Tarantula!

02.10.2014 Walter Gasperi

Tierversuche generieren eine Riesenspinne, die ausbrechen kann und bald Schrecken verbreitet. - Bei Koch Media ist Jack Arnolds 1955 gedrehter Horrorfilm, der längst Kultstatus genießt und dank gut aufgebauter und ökonomisch erzählter Geschichte immer noch zu unterhalten versteht, auf Blu-ray erschienen.


In einer Totale erfasst die Kamera eine Wüstenlandschaft in Arizona. Auf Musik wird verzichtet, man hört nur das Pfeifen des Windes. In der Entfernung wird ein taumelnder Mann sichtbar. Als die Kamera in die Halbtotale springt, erkennt man sein deformiertes Gesicht. Mit dem Zusammenbruch des Mannes wechselt der Film mit einem Schnitt zu einem Flugfeld, wo Dr. Matt Hastings (John Agar) ankommt.

In der Stadt wird Hastings vom Sheriff mit der Leiche des Deformierten konfrontiert. Während sich der Arzt die Entstellung nicht erklären kann, diagnostiziert der mit dem Toten befreundete Wissenschaftler Professor Deemer (Leo G. Carroll) die seltene und sich über Jahre hinziehende Krankheit Akromegalie.

Aus der Stadt folgt der Film Deemer zu seinem abgelegenen Forschungszentrum, macht bekannt mit seinen Tierversuchen, mit denen er das Wachstum beschleunigen und die Proportionen vergrößern will, um den Welthunger zu bekämpfen. Als ihn ein wie der Tote deformierter Mitarbeiter angreift, entkommt einerseits eine schon überdimensional große, aber noch nicht voll ausgewachsene Tarantel und andererseits verabreicht der Angreifer auch seinem Chef eine Injektion.

In der Stadt beginnt inzwischen auch ein Journalist Nachforschungen über den deformierten Toten anzustellen, während eine neue Laborantin für Deemers Labor ankommt, die sich sogleich mit Dr. Hastings anfreundet.

Mustergültig in Ökonomie und Aufbau ist diese Exposition, geradezu klassisch, aber auch klischeehaft die Protagonisten: Arzt, Sheriff als staatliche Macht und investigativer Journalist werden knapp vorgestellt, dazu kommt eine junge Frau, die einerseits als Love-Interest dient, andererseits die Verbindung zum Forscher herstellt, der keineswegs verrückt ist, aber seine Grenzen überschreitet.

Langsam, aber sukzessive steigert Jack Arnold nun die Bedrohung, rückt immer wieder, aber nur kurz die zunehmend größer werdende Spinne ins Bild, lässt sie – aber erst nach 50 von 80 Minuten – erstmals Tiere, dann Menschen und schließlich die Stadt angreifen…

Im Spiel mit den Gefahren der Radioaktivität, die bei der Herstellung des Wachstumsmittels eine Rolle spielt, und in der Kritik an einer Wissenschaft, die alles für machbar hält, ist «Tarantula!» ein typischer Horrorfilm der 1950er Jahre.

Bestechend entwickelt Jack Arnold seine Geschichte, Spannung entsteht hier, weil im Mittelpunkt immer die Menschen und nie die Effekte stehen. Die Spinne wird nicht für großes Spektakel verwendet, sondern dosiert eingesetzt, um die Ängste und die Bedrohung langsam eskalieren zu lassen. Sie erscheint auch nicht als Monster, sondern vielmehr als Opfer menschlichen Forscherdrangs. Nicht einsichtig ist freilich, wieso man bei Tierversuchen zur Nahrungsvermehrung auch mit Spinnen experimentieren soll.

Auch als Metapher für die Angst der 1950er Jahre vor der Atombombe kann diese mutierte Tarantel gelesen werden und stellt auch kein Einzelfall im Kino dieser Zeit dar. Ins Unermessliche ließen damals Regisseure beispielsweise auch Ameisen («Formicula»; Gordon Douglas, 1954), Raupen («The Monster That Challanged The World»; Arnold Larven) oder eine Gottesanbeterin («The Deadly Mantis», Nathan A. Juran, 1957) wachsen.

Maßstäbe setzte Arnold aber auch tricktechnisch, denn auch in dieser Beziehung ist «Tarantula» liebe- und einfallsreich gemacht: Arnold drehte vor Blue Screen auf einer Miniaturlandschaft mit realen Spinnen, deren Bewegungen er durch Luftdüsen dirigierte. Anschließend wurden diese Szenen mit dem Realfilm kombiniert. Beim Angriff auf das Forschungszentrum – einem immer noch eindrucksvollen dramatischen Höhepunkt des Films - setzte er dagegen ein größeres Spinnenmodell ein.

Auch die Bildqualität der bei Koch Media erschienenen Blu-ray überzeugt, an Sprachversionen werden die englische Originalfassung und die deutsche Synchronfassung, die mit der Übersetzung von «billions» als «Billionen» statt «Milliarden» freilich einen Fehler enthält, sowie Untertitel in beiden Sprachen angeboten.

An Extras gibt es neben dem deutschen und dem amerikanischen Kinotrailer, einer Bildergalerie und unergiebigen drei- bzw. achtminütigen Normal-8 bzw. Super-8-Kurzfassungen des Films ein rund 20 minütiges, sehr interessantes Interview mit Jack Arnold über die Entstehung des Films und Unterschiede zwischen dem Filmemachen in den 1950er und den späten 1970er Jahren (der Zeit des Interviews.)

Trailer zu «Tarantula»

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