Das Vorstellbare

30.12.2012 Haimo L. Handl

Vor wenigen Tagen verstarb Keiji Nakazawa, der japanische Comiczeichner, der mit seinen Werken «Barfuß durch Hiroshima» weltbekannt wurde, im Ausland erfolgreicher als in seiner Heimat Japan. Er hatte, ähnlich wie Art Spiegelman mit seiner «Maus» das schier Unsagbare und Unvorstellbare vor- und ausgestellt in Bildern.


Er hatte durch einen Zufall den Atombombenabwurf auf Hiroshima überlebt, den er als Fünfjähriger erleiden musste und sich das Trauma zwar nicht weggezeichnet, aber immerhin «behandelt». Sein Werk wurde auch in den USA, dem Land, das das schlimmste Kriegsverbrechen durch seine zwei Atombombenabwürfe, vorläufig die einzigen, beging, erfolgreich gezeigt: Die meisten Amerikaner goutieren durchaus Weltschmerz und Kritik und leben trotzdem gleichzeitig mit ihrer Lebenslüge ganz komfortabel.

Eigentlich wollte ich zum Jahresende ein anderes Thema behandeln. Ich lasse die Notizen auf der Festplatte (früher hätte man gesagt «in der Schublade»). Der Tod Nakazawas, der auch ein unermüdlicher Gegner der Atomkraft war, dem der Begriff «friedliche Nutzung der Atomkraft» unlauter schien, führt mich aber zu Anderem.

Nicht nur Hiroshima und Nagasaki steigen auf in Bildern, soweit sie vorhanden sind, dass heißt, von den Amerikanern «freigegeben» wurden. Immerhin blieben sie ein Vierteljahrhundert unter Verschluss, und niemand weiß, ob alle Dokumente und Bilder einsehbar sind. Schwacher Trost, dass es, wäre der Kriegs«partner» Russland als Nachfolgestaat der UdSSR, sicher noch schlimmer wäre mit der Bildlage.

Heute lassen sich Ereignisse nicht mehr so zensurieren wie zu Zeiten des letzten Weltkrieges, auch nicht wie zu Zeiten des Tschernobyl-Supergaus von 1986. Das mussten TEPCO und die japanische Regierung schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Zum öffentlich einbekannten Schmerz, zur offen zur Schau gestellten Trauer gesellte sich der Zorn, die Wut, der Schmerz, die Bilder- und Nachrichtenflut über die Neuen Medien nicht wirklich kontrollieren zu können. Die lang andauernde Disinformation, die eingeübten Lügen, konnten sich nur kurz halten. Die Mehrheit der Japaner war nicht so zu zensurieren, wie es der chinesischen Regierung für ihr riesiges Heer von Internetusern möglich scheint.

Also Bilder und Interviews en masse. Und Analysen und Gegenanalysen, Expertisen und Gegenexpertisen. Zynische Auslassungen über jene, die Angst haben. Als ob die radioaktive Verseuchung kein plausibler Grund dafür wäre. Aber die Manager, die die Gefahr runterspielen, die Journalisten und Politexperten, die sich über die Geängstigten und Besorgten lustig machen, sie haben ihre Büros NICHT in der direkten Gefahrenzone. Wäre doch angebracht als überzeugendes Beispiel, wenn professionelle Atomkraftbefürworter ihre Firmensitze in Tschernobyl und Fukushima hielten, dort strahlend residierten und munterfroh ihrer Geschäfte nachgingen...

Aber wie die feigen Kriegsbefürworter an den Schreibtischen oder Generäle in geschützten Bunkerkommandozentralen sind sie sich sicher, während jene, die im «Fronteinsatz» Tapferkeit zu zeigen haben Opfer werden, die als Helden verklärt in die Geschichte eingehen, zumindest für eine kurze Dauer.

Was las ich nicht über die dummen Deutschen und ihre «german angst». Was wurde nicht hergezogen über die dummen Japaner, die sich jetzt einschüchtern ließen durch Fukushima. Der neue Regierungschef, den eine Mehrheit, vergessend und unwissend sein wollend, die überlange Geschichte des Politbetrugs dieser konservativen, reaktionären, mafiotischen Partei missachtend und ignorierend, vor kurzem wieder gewählt hat, kündigt schon die Reatomisierung an. Und er denkt dabei nicht nur an die Atomkraftwerke, die wieder ans Netz sollen, sondern auch an Atomwaffen, die Japan brauche im Gegenüber zur Atommacht China, das Japan in den Schatten gestellt hat. Der Chef, Shinzo Abe, der diese Kehrtwende in der Politik laut kundtat, reiste auch sofort nach Fukushima, um dorten den Arbeitshelden für ihren historisch beispielhaften Kampf zu danken, der zum «Wiederaufbau von Fukushima und Japan» führen werde.

Es müssten viele Nakazawas jetzt die entsprechenden Bilder und Worte liefern, um das enge Denkfeld dieser rücksichtslosen Machtmenschen, dieser Krieger und Verbrecher zu illustrieren. Aber sie sind nicht da, und der echte ist vor wenigen Tagen verstorben.

Was den Schönrednern und Beschwichtigern leider zugute kommt ist die simple Tatsache, dass Hiroshima und Nagasaki wieder errichtet wurden, dass nicht so viele verbrannten und krepierten, wie anfänglich angenommen. Und die Statistiken über die Langzeitfolgen sind widersprüchlich, weil die entsprechenden Daten entweder nicht verfügbar gemacht oder manipuliert wurden.

Es gibt nur ein Ereignis, das von solcher Relativierung ausgenommen ist, der Holocaust. Für alle anderen Verbrechen und Katastrophen fehlen die Lobbies, die die wahre Erinnerung so breit und tief wach halten, wie sie es verdienen, wie wir es verdienen.

Dessen werden sich einige nach dem nächsten Atombombenabwurf, der schon geplant ist, erinnern. Welche Bilder werden sie haben?

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