Inherent Vice - Natürliche Mängel

17.02.2015 Walter Gasperi

Privatdetektiv «Doc» Sportello erhält von seiner Ex-Freundin den Auftrag ihren derzeitigen Geliebten zu suchen. Dabei gerät «Doc» in ein immer undurchschaubareres und weitläufigeres Netz von Beziehungen und Intrigen. Paul Thomas Andersons Verfilmung von Thomas Pynchons 2009 erschienenem gleichnamigem Roman ist eine im wahrsten Sinne des Wortes bekiffte Krimikomödie, die atmosphärisch dicht in das Los Angeles von 1970 eintaucht und dem klassischen Film noir seine Reverenz erweist.


Große und gewichtige Filme des amerikanischen Kinos hat Paul Thomas Anderson in den letzten 16 Jahren mit «Magnolia» (1999), «There Will Be Blood» (2007) und «The Master» (2012) gedreht. Mit «Inherent Vice», der ersten Verfilmung eines Romans des geheimnisumwitterten Thomas Pynchon überhaupt, kehrt er nun gewissermaßen in die Zeit seines zweiten Films «Boogie Nights» (1997) zurück, in dem er einen Pornostar der 70er und frühen 80er Jahre porträtierte.

Weitgehend aus der Perspektive des meistens einen Joint rauchenden Privatdetektivs «Doc» Sportello (Joaquin Phoenix) erzählt P.T.A., sodass der Zuschauer immer nur auf dessen Wissensstand ist, sich ebenso wie der Protagonist im Netz der zahlreichen Figuren und ihrer Verbindungen verliert. Überraschend ist freilich, dass aus dem Off nicht die Stimme Sportellos, sondern die seiner Freundin Sortilege (Joanna Newsom), die im Film sonst keine Rolle spielt, durch die Handlung führt.

Wie bei John Hustons «The Maltese Falcon» (1941) und Howard Hawks´ «The Big Sleep» (1946) setzt die Handlung damit ein, dass «Doc» von einer jungen Frau, in diesem Fall seiner Ex-Freundin Shasta (Katherine Waterston) gebeten wird, ihren verschwundenen Geliebten, den Immobilienmakler Mickey Wolfman (Eric Roberts) aufzuspüren. Doch bald ist auch Shasta verschwunden, gleichzeitig erhält «Doc» immer wieder neue Aufträge, die alle mit dem ursprünglichen Fall zusammenhängen.

Bald geht es um ein Schiff oder eine Organisation namens «Der große Fangzahn», hinter der eventuell ein Drogenkartell oder auch nur eine Vereinigung von Zahnärzten zur Steueroptimierung steckt. Die Ermittlungen führen Sportello aber auch in eine psychiatrische Klinik und möglich ist auch, dass es um eine politische Verschwörung geht.

So wild, ja rauschartig die Handlung ist, die man auch als Antwort Andersons auf die stromlinienförmigen und simpel gestrickten Hollywood-Filme sehen kann, so hinreißend ist der Film im Detail. Da steht zunächst einmal «Doc» mit seinen langen Haaren, Koteletten, 70er Jahre Hemden und Sandalen dem Polizisten Christian «Bigfoot» Bjornsen (Josh Brolin) gegenüber, dessen Haare kurz geschnitten sind und der stets einen Anzug mit Krawatte trägt. Während «Doc» beinahe permanent kifft, lutscht «Bigfoot» immer wieder genüsslich an seinen Schokobananen, was auch andere Assoziationen auslösen kann. - Großartig spielen Joaquin Phoenix und Josh Brolin diese gegensätzlichen Typen, großen Spaß bereitet es ihren Auseinandersetzungen zu folgen.

Auch in den weiteren, zahlreichen Nebenrollen ist «Inherent Vice», dessen Titel sich auf einen Fachausdruck für nicht versicherbare «natürliche Mängel» bei Schiffsfracht bezieht, nicht nur hervorragend besetzt, sondern auch mit sichtlichem Vergnügen gespielt. Jede Szene ist hier wunderbar aufgebaut, für Abwechslung sorgt auch, dass Dialoge teilweise in sehr langen Einstellungen gefilmt sind, teilweise Großaufnahmen in rascher Folge aneinander geschnitten werden.

Mag das auch Andersons bislang am stärksten vom Dialog bestimmter Film sein, so verstehen es der Kalifornier und sein Team doch nicht nur mit Kostümen und Ausstattung, sondern auch durch den Dreh auf im Grunde durch Wärme unbrauchbar gewordenen Filmmaterial (Kamera: Robert Elswit) und der großartigen Musik von Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood die Atmosphäre der frühen 1970er Jahre zu evozieren. Damit stellt er diese durchgeknallte Krimikomödie auch in die Tradition der in dieser Zeit gedrehten Chandler-Adaption «The Long Goodbye» (1973) von Robert Altman, der Andersons großes Vorbild ist und bei dessen letztem Film «The Prairie Home Companion» er auch bei den Dreharbeiten bereit stand, um allenfalls für den 80-jährigen Altman einspringen zu können.

Man kann in «Inherent Vice» aber auch ein Spiel Andersons mit seinem eigenen Werk sehen. Denn während er in «Magnolia» neun Erzählstränge in furioser Montage parallel entwickelte und auf einen Protagonisten verzichtete, so hält hier gerade eine Figur, nämlich «Doc» die wilde Szenenfolge zusammen.

Im Schaffen des 45-jährigen Regisseurs mag das zwar ein Nebenwerk sein, aber auf jeden Fall ein höchst unterhaltsames und letztlich auch nicht nur durchgeknalltes und absurdes, sondern durchaus eines mit gesellschaftlichem Subtext. Denn mit einer kurzen TV-Szene mit Richard Nixon und der im Film wiederholt angesprochenen (Verschwörungs)Theorie, dass das rechte amerikanische Establishment die Studentenbewegung und Hippiekultur abwürgte, präsentiert sich «Inherent Viece» auch als eine Hymne auf die Freiheit der späten 60er und frühen 70er Jahre und als Klage über das Ende dieser Zeit.

Wird vom Filmforum Bregenz am Mittwoch, den 6.5., und am Donnerstag, den 7.5., jeweils um 20 Uhr im Metrokino Bregenz gezeigt (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Inherent Vice»

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