Olympiade ´72 München - Visions of Eight
| 19.07.12 Walter Gasperi | DVD-Tipp | |
![]() Acht Regisseure blicken in jeweils maximal 15 Minuten auf die Olympischen Spiele von München. Der palästinensische Terroranschlag, dem elf israelische Sportler zum Opfer fielen, schimmert zwar teilweise im Hintergrund auf, doch weitgehend steht das Sportliche im Mittelpunkt: Entpersonalisiert und aufs Archetypische reduziert. In der Süddeutsche Zeitung Cinemathek ist dieser facettenreiche Dokumentarfilm in der Reihe «Sport» auf DVD erschienen. Es sind fast durchwegs Regisseure von Weltrang, die der amerikanische Produzent David Wolper für diesen «Olympia-Film» gewinnen konnte. Ursprünglich sollten auch noch Franco Zeffirelli und Ousmane Sembene dazugehören, doch Zeffirelli sagte wegen der Politisierung der Spiele durch den Ausschluss Rhodesiens ab, Sembene drehte zwar während der Spiele, erschien aber anschließend nicht zum Schnitt. Der Bogen spannt sich von der Entzündung des Olympischen Feuers bis zu dessen Erlöschen – dazwischen stehen die acht Miniaturen. Die einen - wie der Russe Yuri Ozerov - blicken dabei auf einen bestimmten Zeitpunkt wie den Moment vor dem Start, die Schwedin Mai Zetterling interessiert sich für die Rituale der Gewichtheber, ihr Training, ihre Konzentrationsübungen und dann den Wettkampf. Der Deutsche Michael Pfleghar wiederum rückt die Frauen in den Mittelpunkt und fokussiert dabei vor allem auf der Weitspringerin Heide Rosendahl und der Hochspringerin Ulrike Meyfahrt. Besonders eindrucksvoll ist Arthur Penns Beitrag, der unterstützt von Kameramann Walter Lassally völlig kommentarlos in Zeitlupe das Stabhochspringen dokumentiert. Nicht die Sieger stehen hier im Mittelpunkt, sondern der Sport, die Bewegung und die Körper an sich. Dennoch wird hier kein faschistischer Körperkult betrieben wie Leni Riefensthal in ihrem Film zu den Olympischen Sommerspielen von 1936 in Berlin. Gebrochen wird beispielsweise der Ernst, wenn Milos Forman seinem Beitrag zum Zehnkampf ironisch Volksmusik und zum Finale – wenn die Athleten nach dem 1500 Meter Lauf zusammenbrechen – Beethovens «An die Freude» unterlegt. Faszinierend ist auch, wie der Japaner Kon Ichikawa in seinem Beitrag «Der Schnellste» mit 34 Kameras auf 6000 Meter Film den 100 m Lauf der Männer einfing, von Komik durchzogen Claude Lelouchs Blick auf «Die Verlierer», sei es im Boxkampf, im Speerwerfen oder im Ringen. Manchmal sieht man da freilich nur den Sturz im Militärischen Fünfkampf oder im Sprungreiten, aber nicht mehr die Reaktion des Sportlers. Nie steht hier das nationale Moment im Mittelpunkt, nie auch der Triumph, immer der Wettkampf und der Mensch an sich. So blickt John Schlesinger anhand des Briten Ron Hill auf den Marathonlauf und lässt dabei wie kein anderer Regisseur den palästinensischen Terroranschlag in seinen Beitrag einfließen. Eine Vorstudie für seinen vier Jahre später entstandenen Thriller «Marathon Man» (1976) kann in dieser Miniatur gesehen werden. Vielfältig ist dieser Film auch durch die unterschiedliche Gestaltung. Mal verwendet ein Regisseur nur Originalton, mal setzt er Off-Kommentar ein, mal wählt er eine musikalische Untermalung. Kaum eine Dokumentation der Olympischen Spiele von 1972 ist so entstanden als vielmehr ein Film über unterschiedlichste Facetten des Sports an sich. Seltsam angeklebt wirken allerdings die letzten zehn Minuten, denn «Olympiade ´72 München» ist schon zuvor mit der Schlussrede des Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Avery Brundage, und dem Erlöschen des Olympischen Feuers zu Ende gegangen. Schade ist allerdings, dass die von der Süddeutschen Cinemathek in der Reihe «Sport» herausgegebene DVD keine Extras bietet, könnte man sich doch gerade bei diesem Thema viel ergänzendes Material vorstellen. Trailer zu «Olympiade ´72 München - Visions of Eight» | |
