst, Bonn 2007. Foto: Jutta Hofmann
  • Kopf am Abend, 1923; Aquarell, Deckfarben und Tusche 38,1 x 27,6 cm. Sammlung Sander; © VG Bild-Kunst, Bonn 2007
  • Straßenbild, 1922; Aquarell und Tusche, 58,3 x 48,1 cm; Kunstmuseum Stuttgart. © VG Bild-Kunst, Bonn 2007; Foto: Uwe H. Seyl

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