Otto Dix und die Kunst des Porträts

29.03.2008

01.12.2007 bis 06.04.2008  Kunstmuseum Stuttgart

«Die Neue Sachlichkeit – das habe ich erfunden», erklärt Otto Dix am Ende seines Lebens. Mit Neuer Sachlichkeit meinte er jene von ihm maßgeblich geprägte Kunstform, «die Dinge ganz nackt, klar und fast ohne Kunst» zu sehen. Diese Direktheit prägt auch seine Porträtkunst, die vom 1. Dezember 07 bis 6. April 08 im Zentrum der Stuttgarter Ausstellung «Getroffen. Otto Dix und die Kunst des Porträts» steht.


Auf über tausend Quadratmetern führt die Sonderschau 65 Porträtgemälde von Otto Dix – davon 25 Werke aus der eigenen Sammlung, weitere 40 Leihgaben aus Museen wie dem Metropolitan in New York oder dem Kunstmuseum Basel – mit zahlreichen Werken anderer Künstler von Lucas Cranach bis Andy Warhol zusammen. Das Kunstmuseum Stuttgart mit seiner weltweit bedeutendsten Otto Dix-Sammlung stellt damit erstmals die Porträtkunst dieses Künstlers in den Mittelpunkt einer großen Ausstellung.

Betrachtet werden einzelne Bildnisgattungen wie Selbstbildnis, Künstlerbildnis, Frauen und Männer im Porträt, Sozialporträt und Familienbildnis. Zudem gliedert sich die Ausstellung auf den drei Ebenen des Kubus chronologisch: Die Begegnung mit der Porträtkunst altdeutscher Maler wie Lucas Cranach steht am Beginn. Immer wieder hat Dix selbst die Bedeutung der Alten Meister für seine Kunst betont. Ein direkter Vergleich von Cranachs «Nacktem Knäblein» von 1526 aus der Dresdner Galerie Alte Meister und dem fast 400 Jahre später entstandenen Knabenporträt, das Dix von seinem neugeborenen Sohn Ursus gemalt hat, wird durch die Ausstellung möglich.

Das Verhältnis von Otto Dix zu expressionistischer und neusachlicher Porträtkunst der Weimarer Republik wird auf der zweiten Ebene beleuchtet. Neben Werken herausragender Zeitgenossen wie Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka oder Erich Heckel werden auch seltener gezeigte Arbeiten von Malern wie Kurt Günther, Conrad Felixmüller oder Adalbert Trillhase zu sehen sein, die mit Dix persönlich verbunden waren. Ihren Abschluss findet die Ausstellung auf der dritten Ausstellungsebene im Wechselspiel von Dix'scher Bildwelt und Porträtwerken der Gegenwartskunst von Künstlern wie Andy Warhol, Duane Hanson, Gerhard Richter, Thomas Ruff oder Wolfgang Tillmans.

Zusätzlich stellen zwei Räume im Sammlungsbereich eine Verbindung in die Dauerausstellung her: Im «Otto Dix-Raum der Landesbank Baden-Württemberg» sind weitere Hauptwerke des Künstlers wie das Triptychon «Großstadt» und die «Prager Straße» zu sehen. In einem anschließenden Raum werden Positionen ost- und westdeutscher Malerei nach Dix präsentiert. Ein dichtes historisches Geflecht um das Porträtschaffen Otto Dix' kann so sichtbar werden.

Im ersten Ausstellungsraum begegnet der Besucher zunächst Dix selbst bzw. seinen zahlreichen Selbstbildnissen von ganz frühen Studien, die er als knapp 20-jähriger in Dresden an der Kunstgewerbeschule von sich gemacht hat, bis zum spätesten Selbstporträt als alter Mann mit seiner Enkelin Marcella aus seinem Todesjahr 1969. Dazu werden hier einige Künstlerporträts zu sehen sein, in denen Otto Dix seine Kollegen mit eben jenem scharfen, übergenauen Blick ausstattet, der für seine Auffassung vom Künstler als Zeugen der Welt so bezeichnend ist.

Der nächste Raum ist den «Gezeichneten» gewidmet. Gerade Otto Dix hat als politisch engagierter Maler das Elend der Menschen seiner Zeit sichtbar gemacht: Arbeiterjungen, Mütter ohne Hoffnung, aber auch er selbst als vom Krieg gezeichneter Soldat. Mit bedeutenden Leihgaben, etwa aus Dresden, Minneapolis und Altenburg, werden hier sozial engagierte Bildnisse von Dix präsentiert.

Der zweigeschossige Hauptsaal versammelt Otto Dix' Frauenporträts, darunter jenes weltberühmte Porträt der «Tänzerin Anita Berber» (1925). Hier findet sich auch das älteste Werk der Ausstellung: das Bildnis einer Dame aus Hawara (100-120 n. Chr.) aus dem Simeonstift in Trier veranschaulicht Dix' Überzeugung, dass schon in den ägyptischen Mumienporträts sehr moderne Ausdruckformen verwirklicht worden sind.

