Oskar Kokoschka und die Prager Kulturszene

25.01.2015

27.09.2014 bis 01.02.2015  Kunstforum Ostdeutsche Galerie

Als Oskar Kokoschka Ende September 1934 in Prag ankam, ahnte er nicht, dass die Heimatstadt seiner Vorfahren für ganze vier Jahre zu seinem Lebensmittelpunkt werden würde. Er porträtierte den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš Garrigue Masaryk, vor allem aber malte er immer wieder die Stadt, die ihn begeisterte. In der damaligen Prager Kulturszene, die auch von deutschsprachigen Emigranten geprägt wurde, spielte Kokoschka eine öffentlich wirksame Rolle. Fast auf den Tag genau 80 Jahre nach Kokoschkas Ankunft in Prag beginnt die Ausstellung im Kunstforum, die sein Œuvre aus der Zeit zwischen 1934 und 1938 mit bedeutenden Leihgaben vorstellt.


Im Spätsommer 1934 verließ Oskar Kokoschka (Pöchlarn 1886 – 1980 Montreux) Wien, um auf Reisen zu gehen und neue prominente Porträtaufträge zu erhalten. Die erste Station war Prag, wo er den tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš Garrigue Masaryk malen sollte. Doch die Porträt-Sitzungen wurden wegen Masaryks Krankheit aufgeschoben und Kokoschka fand allmählich immer mehr Gefallen an der Stadt, in der schon sein Großvater Václav Kokoska gelebt hatte und wo auch seine Schwester zu Hause war. Schließlich blieb er hier ganze vier Jahre, bis er Mitte Oktober 1938 nach der Besetzung der tschechoslowakischen Grenzgebiete durch die NS-Armee nach London fliehen musste.

Während Kokoschkas Aufenthalt in der Tschechoslowakei entstanden mindestens 37 Gemälde, darunter 15 Stadtansichten. Das Prager Panorama mit dem Blick über die Moldau faszinierte den Künstler und er hielt es von verschiedenen Standpunkten aus fest. Ein weiteres Prag-Bild malte er aus der Erinnerung heraus in London. Der Titel «Prag – Nostalgia» deutet auf die enge Verbundenheit mit der Stadt hin. Als Kulisse erscheint sie auch im Porträt von Tomáš Garrigue Masaryk. Mit dem Präsidenten verband Kokoschka unter anderem das Interesse an dem tschechischen Reformpädagogen und humanistischen Schriftsteller Johann Amos Comenius. So fand die Figur des Begründers der modernen Pädagogik auch in Masaryks Bildnis Eingang. Comenius und sein Wirken inspirierten Kokoschka ferner zu seinem 1936 begonnenen Drama «Comenius», in das er kritische Anspielungen auf den Nationalsozialismus einbaute.

Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Expansionsbewegung und ihrer restriktiven Kulturpolitik stellte Prag in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre für viele deutschsprachige Intellektuelle einen Ort des Rückzugs und des Austausches dar. Kokoschka, in Deutschland als «entartet» diffamiert, unterhielt Kontakte sowohl zum Emigranten-Kreis als auch zu den tschechischen und deutsch-böhmischen Künstlern. Seine öffentlich ausstrahlende Wirkung bezeugt die Gründung des so genannten «Oskar-Kokoschka-Bundes», in dem Künstler wie John Heartfield und Theo Balden aktiv waren. Kokoschkas Engagement war nicht zuletzt deshalb möglich, weil er dank des offiziellen Auftrags, den Staatspräsidenten zu malen, den Behörden gegenüber einen Sonderstatus genoss. Ende Juli 1938 erhielt Kokoschka die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Mit dem Prager Milieu war er auch privat eng verbunden, denn hier lernte er Olda Palkovská kennen, die er 1941 in einem Londoner Luftschutzkeller heiraten sollte.

Die Regensburger Ausstellung führt das in der Tschechoslowakei entstandene Werk von Oskar Kokoschka zusammen und bettet es in den Kontext der Prager Kulturszene der 1930er Jahre ein. Neben den beiden Gemälden aus der Sammlung des Kunstforums Ostdeutsche Galerie sind weitere sieben Prag-Ansichten zu sehen, unter anderem auch «Prag – Nostalgia» aus der Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh. Auch das Porträt des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš Garrigue Masaryk aus dem Carnegie Museum of Art, Pittsburgh, konnte für die Schau gewonnen werden.

Weitere wichtige Leihgeber sind unter anderem die Nationalgalerie in Prag (Národní galerie v Praze), die Fondation Oskar Kokoschka, Vevey, das Kunsthaus Zürich, das Österreichische Landesmuseum St. Pölten, die Sammlung Würth, die Staatlichen Museen zu Berlin sowie zahlreiche Privatsammler. Aus Kokoschkas Prager Umfeld sind Künstler wie Emil Filla, Václav Špála, Bohdan Heřmanský, Jan Bauch, Friedrich Feigl, Maxim Kopf, Georg Kars und Willi Nowak vertreten. Teils noch unveröffentlichte Dokumente aus der Zentralbibliothek Zürich und aus verschiedenen Privatsammlungen ergänzen die Präsentation mit berührenden Zeitdokumenten aus Kokoschkas Leben.


Oskar Kokoschka und die Prager Kulturszene
27. September 2014 bis 1. Februar 2015

Kunstforum Ostdeutsche Galerie
Dr.-Johann-Maier-Str. 5
D-93049 Regensburg
T: 0049 (0)941 29714-0
F: 0049 (0)941 29714-33
E: info@kog-regensburg.de
W: http://www.kunstforum.net


Öffnungszeiten

Di bis So 10 - 17 Uhr
Donnerstag 10 - 20 Uhr

 


  • Prag, Blick vom Moldauufer auf die Kleinseite und den Laurenziberg, 1936. Öl auf Leinwand, 55 x 76 cm; Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg. © Fondation Oskar Kokoschka, Vevey / VG Bild-Kunst, Bonn 2014; Foto: Wolfram Schmidt, Regensburg
  • Prag, Blick vom Moldauufer auf die Kleinseite und den Hradschin III, 1936. Öl auf Leinwand, 85 x 115 cm; Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg. © Fondation Oskar Kokoschka, Vevey / VG Bild-Kunst, Bonn 2014; Foto: Wolfram Schmidt, Regensburg
  • Porträt Tomáš Garrigue Masaryk, 1935/1936. Öl auf Leinwand, 97 x 131 cm; Carnegie Museum of Art, Pittsburgh, Patrons Art Fund. © Fondation Oskar Kokoschka, Vevey / VG Bild-Kunst, Bonn 2014; Foto: 2014 Carnegie Museum of Art, Pittsburg
  • Selbstbildnis mit Stock, 1935/1936. Öl auf Leinwand, 95 x 75 cm; Niederösterreichisches Landesmuseum, St. Pölten. © Fondation Oskar Kokoschka, Vevey / VG Bild-Kunst, Bonn 2014; Foto: Land Niederösterreich, Foto: Peter Böttcher
  • Porträt von Olda, 1935-1937. Öl auf Leinwand, 90 x 67 cm; Fondation Oskar Kokoschka, Vevey. © Fondation Oskar Kokoschka, Vevey / VG Bild-Kunst, Bonn 2014; Foto: Fondation Oskar Kokoschka, Vevey

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