Dagmar Fischers "Losgesagt"

02.06.2012

Drauf-los gesagt, ist man versucht, zu denken, so man mit Lyrik etwas Kryptisches, Komplex-Dichtes erwartet hat. Dabei hat schon der blaue Umschlag mit dem Sonne-die-im-Meer-versinkt-Foto völlige Leichtigkeit verkündet. Eine Sonne, die sich im anmutigen Bogen zweier kindhaft gelenkiger Erwachsenenfußsohlen präsentiert. Verspielt nackte Zehen im Gegenlicht bilden ein angedeutetes Rundfenster zum Sonnenuntergang hin. Das Umschlagblau sagt sich mit einer nuancierten Neigung in Richtung Meergrün vom kitschig hellenophilen Bayernblau los.


Am besten schält man das Bändchen mit den Augen. Das editorische Makeup - ein kreatives Zusammenspiel der Gestaltungstalente der Autorin ebenso wie des Verlags - ist der einstimmenden Aufmerksamkeit wert. Die Rückseite des meerfarbenen Umschlags ziert ein Gedicht der «großen See». Und wieder muss man mit den Augen schälen, sich das Fragment «...Meer mit den vielen Inseln, das ich bin… bricht aus der Zeit» aus dem Beiwerk herausschnitzen, jenen, an Auszählreime, an Gymnastikbegleitung erinnernden einfachen An- und Gleichklängen, die nach Musik und lockeren Schritten verlangen.

Da gibt es ein spielerisch gestaltetes Inhaltsverzeichnis, dessen Titel am rechten Rand von oben nach unten verläuft - das ganze Verzeichnis hindurch auf jeder Seite. Da trifft eine(n) irgendwo mitten im Büchlein ein keckes Pendant zur neudeutschen MaskulInnen-Schreibweise, das da lautet «jedeR», mit Gender-R. Da wird auf eine streng anmutende Gliederung in vier Abschnitte, gefolgt von einem peniblen Quellennachweis, geachtet. Der Nachweis ist gleichzeitig einer des Erfolgs der bisherigen Bändchen, die bereits vergriffen sind. Hier klingen sie noch einmal in einer kleinen, dem neu Geschaffenen beigefügten Auswahl nach und markieren gleichzeitig die Entwicklung von Dagmar Fischers Umgang mit poetischer Sprache. Ist die Gliederung ein Zeichen selbst auferlegter Strenge, so entfliehen die Worttänzchen diesem Korsett in einem Gemisch ernst-froher Lockerschritte. Man kann das Büchlein im Verfahren eines Bibelstechens lesen, es irgendwo aufschlagen und wird immer gut beraten sein, sich den Text vorgetragen und zwischen den Zeilen musikuntermalt vorzustellen.

So sind die Gedichte wohl auch gedacht, die schon während man sich von der Gestaltung zum Inhalt schält, ein Porträt der Autorin ergeben. Keine Autobiografie, keine Erzählung eines Lebensabschnitts, sondern eine Erzählung ihres Umgangs mit Situationen, deren Vertrautheit vorausgesetzt werden darf. Umgang mit innigen Begegnungen, mit Trennung, Enttäuschung, Stellungnahme zum unliebsamen Zeitgeschehen, alles in aller erdenklichen Deutlichkeit. Und in einer Wortgymnastik, die sich gelenkig von der ansprechenden Metapher «Zitronenfalter auf Urlaub» ins kleinkindhafte Spiel parallel vokalisierter Einfachstsilben hinunterbeugt, wenn sie Haus auf Maus, raus, aus reimt und mit mausetot schmückt. Eine Turnübung der lustvollen Regression? Immerhin ist die Juristin auch in Leibesübungen geprüft.

Dagmar Fischer alias Lyreley, geb. 1969 in Wien, Studium der Rechtswissenschaft, Lehramt für Leibeserziehung und
Geschichte, lebt und arbeitet in Wien, schreibt Lyrik und Kurzprosa, tanz- und musikverschränkte Performances in Österreich und der Schweiz, Mitglied der GAV und des ÖSV/AWA, bisher 4 Gedichtbände und zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, Literaturzeitschriften und Onlinemagazinen.

Auf meiner Terrasse

ein zusammengefalteter
Sonnenschirm
Zitronenfalter auf Urlaub
dahinter
Felsen
mächtige
die gedrängten Häuser an ihrer Flanke
bunt
und irgendwo zwischen Meer und Felsen
dein Haus
weiß viel zu groß und hässlich
vor ein paar Tagen noch
unser Apartment
könnte dich vielleicht sitzen sehen
auf dem Balkon (wo wir immer gefrühstückt haben)
wenn ich das Haus herzoomte
mit meiner Kamera
der Zitronenfalter bewegt sich nicht
auch ich bin erstarrt
in der Sonne
ein Salamander
ein Salamander
ein Salamander
kann keinen Fotoapparat bedienen

Losgesagt
Edition art science 2012
186 Seiten, ISBN 978-3-902864-01-7

Franz Blaha

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