Hokusai x Manga. Japanische Popkultur seit 1680

22.09.2016

08.06.2016 bis 25.09.2016  Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

In einer umfangreichen Ausstellung zeichnet das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) die vielfältigen Verbindungen zwischen historischer und zeitgenössischer Populärkultur in Japan nach. Das MKG besitzt eine international einmalige Sammlung von Farbholzschnitten und Holzschnittbüchern der bedeutendsten ukiyo-e-Künstler wie Utagawa Kuniyoshi (1797-1861) oder Katsushika Hokusai (1760-1849). Die Ausstellung schlägt den Bogen von diesen hochkarätigen Holzschnitten und historischen Druckerzeugnissen aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert zu den visuellen Massenmedien des modernen Japan: Manga (Comics), Anime und Computerspiele, begleitet durch aktive Fan-Szenen und Aneignungspraktiken wie Cosplay.


Neben der Darstellung der jeweils eigenständigen Stilelemente untersucht «Hokusai x Manga. Japanische Popkultur seit 1680» die zeitübergreifenden Anknüpfungspunkte und Entwicklungslinien. So zeichnet sich die zeitgenössische Popkultur durch eine ausgeprägte Pluralisierung der Themen, Motive und Genres aus, folgt aber auch den traditionellen japanischen Erzählstoffen, wie etwa den Samurai oder der übernatürlichen Welt der Gespenster und Monster (yōkai), die immer wieder aufgegriffen und neu interpretiert werden. Neben diesen inhaltlich-motivischen Gemeinsamkeiten finden sich auch Parallelen im visuellen Repertoire, in der stilistischen Ausformung, in der Verknüpfung von Schrift und Bild und in den Formen der Serialisierung.

Auch die Produktionsweisen mit ihren arbeitsteiligen Prozessen und Vertriebsstrukturen sind vergleichbar und an den erfolgten technischen Innovationen ablesbar. Die Ausstellung zeigt historische Holzschnitte und Druckerzeugnisse, Skizzen, Tuschezeichnungen, deutsche und japanische Manga-Bücher, hochwertige Reproduktionen und Originalzeichnungen von Manga, sowie Ausschnitte aus Anime-Filmen, Videogames und Merchandise-Artikel aus dem Manga-Anime-Universum.

Im frühen 17. Jahrhundert entwickelt sich im Vergnügungs- und Bordellviertel Yoshiwara der vormodernen Megacity Edo (heute Tokyo), damals die größte Stadt der Welt, eine Unterhaltungskultur im Wechselspiel von weltlichem Vergnügen, sinnlichen Genüssen und gesellschaftlichem Spektakel. Einhergehend mit der rasanten Stadtentwicklung entstehen mit dem Holzschnitt (ukiyo-e) erstmals vielfach reproduzierbare Bilder für die breite Masse. Sie sind visuelle Zeugnisse der Vergnügungskultur. Die Drucke werden arbeitsteilig in großen Stückzahlen hergestellt und von findigen Verlegern in Auf-trag gegeben und kommerziell vermarktet. Sie orientieren sich an der Nachfrage des städtischen Publikums und bringen eigene Genres hervor.

Beliebte Themen sind der Starkult des Kabuki-Theaters und die Reize aus der Welt der Kurtisanen. Die Holzschnitt-Motive zeigen aufwändig gekleidete Prostituierte, die modische Trends vorgeben, und berichten vom vermeintlich luxuriösen Leben im Überfluss. Pornografische shunga-Drucke befriedigen die erotische Schaulust des Publikums. Die Holzschnitt-Künstler der Edo-Zeit reagieren auf die vielstimmigen Unterhaltungsbedürfnisse der Konsumenten und erzählen von sagenhaften Helden und actionreichen Auseinandersetzungen. Sie illustrieren fantastische Welten und geben der wohlig schaurigen Geisterwelt Japans, bevölkert von den yōkai, ein ideenreiches Antlitz. Solche Drucke halten Flüchtiges fest und verschaffen Zerstreuung vom Alltag. Als das Reisen um 1830 in Mode kommt, entsteht ein neues Thema, das in umfangreichen Serien die aufkommende Mobilität widerspiegelt. Farbenfrohe Landschaftsbilder zeigen idyllische Ausblicke und die-nen als Andenken an vergangene Reisen.

Neben den berühmten Einzelblättern großer Meister wie Kitagawa Utamaro (1753-1806), Katsushika Hokusai (1760-1849) oder Utagawa Hiroshige (1797-1858) entstehen im späten 18. Jahrhundert die ersten Comic-Hefte der Welt. Die Künstler verwenden in diesen Holzschnittbüchern für ihre unterhaltsamen Geschichten Bild-Text-Kombinationen, symbolhafte Chiffren, experimentelle Erzählstrategien und verkürzte Darstellungsformen. Mit diesen Gestaltungsmitteln inszenieren sie in ihren Bildgeschichten eine Dynamik und Spannung, die sich später in den modernen japanischen Comics wiederfinden. Auch die starke Typisierung der Figuren, die einen hohen visuellen Wiedererkennungswert gewährleistet, ist ein frühes Stilmittel, das in der zeitgenössischen Populärkultur eine sehr große Bedeutung besitzt.

