Schatten

03.11.2016 Walter Gasperi

Ein Schattenspieler deckt die schlummernden Triebe einer Abendgesellschaft auf. – Arthur Robisons meisterhaft mit Licht und Schatten spielender expressionistischer Stummfilm ist bei absolut Medien in einer rekonstruierten Fassung auf DVD erschienen.


Der expressionistische Film bestimmte das deutsche Kino der frühen 1920er Jahre. Mit Robert Wienes «Das Cabinet des Dr. Caligari» und Friedrich W. Murnaus «Nosferatu» entstanden Klassiker der Filmgeschichte. Präsentieren diese aber durch schräge Bauten surreal-verzerrte Welten oder entführen ins Transsylvanien Draculas, spielt Arthur Robisons 1923 entstandener Spielfilm «Schatten» in einem ganz alltäglichen Umfeld, erzählt eine zeitlose und universelle Geschichte. Namenlos bleiben folglich auch die Figuren, werden nur als «Der Mann», «Die Frau» oder «drei Kavaliere» bezeichnet.

Schon mit dem Prolog, in dem diese Protagonisten vorgestellt werden, wird freilich das zentrale Motiv der Schatten eingeführt, wenn immer wieder aus dem Hintergrund einer Theaterbühne ein Schatten auftaucht und die Figuren wegwischt.

Mit einem Blick über den Marktplatz einer Kleinstadt auf ein Bürgerhaus beginnt die eigentliche Handlung. Von hier aus erblicken drei Männer ein Paar, das sich im Haus küsst. Dort sind sie zu einer Abendgesellschaft eingeladen – und man spürt sogleich, dass sie nicht nur Appetit auf Essen und Trinken, sondern auch auf die Frau haben.

Die einzige Außenaufnahme wird dies bleiben, im Haus werden die folgenden 85 Minuten spielen. Neben den drei Herren wird sich bald auch noch ein junger Mann einfinden. Misstrauisch blickt der krankhaft eifersüchtige Ehemann von Anfang an auf den Besuch. Als sich die Männer an die Frau ranmachen, glaubt er – abweichend von der Realität - in den Schatten, die er sieht, dass sie sie berühren. Täuschen wird ihn die Wahrnehmung auch beim Abendessen, doch zunehmend steigern wird sich dadurch seine Eifersucht.

Wohin diese führt, wird ein Schattenspieler bewusst machen, der der Gesellschaft eben nicht nur ein Schattenspiel vorführt, sondern sie auch in Hypnose versetzt, ihre Schatten auf die Leinwand zaubert und dabei ihre Triebe ausleben und auf Leidenschaft eine Hinrichtung folgen lässt.

Großartig ist zunächst einmal, wie Robison diese Geschichte ohne jeden Zwischentitel erzählt, meisterhaft ist dann aber auch das Spiel von Kameramann Fritz Arno Wagner mit Licht und Schatten – und auch Spiegel dürfen freilich nicht fehlen. Punktgenau ist auch der Schnitt, der für Rhythmus sorgt, und im Wechsel von Totalen, Großaufnahmen und Details den Blick des Zuschauers lenkt und Spannung erzeugt.

Die Verführungskraft der Frau (Ruth Weyher), die mit ihren Reizen kokettiert und die Männer auch herausfordert, wird hier ebenso spürbar, wie die Lüsternheit der Männer, während Fritz Kortners Ehemann sich zunehmend schwer tut, seine sich steigernde Eifersucht zu unterdrücken.

Der lange nur in verstümmelter Fassung existierende Film ist nun in restaurierter Fassung und mit einer von Johannes Kalitzke neu komponierten und vom Ensemble ascolta eingespielten Musik, die wesentlich zur Wirkung des Films beiträgt, auf DVD erschienen. Die Extras beschränken sich auf ein sechsminütiges Interview mit Johannes Kalitzke zu seiner Filmmusik.

Trailer zu «Schatten»

  • (c) Deutsche Kinemathek
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