Die Nacht des Jägers - The Night of the Hunter

13.06.2013 Walter Gasperi

Ein sich als Prediger gebender psychopathischer Frauenmörder verfolgt zwei Kinder, die wissen, wo ihr Vater Geld versteckt hat. - Charles Laughtons einzige Regiearbeit ist ein bildmächtiger expressionistischer Hybrid, der seit seiner Entstehung 1955 vielleicht sogar noch an Reiz gewonnen hat. Bei Koch Media ist dieser einzigartige Film in der neuen Reihe «Masterpieces of Cinema» in bestechender Bildqualität auf DVD und Blu-Ray erschienen.


«Der Film ist zu sonderbar» kommentierte einer der Bosse von United Artists «Die Nacht des Jägers» bei einem Testscreenig 1955. Die Folge war, dass dieser Film ohne Werbung in die Kinos gebracht wurde, kommerziell floppte und Charles Laughton danach nie mehr Regie führte.

Sonderbar ist «The Night of the Hunter» auch 58 Jahre nach seiner Uraufführung noch, steht singulär in der Filmgeschichte da, ist eine faszinierend-bizarre Mischung aus Film noir, Märchen, Alptraum und biblischer Geschichte.

Ein Wiegenlied evoziert zum Vorspann eine beruhigende Atmosphäre und eine Frau erzählt direkt in die Kamera Kindern von Jesus und den Aposteln, warnt aber auch vor falschen Propheten im Schafspelz.

Mit einer spektakulären Flugaufnahme setzt dann die eigentliche Handlung ein, die im ländlichen Ohio zur Zeit der Depression spielt. Von einer quasi göttlichen Position nähert sich die Kamera einem Feld, auf dem Kinder spielen, bis sie in einer Scheune eine tote Frau entdecken. Der Gegensatz, der sich hier aus dem Unbeschwert-Kindlichen und dem Verbrechen ergibt, zieht sich durch den ganzen Film und wird permanent weitergetrieben.

«Love» und «Hate» hat der Prediger Harry Powell (Robert Mitchum), der unmittelbar nach der Leiche ins Bild kommt und damit als Täter identifiziert wird, auf die Finger seiner Hände geschrieben. Im Auftrag Gottes mordet er seiner Meinung nach sündige Frauen, doch verhaftet wird er zunächst nur wegen eines Autodiebstahls.

Im Gefängnis lernt er einen zum Tode Verurteilten kennen, der aus Not eine Bank überfallen hat. Powell hört ihn aus, kann aber nicht in Erfahrung bringen, wo der Familienvater das Geld versteckt hat, und schleicht sich deshalb nach seiner Entlassung bei der Familie des Hingerichteten ein, heiratet die Witwe (Shelley Winters) und setzt die Kinder unter Druck.

Als die Frau hinter die wahren Absichten des heuchlerischen Predigers kommt, ermordet er sie, während die Kinder flüchten können und schließlich Zuflucht bei einer alten Dame (Lillian Gish) finden...

Wie der Prediger «Love» und «Hate» mit seinen Händen miteinander ringen lässt, so treffen auch Unschuld auf Verbrechen, der psychopathische Prediger auf eine gütige Frau, stehen den Erwachsenen die Kinder gegenüber und auf visueller Ebene arbeitet Kameramann Stanley Cortez in seinen gestochen scharfen Schwarzweißbildern mit starken Gegensätzen von Licht und Schatten, Hell und Dunkel.

Wie Scherenschnitte wirkt es, wenn sich der Prediger pechschwarz vom hellen Hintergrund abhebt oder wenn er auf seinem Pferd am Horizont vorbeireitet, während die beiden Kinder ihn von einer Scheune aus beobachten. Ganz stark am Stummfilm orientiert sich Laughton visuell. Unübersehbar vom deutschen Expressionismus beeinflusst sind Bildgestaltung und Lichtführung, aber auch der überraschende Einsatz einer Irisblende erinnert an die Frühzeit des Kinos.

Verstärkt wird die märchen- oder traumartige Atmosphäre des Films noch durch surreale Bildeinfälle, wie das wie Seegras wehende Haar der in ihrem Wagen im Fluss versenkten Mutter, oder in Großaufnahme ins Bild gerückte Tiere wie Kröte, Schildkröte, Hasen und Schafe, an denen die Kinder auf ihrer nächtlichen Flucht auf dem Fluss vorbeifahren, bis hin zu einem Spinnennetz, in dem sie durch die Kameraperspektive förmlich gefangen scheinen. Dem Realismus enthoben wird «The Night of the Hunter» aber auch durch wiederkehrende Kinderlieder und die Einflechtung biblischer Erzählungen.

Mit Inbrunst spielt zudem Robert Mitchum diesen Harry Powell, grandios als sein Gegenpol ist Stummfilmstar Lillian Gish, die sich nicht einschüchtern lässt, sondern die von ihr aufgenommenen Kinder auch mit der Waffe verteidigt.

Bei Koch Media erhält man in der neuen Reihe «Masterpieces of Cinema» DVD und Blu-Ray gleich zusammen. An Sprachversionen werden die englische und deutsche Fassung, sowie englische und deutsche Untertitel angeboten. An Extras gibt es neben Trailer und Bildergalerie eine geschnittene Szene von einem Gefängnisbesuch der Gattin des zum Tode verurteilten Bankräubers sowie vor allem ein Booklet und ein sehr informatives rund 14-minütiges Featurette über die Entstehung des Films, in dem neben anderen Mitchum, Winters, Gish, Kameramann Cortez und Produzent Paul Gregory zu Wort kommen. - Einzig das Cover dieser Edition wirkt abschreckend, ansonsten weckt diese Veröffentlichung aber auf jeden Fall die Lust auf weitere Filme der Reihe «Masterpieces of Cinema» wie Emeric Pressburgers/Michael Powells «Leben und Sterben des Colonel Blimp – A Matter of Life and Death».

Trailer zu «Die Nacht des Jägers - The Night of the Hunter»

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