Der anschließende Saal ist der Familie gewidmet: Hier ist das erste Bildnis der Eltern aus dem Kunstmuseum Basel von 1921 zu sehen sowie die umfangreiche Sammlung von Porträts der Kinder Otto Dix' aus dem Kunstmuseum Stuttgart und ein Selbstbildnis mit Sohn Jan. Dazu kommen zum Teil höchst skurrile und treffende Porträts anderer Familien wie das der Felixmüllers aus dem Saint Louis Art Museum von 1919, der Trillhaases aus der Nationalgalerie Berlin (1923) oder der Glasers aus der Galerie Neue Meister in Dresden aus dem Jahre 1925.

Die nächste Ebene beginnt mit einen großen Raum zum Männerporträt bei Otto Dix. Bohème und Honoratioren, Maler, Dichter und Senatoren – Dix breitet auch in diesen Bildnissen ein Panorama der Gesellschaft seiner Zeit aus. Hauptwerke der Malerei konnten für diesen Raum gewonnen werden, etwa das Porträt des Juweliers Karl Krall aus dem Wuppertaler Von der Heydt-Museum, der «elende Dichterfürst» Iwar von Lücken aus der Berlinischen Galerie (1926) oder das Bildnis des Kaufmanns Max Roesberg aus dem New Yorker Metropolitan Museum (1922).

Ergänzend werden Dix' künstlerische Zeitgenossen in ihren Porträts vorgestellt. Für Dix war die Auseinandersetzung mit dem Expressionismus immer wieder wichtige Quelle der eigenen Positionsbestimmung. Doch auch die neusachlichen Tendenzen der 1920er Jahre – hier vertreten durch Arbeiten von Karl Hubbuch, Rudolf Schlichter, Alexander Kanoldt, Kurt Günther oder Felix Vallotton – sind für das Verständnis des Werks von Otto Dix bedeutsam. Fotografien von August Sander und zwei Zeichnungen des ehemaligen Kaisers Wilhelm II. von seiner Frau Hermine runden diesen Ausstellungbereich ab.

Die dritte Ebene des Kubus öffnet den Blick für die internationale Gegenwartskunst. Sechs Bildnisse von Andy Warhol thematisieren das Verhältnis von «Image» und Person, wie es auch für das Dix-Porträt von Anita Berber wichtig ist. Welch starken Einfluss die Fotografie auf die Entwicklung der Porträtkunst genommen hat, lässt sich am Vergleich mit Werken eines Gerhard Richter oder Thomas Ruff ablesen: Während Dix die Fotografie als künstlerisches Medium noch radikal ablehnte, ist sie integraler Bestandteil der Malerei Richters. Die überdimensionalen «Passbild-Porträts» Thomas Ruffs, in denen die Neue Sachlichkeit erneut zur Diskussion gestellt wird, stehen dem radikal subjektiven Ansatz eines Wolfgang Tillmans gegenüber, der für die Stuttgarter Ausstellung eine Wand gestalten wird.

Das Porträt, das Otto Dix von dem Schauspieler Heinrich George 1932 gemalt hat, fasst die Zeitebenen der Ausstellung noch einmal zusammen: In diesem Bildnis bezieht sich Dix mit der überaus feinen Maltechnik und der altmeisterlichen Inschrift auf die Alten Meister und macht doch die Gegenwart einer Person geradezu körperlich vor dem Bild spürbar: der eiskalt starrende Blick Heinrich Georges sieht uns jetzt.


Zur Ausstellung «Getroffen. Otto Dix und die Kunst des Porträts» erscheint im DuMont-Verlag ein umfangreicher Katalog mit zahlreichen farbigen Abbildungen.

Getroffen. Otto Dix und die Kunst des Porträts
1. Dezember 2007 bis 6. April 2008

Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schlossplatz 1
D-70173 Stuttgart
T: 0049 (0)711 216-2188
F: 0049 (0)711 216-7820
E: info@kunstmuseum-stuttgart.de
W: http://www.kunstmuseum-stuttgart.de/


Öffnungszeiten

Di/Do/Sa/So 10 - 18 Uhr
Mi und Fr 10 - 21 Uhr
Montag geschlossen

 


Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schlossplatz 1
D-70173 Stuttgart
T: 0049 (0)711 216-2188
F: 0049 (0)711 216-7820
E: info@kunstmuseum-stuttgart.de
W: http://www.kunstmuseum-stuttgart.de/


Öffnungszeiten

Di/Do/Sa/So 10 - 18 Uhr
Mi und Fr 10 - 21 Uhr
Montag geschlossen

 


artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.