Die Morde von Snowtown

02.05.2013 Walter Gasperi

Nüchtern und unspektakulär, aber in der ebenso leisen wie konzentrierten Erzählweise ungemein intensiv erzählt der Australier Justin Kurzel nach einem wahren Fall, wie ein Serienmörder einen Jugendlichen immer tiefer in seine Welt zieht. Bei Universum Film ist dieser verstörende Albtraum, der im deutschsprachigen Raum nie in die Kinos kam, in der Reihe «FilmFrontal» auf DVD und Blu-ray erschienen.


Im Mai 1999 entdeckte die australische Polizei in der bei Adelaide gelegenen Stadt Snowtown acht Leichen. Als «Snowtown Murders» oder «Bodies in Barrels Murders» ging diese Mordserie, zu der drei weitere Opfer gehören, in die australische Kriminalgeschichte ein. In einem Zeitraum von 20 Monaten wurden elf Menschen bestialisch gefoltert, verstümmelt, bevor sie in Fässer gesteckt und in einem stillgelegten Tresorraum einer Bank in der Kleinstadt Snowtown versteckt wurden.

Drahtzieher waren Justin Bunting und Robert Joe Wagner, die zu lebenslanger Haft verurteilt wurden, in ihren Bannkreis zogen sie James Vlassakis, der zu 26 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Im Prinzip ist das der Stoff für einen klassischen Serienkillerfilm, doch Justin Kurzel legt sein Debüt als Mix aus Sozialstudie und leisem Psychothriller an. Viel Zeit lässt er sich, um das Leben des 16-jährigen Jamie mit seiner überforderten Mutter und seinen zwei Brüdern in einem heruntergekommenen Viertel der südaustralischen Stadt Snowtown zu schildern. Einen Vater hat Jamie nie gehabt, der neue Partner der Mutter missbraucht die Kinder für Nacktfotos. Die Mutter zeigt das Vergehen an, doch Jeffrey wird bald wieder freigelassen.

Zu ändern scheint sich die Welt für Jamie, als seine Mutter eine Beziehung mit John Bunting beginnt. Immer freundlich ist der eloquente 30-Jährige, nimmt Jamie auch ernst und lässt ihn an Gesprächen einer Runde von Nachbarn teilnehmen, von denen die Mutter ihn ausschließen will. Stimmung wird in diesen Diskussionen gegen Homosexuelle und Pädophile gemacht.

Unmissverständlich erklärt John, dass man mit diesen aufräumen müsse, wenn sich der Staat schon nicht darum kümmere, und lässt sich von den Ortsansässigen Namen verdächtiger Menschen nennen. Eine Mordserie beginnt, in die bald auch Jamie hineingezogen und immer mehr selbst zum Täter wird.

Nur einen dieser bestialischen Morde zeigt Kurzel, ansonsten reicht ihm ein Blick auf den Tatort, um beim Zuschauer vor dem geistigen Auge ein Bild vom grauenvollen Geschehen aufsteigen zu lassen. Nicht spektakulär, sondern leise kommt dieser Film daher, verankert die Mordserie in einem präzis geschilderten Milieu, in dem fehlende Zukunftsperspektiven Nährboden für Hass und Aggressionen sind. Einerseits bleibt Kurzel dabei auf Distanz, zieht andererseits den Zuschauer mit einer nah und unruhig geführten Handkamera immer wieder ins Geschehen hinein, lässt ihn die innere Erregung der Figuren direkt erfahren.

Vertrauen kann Kurzel dabei auch auf ein exzellentes Ensemble. Großartig spielt Daniel Henshall den nach außen hin freundlichen Bunting, hinter dessen Fassade sich das Dämonische verbirgt. Ambivalent wird aber auch der von Lucas Pittaway eindringlich gespielte Jamie gezeichnet. Einerseits ist er ein Opfer des teuflischen Verführers Bunting, andererseits wird er aber auch zunehmend zum Täter, löst sich nicht aus dem Bannkreis Buntings.

Verstörende und nachhaltige Wirkung entwickelt der Film, der allein schon durch die vielen Blautöne eindringlich eine beklemmende Atmosphäre evoziert, nicht nur aus diesen Ambivalenzen, sondern vor allem auch aus der leisen und um Realismus bemühten Erzählweise. Hier wird eben nichts zum Spektakel aufgebauscht, gibt es keine grellen Effekte, sondern vor alltäglichem Hintergrund geschehen die bestialischen Verbrechen.

Beklemmende Dichte gewinnt «Die Morde von Snowtown» dabei auch dadurch, dass sich Kurzel ganz auf die Täter beschränkt, aus der Perspektive von Jamie erzählt und trotz seiner Taten doch noch ihn bedauern lässt.

Die bei Universum Film in der Reihe FilmFrontal erschienene DVD verfügt über die englische Tonspur, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie über die deutsche Synchronfassung. An Extras bietet die DVD neben dem Trailer, Footage vom Casting und nicht verwendeten Szenen vor allem einen – allerdings nur englischen – Audiokommentar des Regisseurs.

Trailer zu «Die Morde von Snowtown»

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