Vom individuellen Abbild zum Medien-Image

09.12.2007

23.11.2007 bis 22.12.2007  Fotoforum West

Vom 23. November bis 22. Dezember 07 sind in der Innsbrucker Galerie Fotoforum West sechzig ausgewählte Arbeiten von Gottfried Helnwein aus privaten Sammlungen zu sehen.


Helnweins künstlerische Praxis beruht auf der Erkenntnis der grundsätzlich unterschiedlichen Seinsformen von Fotografie und Malerei. Einerseits schöpft er als einer der konsequentesten Multimedia-Künstler überhaupt die spezifischen Möglichkeiten der jeweils verwendeten Medien bis zu den Grenzen ihrer Horizonte aus - neben Fotografie und Malerei die Zeichnung und die Performance -, spiegelt sie andererseits, aber auch gewissermassen ineinander, so dass sie sich gegenseitig erhellen und ihre Wirkung steigern. Mit dem frappierenden Ergebnis, dass seine Aquarelle die leuchtende Tranparenz von Diapositiven besitzen, obwohl die Duftigkeit der Farben nicht beeinträchtigt wird, und seine naturalistisch-realistischen Gemälde die Brillianz von Lichtbildprojektionen, die im handwerklichen Medium nur durch akribische Übertragung fotografischer Techniken erreichbar ist, und dass seine Fotografien wiederum die intensive Gegenwärtigkeit von Gemälden erlangen.

Beständig bewegen sich seine Bilder zwischen den Polen der Überschärfe und der Auflösung. Jedes gemalte oder fotografierte Motiv ist Gegenstand eines Prozesses der Transformation, sei es anschaulich evident in Form von mehrteiligen Bildern oder Bilderreihen, sei es aber auch innerhalb eines einzigen Bildes. In dem Falle tritt anstelle eines linearen Verlaufes, anstelle eines kotinuierlichen Wechsels oder eines Kontrastes, eine Art Verdichtung, als würde sich die Bewegung in die Bildtiefe verlagern, und unmerklich nimmt in der Wahrnehmung die Intensität des Bildeindrucks zu.

Angesichts der Porträts spricht der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs denn auch von ihrer Fähigkeit, «dem Betrachter zu zeigen, was er weiss, von dem er aber nicht weiss, dass er es weiss». Die meisten derjenigen, die Helnwein neben Burroughs porträtiert hat, gehören zu den tausendfach abgelichteten Protagonisten der Medienwelt. Ihr individuelles Abbild hat sich längst in ein Image verwandelt - Keith Richards, Mick jagger, Andy Warhol, Willy Brandt, Norman Mailer und Michael Jackson. Doch in Helnweins Bildnissen, die er als «Faces» apostrophiert, erscheinen sie, als wären sie zum ersten mal fotografiert worden. Für einen Moment blitzt auf, was Walter Benjamin «Aura» nannte. Die empfindung der Simultanität von Nah und fern.

Alles was ein fotografisches Bild festhält, rückt unweigerlich in die Distanz, eine räumliche wie eine zeitliche, doch durch technisch perfekte Abzüge und vergrösserungen der fotografischen Negative sowie besonderer Präsentation hinter Glas in bleifarbenen mächtigen Rahmen «organisiert» der Künstler förmlich ein Cross-over der Medien, dessen anschauliche Folge der auratische Charakter der meisten seiner Bilder ist. Sie machen etwas von dem Phänomen der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen sichtbar.

Helnwein bedient sich auch ästhetischer Erfahrungen des Films und es ist gut vorstellbar, dass er, der sich durch die häufige Zusammenarbeit mit Johann Kresnik auf der Bühne auskennt, einmal Filme inszinieren wird. Auf jedenfall ist er Experte auf diesem Terrain. Deutlicher als in den Fotografischen «Gesichtslandschaften» wird der filmische Einfluss in der Kombination von Malerei und Fotografie in «Kinderhand und Kindergesichter». Eine Serie gleichformatiger Kinderbildnisse in unscharfer Darstellung steht eine im Riesenformat aufgerichtete Kinderhand gegenüber wiedergegeben im gestochen scharfen Stil der Fotomalerei, leicht blau getönt, und während die Fotografien scheinbar Effekte der Malerei nutzen, forciert die Malerei scheinbar das fotografische Potential über die Möglichkeiten des technischen Mediums hinaus.

Doch die Unschärfe der fotografischen Bilder entspringt nicht einer spezifischen Aufnahmetechnik der nicht genau fokusierten Kamera, sondern der Installation der Bilder, für die der Künstler Milchglas verwendete. Ein Bild wird im Werk dieses Künstlers zunächst als Bild erfahrbar, als Gegenstand ästhetischer Reflexionen, die den kulturell vermittelten Kontakt zur Welt des Gezeigten mittels eines visuellen Schocks unterbricht, um diese desto eindringlicher zu erfassen. Vielleicht löst seine künstlerische Arbeit deshalb so viele heftige Reaktionen aus.

Gottfried Helnwein - Sechzig Arbeiten aus privaten Sammlungen
23. November bis 22. Dezember 2007

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