Menschen untereinander

27.11.2014 Walter Gasperi

Im Berlin der 1920er Jahre spielende Sozialdramen waren die Spezialität von Gerhard Lamprecht. In «Menschen untereinander» bietet Lamprecht anhand der Bewohner eines Mietshauses einen Querschnitt durch die Gesellschaft. In der Edition Filmmuseum ist dieser 1926 enstandene Stummfilm in einer digital restaurierten Fassung zusammen mit «Unter der Laterne» in einer Doppel-DVD erschienen.


Der Einzug einer neuen Portiersfrau bildet den Ausgangspunkt. Anhand der Wohnungsschilder stellt eine neugierige Nachbarin der Portiersfrau die Bewohner des Mietshauses vor. Ein verbitterter und hartherziger Regierungsrat, dessen Frau wegen eines Autounfalls mit Todesfolge im Gefängnis sitzt, gehört ebenso dazu wie der Vater der Inhaftierten, der im Haus ein Juweliergeschäft führt. In den oberen Stockwerken wohnen ärmere Menschen: eine Heiratsvermittlerin, ein armer Klavierlehrer, eine Witwe mit ihrem erwachsenen Sohn sowie ein Luftballonverkäufer. Aber auch eine Ballettschule gibt es hier sowie die habgierige und bösartige Eigentümerin des Blocks.

In diesem Querschnitt der Gesellschaft und zwischen den einzelnen Figuren wechselnd erzählt Lamprecht von Armut, Betrug, Karrieresucht und Verbitterung ebenso wie von Güte, Menschlichkeit und Großmut. In der Verknüpfung der teils auch melodramatischen Handlungsstränge wird so ein breites Gesellschaftspanorama geboten. Wie bei Robert Altman, der dieses polyphone Erzählen weitertrieb und perfektionierte, steht auch nicht ein Protagonist im Mittelpunkt, sondern - wenn auch nicht gleichwertig - die unterschiedlichen Bewohner des Mietshauses.

Formal ist das mit statischer Kamera zwar konventionell inszeniert, besticht aber durch den für Lamprecht typischen genauen Blick fürs Milieu und treffende Zeichnung der Figuren, die in relativ langen Einstellungen an Profil und Tiefe gewinnen.

Überzeugend kehrt der 1897 geborene und 1974 verstorbene Regisseur auch am versöhnlichen Ende zur Eröffnungsszene zurück, nun freilich mit geänderten Besitzverhältnissen und der Hoffnung, dass nun für alle Bewohner des Mietshauses eine glücklichere Zeit anbricht.

Digital restauriert werden konnte «Menschen untereinander» nur durch das Scannen einer 1935 vom Originalnegativ hergestellten 16-mm Positivkopie, denn alle 35-mm Kopien gelten als verloren.

Neben «Menschen untereinander» findet sich in der in der Edition Filmmuseum erschienenen Doppel-DVD auch Lamprechts 1928 entstandener Stummfilm «Unter der Laterne». Darin erzählt der gebürtige Berliner, von dem in der Edition Filmmuseum ebenfalls in einer Doppel-DVD schon «Die Verrufenen» und «Die Unehelichen» herausgebracht wurden, von einer jungen Frau, die nach einem Streit mit ihrem Vater von zuhause abhaut und immer tiefer fällt. Kann sie zunächst noch in einem Varieté auftreten, wird sie bald zur Luxusmätresse und landet schließlich auf dem Straßenstrich.

An Sprachversionen werden bei beiden DVD die deutschen und die englischen Zwischentitel sowie zwei verschiedene Musikversionen angeboten. Die Extras beschränken sich auf ein dreisprachiges 16-seitiges Booklet (Deutsch, Englisch, Französisch), in dem Gerhard Lamprecht sowie die beiden Filme vorgestellt werden.

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  • Unter der Laterne

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