Neben diesen stilistischen Gemeinsamkeiten schlägt das Medium Buch eine Brücke von der historischen zur zeitgenössischen japanischen Populärkultur. Manga sind in Japan ein allgegenwärtiges Massenmedium, das millionenfach gedruckt und gelesen wird. Ebenfalls in arbeitsteiligen Produktionsprozessen hergestellt, haben sie eine Vielzahl an Genres hervorgebracht und erreichen zahlreiche Zielgruppen. So gibt es beispielsweise Manga für Vorschulmädchen, Heranwachsende, Angestellte und Rentner. Seit Ende der 1980er Jahre finden sie zunehmend Leser auf den westlichen Comicmärkten. Zunächst noch als exotische Publikationen von einem Spezialpublikum wahrgenommen, entwickelt sich mit dem steigenden Beliebtheitsgrad japanischer Animationsfilme, den sogenannten Anime, eine große, zumeist junge Anhängerschaft mit subkultureller Ausprägung.

Mit der zunehmenden Beliebtheit der Manga entstehen neue Themen, Motive und Genres, auch die traditionellen japanischen Vorstellungswelten werden neu interpretiert. Spezifische Genres bedienen gleichermaßen die Bedürfnisse der Leserschaft nach Action, Thrill und emotionalen Stoffen. Sie erzählen u.a. von zivilisationskritischen Zukunftsszenarien, dem Verhältnis von Mensch und Technik und von einem mehrdeutigen Spiel der Geschlechter, das im Manga in komplexen, vielschichtigen Identifikationsangeboten Ausdruck findet. Beispielhaft lässt sich dies am beliebten Genre Boys Love nachvollziehen, das von homoerotischen Liebesgeschichten zwischen Jungen handelt, jedoch hauptsächlich von einem weiblichen Publikum gelesen wird.

Die typischen Ausdrucksformen des Manga zeichnen sich durch eine spezifische Bildsprache mit eigenen Darstellungskonventionen und visuellen Codes aus. So findet man etwa die kawaii-Ästhetik, die u.a. mit einem verniedlichenden Kindchen-Schema arbeitet, in vielen Bildgeschichten und Animationsfilmen. Besonders ausgeprägt ist dieses Stilmittel bei Merchandising-Artikeln oder ganz eigenständigen Produktlinien wie beispielsweise «Hello Kitty», die nicht aus bestehenden Manga-Themen und -Figuren hervorgehen. Solche crossmedialen Vermarktungsstrategien weiten die fiktionalen Bildwelten von Manga und Anime auf viele Bereiche des Alltags- und Konsumlebens aus.

Die modernen massenmedialen Entwicklungen in den Bereichen Manga, Anime und Computerspiel haben einen ganz eigene Welt mit aktiven Fan-Szenen und kreativen Aneignungspraktiken wie dem Cosplay entstehen lassen. Hier werden die Anhänger im Sinne einer produktiven Rezeption aktiv und verwandeln sich mit selbstgefertigten Kostümen in ihre Lieblingscharaktere. Die Leidenschaft der Leser für das Zeichnen drückt sich zugleich in der umfangreichen Fan-Art-Produk-tion aus. Dieses Verlangen nach Teilhabe findet sich bereits in den historischen Mal-Lehrbüchern wie den berühmten Hokusai Manga, die in Teilen mit den heutigen Anleitungen zum Manga-Zeichnen vergleichbar sind.


Hokusai x Manga. Japanische Popkultur seit 1680
8. Juni bis 25. September 2016

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Steintorplatz
D-20099 Hamburg
T: 0049 (0)40 428 134-2732
E: service@mkg-hamburg.de
W: http://www.mkg-hamburg.de


Öffnungszeiten

Di bis So 10 – 18 Uhr

Donnerstag 10 – 21 Uhr

 


  • Utagawa Kuniyoshi (1797-1861): Frau mit Katze, aus der Serie 'Bilder vom Glück in den Bergen und Meeren', 1852. Farbholzschnitt, 36,2 x 24,5 cm; Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
  • Utagawa Hiroshige (1797-1858): Koganei in der Provinz Musashi, aus der Serie 'Die 36 Ansichten des Fuji Berges', 1858. Farbholzschnitt, 33,8 x 22,2 cm; Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
  • Utagawa Hiroshige (1797-1858): Adler über den schneebedeckten Sümpfen von Fukagawa, aus der Serie '100 berühmte Ansichten von Edo', 1857. Farbholzschnitt, 34 x 22,6 cm; Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
  • Jed Henry (Design): Blue Storm, 2013. Holzschnitt, Holzschnitt und Druck David Bull; © Jed Henry
  • Jed Henry (Design): Fox Moon, 2012. Holzschnitt, Holzschnitt und Druck David Bull; © Jed Henry
  • Jed Henry (Design): Rickshaw Cart, 2012. Holzschnitt, Holzschnitt und Druck David Bull; © Jed Henry

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