The Master

19.02.2013 Walter Gasperi

Ein psychisch angeschlagener, zum Alkoholismus neigender Ex-Soldat schließt sich nach dem Zweiten Weltkrieg einem Sektengründer an. - Paul Thomas Andersons «The Master» ist weniger ein Film über Scientology als vielmehr eine Lehrer-Schüler-Geschichte über Sinnsuche und Verführung mit schauspielerischen Höchstleistungen von Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman und einer visuell brillanten Evokation der frühen 1950er Jahre.


Schäumendes weißes Kielwasser im tiefblauen Meer steht am Beginn von Paul Thomas Andersons «The Master» und leitmotivisch wird dieses Bild noch zweimal wiederholt. Eine Metapher für die Aufgewühltheit und Destabilisierung von Freddie Quell (Joaquin Phoenix), dessen Name erst nach rund einer halben Stunde erstmals fällt, kann man darin sehen.

Skizzenartig reiht Anderson in einer grandiosen Exposition zur dissonanten Musik von Radiohead Gitarrist Jonny Greenwood, in der sich die Zerrissenheit Quells spiegelt, fragmentarische Szenen aneinander: Soldaten ringen am Strand, eine weibliche Figur aus Sand benutzt Quell als Sexobjekt – auch das ein wiederkehrende Bild – und dann wird im Radio das Ende des Krieges gegen Japan verkündet und General McArthur spricht von der Wiederherstellung des Friedens. Wie eine hypnotisierte anonyme Masse wirken die Soldaten, wenn ihnen ein Vortrag über die Zukunft, die ihnen nun offensteht, gehalten wird.

Mag auch der äußere Friede wiederhertestellt sein, so hat der Krieg bei Freddy Quell doch tiefe Spuren hinterlassen und er assoziiert jedes Bild, das ihm bei einem Rorschach-Test gezeigt wird, mit Sex. Zunächst arbeitet er in einem Kaufhaus als Fotograf, dann als Erntehelfer in Kalifornien. Aus Chemikalien braut er selbst hochprozentigen Alkohol, und muss von der Feldarbeit flüchten, als er mit diesem Gebräu einen Kollegen fast vergiftet.

Grandios beschwört Paul Thomas Anderson, der «The Master» im heute kaum noch gebräuchlichen 70mm-Format gedreht hat, in dieser Exposition in Farben, die an die Filme dieser Zeit erinnern und detailreicher Ausstattung die späten 1940er Jahre. Den Job als Kaufhausfotograf schildert er beinahe in einer einzigen virtuosen Plansequenz, die Flucht als Erntehelfer in einer langen Parallelfahrt der Kamera (Mihai Malaimare Jr.).

Während diese Szenen durch die Inszenierung noch gewisse Freiheit atmen, verengen sich der Raum und die Einstellungen, wenn Freddie sich betrunken auf einer hell erleuchteten Yacht im Hafen von San Francisco einschleicht und sich in die erstbeste Kabine legt. Schon der griechische Name der Yacht «Alethia» verweist darauf, dass hier die Wahrheit verkündet werden soll.

Denn an Bord befindet sich der Sektenführer Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) – der Name wird erst nach über einer Stunde des Films fallen, wenn die Polizei ihn verhaftet –, der hier die Hochzeit seiner Tochter feiert. Am nächsten Tag wird er den Eindringling zur Rede stellen und eine Lehrer-Schüler-Beziehung wird in den Mittelpunkt rücken. Im Gegensatz zu Andersons episch breitem «There Will Be Blood» wird «The Master» damit zum fast intimen, aber grandiosen Schauspielerfilm, der gleichwohl in der kühlen und distanzierten Inszenierung den Zuschauer nicht emotional involviert.

Wie der junge Brando spielt Joaquin Phoenix Quell als schwer traumatisierten, aggressionsbereiten jungen Mann, Philip Seymour Hoffman dagegen den charismatischen Führer der «The Cause» genannten Sekte als eloquenten, meist beherrschten und jovialen Manipulator. Während Phoenix in seinem Spiel kaum zu bremsen ist, hält sich Hoffman wunderbar zurück.

Drei große und lange Szenen zwischen diesen beiden Ausnahmeschauspielern bilden das Zentrum des Films: Da gibt es zunächst eine furiose Sitzung, in der Dodd Quell insistierend über seine Person und sein Trauma befragt, ihre ganze Gegensätzlichkeit kommt zum Ausdruck, wenn sie Anderson in einer langen Einstellung in nebeneinander liegenden Gefängniszellen einander gegenüberstellt, bis es am Ende zu einer doch etwas sentimentalen letzten Begegnung kommt.

Wie Quell von Dodd, der verspricht mit Hypnose die Menschen aus ihrem Schlaf zu erwecken und ihnen ihre früheren Leben bewusst zu machen, abhängig wird und nicht von ihm los kommt, so ist auch der Meister von seinem Schüler fasziniert. Weitgehend im Hintergrund bleibt zwar Dodds Frau (zurückhaltend gespielt von Amy Adams), doch übt sie nicht unerheblichen Einfluss auf den Sektenführer aus.

Im Aufeinandertreffen dieser Charaktere, des animalischen Quell, der Sekretär, Leibwächter und Schläger Dodds wird, und Dodds, der selbst auch hin und wieder seine Beherrschung verliert und abrupt für einen kurzen Moment ausrastet, führt Anderson auch einen Diskurs über das Wesen des Menschen und lässt Dodd selbst mehrfach die Frage aufwerfen: «Was ist der Mensch und was unterscheidet ihn vom Tier?»

Parallelen zu L. Ron Hubbard und Scientology kann man hier zweifellos sehen, denn auch Hubbard übersiedelte von San Francisco an die Ostküste und veröffentlichte 1950 mit «Dianetik» ein Buch, in dem er sein System von Psychotechniken vorstellte, doch «The Master» will keine Abrechnung mit einer konkreten Sekte sein.

Vielmehr geht es Anderson um Grundsätzlicheres wie Verführung und Abhängigkeit, die Schwierigkeit, sich aus einer solchen Abhängigkeit zu lösen und das Leben selbst in die Hand zu nehmen, innere Zerrissenheit und Traumatisierung als Nährboden für solche Verführungskünste sowie die Suche nach einem Lebenssinn. Diesen wird Quell auch am Ende nicht gefunden haben und Anderson wird nochmals den Bogen zum Anfang schlagen.

In den Hintergrund tritt bei der Konzentration auf die beiden gegensätzlichen Charaktere die Entwicklung der Story. Völlig im Dunkeln bleibt hier nicht nur die Herkunft Dodds, sondern letztlich auch die Entwicklung der Sekte. Zunehmend sprunghaft wirkt die Handlung, bietet keine dramatische Steigerung auf einen Höhepunkt hin, sondern eine relativ lose Abfolge von Szenen und lässt somit auch eine klare Zielorientierung vermissen.

Irritierend machen diese Leerstellen und diese Offenheit «The Master», lassen etwas ratlos zurück, aber faszinierendes und aufregendes Kino bietet Andersons sechster Film dank seiner visuellen Brillanz, der in kein Schema passenden Musik von Jonny Greenwood und den herausragenden Darstellern dennoch.

Wird vom 3. bis 7. Mai vom TaSKino Feldkirch im Kino Rio gezeigt (engl. O.m.U.)

Trailer zu «The Master»

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