Viennale 2012: Friedkin, Omirbajev und Mendoza

02.11.2012 Walter Gasperi

25.10.2012 bis 07.11.2012  Viennale - Internationales Filmfestival Wien

Sowohl in William Friedkins «Killer Joe» als auch in Darezhan Omirbayevs «Student» steht ein Mörder im Mittelpunkt, doch unterschiedlicher könnten die Filme kaum sein. Der Philippino Brillante Mendoza erzählt dagegen in «Sinapupunan – Thy Womb» bewegend vom Kinderwunsch eines alten Paares.


«French Connection»- und «Exorzist»-Regisseur William Friedkin muss längst niemandem mehr etwas beweisen. Souverän zieht er in seiner Verfilmung von Tracy Letts Theaterstück «Killer Joe» die Fäden. Um an Geld zu kommen beauftragen der hochverschuldete junge Dealer Chris zusammen mit seinem ziemlich dämlichen Vater einen nebenberuflich als Killer arbeitenden Polizisten die Mutter bzw. Ex-Frau zu beseitigen. Sie rechnen mit der hohen Lebensversicherung und sind deshalb auch bereit Joe als Pfand bis zur Auszahlung des Honorars Chris´ zwölfjährige Schwester Dottie zu überlassen. Alles scheint nach Plan zu laufen, doch dann zeigt sich, dass nichts so ist, wie es zunächst zu sein schien und die Ereignisse laufen mächtig aus dem Ruder.

Lustvoll arbeitet Friedkin mit Film noir-Versatzstücken, lässt mehrfach mächtige Gewitter mit gewaltigen Blitzen niedergehen und blickt voll bösem Spott auf die allesamt geldgierigen und schäbigen Figuren. Getragen wird dieser mit viel pechschwarzem Humor versetzte Krimi dabei von einem bestens aufgelegten Ensemble. Ideal besetzt sind alle Rollen von Emile Hirsch als Chris bis Juno Temple als Dottie, für besonderes Vergnügen sorgen aber Matthew McConaughey als stets ganz in schwarz gekleideter, schwarzen Hut und dunkle Sonnenbrille tragender Killer, der allein schon mit seiner Flüsterstimme Angst einflößt und Thomas Haden Church als begriffsstutziger Vater. – Ein kleiner Film, aber ein großes Vergnügen für ein nicht zu zart besaitetes Publikum, denn bei so viel menschlicher Gemeinheit und Gier geht es immer wieder auch mal kräftig zur Sache, sodass Blut spritzt.

Mit solchen Spielereien hat der Kasache Darezhan Omirbayev in «Student» nichts am Hut. Zwar lässt er am Beginn dieser Adaption von Fjodor Dostojewskis «Verbrechen und Strafe» einen von ihm selbst gespielten Regisseur eines Unterhaltungsfilm erklären, dass das Publikum im Kino Ablenkung vom tristen Alltag suche, doch der Film selbst fokussiert gerade auf dieser Tristesse, auf der immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich im postsowjetischen Kasachstan.

Vorbei an glänzenden Glas- und Stahlfassaden moderner Hochhäuser fährt der namenlos bleibende Student zu seiner tristen Kellerwohnung. Als eine Professorin in einer Vorlesung das Survival of the Fittest des Kapitalismus propagiert und die daraus resultierende Frage, ob Mord folglich gerechtfertigt sei, unbeantwortet bleibt, beschließt der Student einen Ladenbesitzer, auf dessen volle Kasse er schon mehrfach geschielt hat, zu ermorden. Die Tat, bei der auch eine Kundin erschossen wird, ist bald vollbracht, doch dann steigen im Täter Gewissensbisse auf. Gesteigert werden diese durch eine weitere Vorlesung, in der vom Menschen als sozialem Wesen und Gemeinsinn geredet und dem Egoismus des Kapitalismus eine Absage erteilt wird…

Nur wenig wird in «Student» geredet, reduziert ist der Musikeinsatz. Omirbajev erzählt in genau kadrierten, vorwiegend statischen, aber sehr präzisen und einprägsamen Bildern. In der ebenso elliptischen wie lakonischen Erzählweise, bei der zentrale Ereignisse wie die Tat ins visuelle Off verbannt und nur über den Ton präsent sind, ist der Einfluss Robert Bressons nicht zu übersehen. Direkt zitiert wird das Vorbild in der Tötung eines Esels, die an «Au hasard Balthazar» erinnert oder in der von «Pickpocket» übernommenen Schlussszene.

Gegenüber Bresson verschärft Omirbajev aber die dezidiert gesellschaftskritische Komponente, wenn er nicht nur auf der Erzählebene mehrfach den Gegensatz zwischen Armen und Neureichen prägnant aufzeigt, sondern auch über Fernsehbilder, in denen Löwen ihre Beute wegschleppen oder eine Giraffe grausam jagen, dem Raubtierkapitalismus eine Absage erteilt und für Menschlichkeit plädiert.

Menschlichkeit in Zeiten unmenschlicher Umstände ist auch ein großes Thema des Philippino Brillante Mendoza. Nachdem seine internationale Produktion «Captive» die Erwartungen nicht erfüllte, zeigt er sich mit «Sinapupunan – Thy Womb» wieder auf der Höhe seiner Kunst und legt in manchem ein Gegenstück zu «Lola» vor. Statt im lärmigen Großstadtgewirr Manilas spielt sein neuer Film in einem malerischen Archipel im Süden der Philippinen an der Grenze zu Malaysia.

Doch so idyllisch Meer und saftig-grüne Wälder im Hintergrund scheinen, so fragil ist diese Welt doch, schwankend wie das Leben, das sich hier vor allem auf Booten und Pfahlbauten abspielt. Mit sich zufrieden ist das alte Paar Bangas-An und Shalela, nur der Kinderwunsch ist ihnen versagt geblieben. Sie arbeitet als Hebamme, gemeinsam verdienen sie mit Fischen und Flechten von Bastmatten zusätzlich Geld. Um dem Mann den Kinderwunsch – in dieser muslimischen Region gibt es hier auch einen gesellschaftlichen Druck - zu erfüllen, macht sich die Frau auf die Suche nach einer Zweitfrau. Doch die Forderungen für die Mitgift sind hoch, sodass das Paar schließlich sogar den Motor seines Bootes verkaufen muss.

Viel Zeit lässt sich Mendoza für die Schilderung des alltäglichen Lebens, des Fischens und Flechtens oder eine Hochzeitsfeier, zeigt dabei aber auch immer die Bedrohung der Idylle. Da wird der Mann beim Fischen von vorbeifahrenden Soldaten angeschossen, ein Boot mit einer Kuh wird durch Soldaten zum Kentern gebracht und während einer Hochzeit knallen plötzlich Schüsse.

Nie weiter ausgeführt werden aber diese gewalttätigen Auseinandersetzungen, sondern bleiben ganz im Hintergrund. Mendoza fokussiert auf dem Paar, auf seiner Sehnsucht und den Opfern, die sie dafür bringen und macht auch den materiellen Druck sichtbar, wenn er dem Mann beim Verkauf des Motors Geldschein um Geldschein in die Hand zählen lässt. Lange haften bleibt dieses Bild ebenso wie eine isoliert für sich dastehende und damit irritierende Unterwasseraufnahme von riesigen Fischen unter dem kleinen Fischerboot.

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  • Killer Joe; William Friedkin (USA 2011). (c) Skip Bolen
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  • Student; Darezhan Omirbayev (Kasachstan 2012). (c) Viennale
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  • Sinapupunan; Brillante Mendoza (Philippinen 2012). (c) Viennale
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