Jane Eyre

13.09.2011 Walter Gasperi

Schon über 20 Mal wurde Charlotte Brontés 1847 erschienenes Romandebüt für die Leinwand adaptiert. Neue Wege versucht Cary Fukunaga bei seiner Verfilmung gleich gar nicht zu beschreiten, verzichtet vielmehr auf alle Modernismen und zeigt großen Respekt vor dem Original, das er mit sehr viel Feingefühl und atmosphärisch dicht umsetzt: Eine klassizistische, aber nie verstaubte, sondern in der konzentrierten Inszenierung zeitlose Romanadaption ist Fukunaga hier gelungen.


Verfilmungen von klassischer britischer Literatur sind gegenwärtig in Mode. Andrea Arnold präsentierte beim Filmfestival von Venedig ihre Version von Emily Brontés «Wuthering Heights», Michael Winterbottom verlegt in seinem jüngsten, soeben beim Filmfestival von Toronto vorgestellten Film «Trishna» Thomas Hardys «Tess of the d´Urbervilles» ins Indien der Gegenwart.

Dass der 34-jährige Amerikaner Cary Fukunaga, dessen Mutter aus Schweden und dessen Vater aus Japan stammt, sich für eine Verfilmung von «Jane Eyre» interessieren würde, hat nach seinem Debüt «Sin nombre» wohl niemand erwartet. Nichts hat die auf Realismus setzende aktuelle Geschichte einer Gruppe Latinos, die sich in die USA durchzuschlagen versucht, mit Charlotte Brontés im viktorianischen Zeitalter spielenden Roman gemein und auch stilistisch trennen die Filme Welten. Der rohen und ungeschminkten Beschreibung lateinamerikanischen Alltags und der Gewalttätigkeit mexikanischer Banden in «Sin nombre» stehen eine äußerst beherrschte Erzählweise und erlesene Bilder bei der Klassikeradaption gegenüber.

Nie war für Fukunaga «Jane Eyre» aber eine Auftragsarbeit, sondern er hat um dieses Projekt gekämpft, bis ihm die co-produzierende BBC die Regie übertrug. Was den jungen Regisseur an diesem Stoff wirklich interessierte, ist allerdings auch angesichts des fertigen Films kaum zu beurteilen. Er nimmt sich selbst zurück und öffnet den Raum für den Roman, dessen Handlung er zwar rafft, dessen Dialoge er aber teilweise wörtlich übernimmt. Keine Modernismen erlaubt er sich, verzichtet auf jegliche Aktualisierungen, sondern bemüht sich ähnlich wie Roman Polanski bei seiner «Oliver Twist»-Verfilmung den Zuschauer mit atmosphärischer Dichte und Detailtreue ins 19. Jahrhundert und die Gefühle der Protagonisten eintauchen zu lassen.

Auf das Voice-over der Titelheldin, das beispielsweise in der klassischen Verfilmung des Stoffes durch Robert Stevenson («Jane Eyre – Die Waise von Lowood», 1943) verzichtet Fukunaga und erzählt vielmehr in Bildern, bei denen er dem Zuschauer immer wieder Zeit lässt in den Gesichtern der Protagonisten zu lesen. Nicht chronologisch wird erzählt, sondern die Handlung setzt unvermittelt mit der Flucht von Jane Eyre (Mia Wasikowska) ein. Wovor sie flieht, wird erst spät klar werden und erst gegen Ende wird der Film zu dieser Fluchtszene zurückkehren.

Erschöpft und vom Gewitterregen völlig durchnässt findet die Titelfigur Aufnahme im Haus eines jungen Priesters (Jamie Bell) und seiner Schwestern. In Fieberträumen hört Jane Stimmen und Erinnerungen an die Abschiebung durch die böse Tante ins Waisenhaus von Lowood, an die von brutalen Strafen und Psychoterror geprägte Jugend im Waisenhaus und ihr Leben als Gouvernante in Thornfield Hall steigen in ihr auf.

Durch diesen retrospektiven Blick und die Arbeit mit Erinnerungsfetzen kann Fukunaga Kindheit und Jugend auf wenige prägnante, aber emotional starke Szenen reduzieren, ohne dass der Film kurzatmig wirken würde. Viel Zeit bleibt so für die Ereignisse auf Thornfield Hall, vor allem für Janes erwachende Liebe zu dem scheinbar schroffen Hausherrn Mr. Rochester (Michael Fassbender).

Meisterhaft korrespondiert diese Beherrschung Janes, die ihre Liebe zum Arbeitgeber unterdrückt, mit der beherrscht-zurückhaltenden Inszenierung. Fukunaga pusht Gefühle nicht auf, dramatisiert nicht, sondern lässt sie in der ruhigen Erzählweise vielmehr in den Bildern und den Gesichtern erahnen. Man spürt in Mia Wasikowskas Blicken, wie sehr sie Rochester liebt und welche Kraft es ihr abverlangt, diese Gefühle nach außen hin zu unterdrücken. Nicht weniger eindringlich spielt Michael Fassbender den von einem dunklen Geheimnis umgebenen Mr. Rochester. Sanften Grusel bringt das Geheimnis Rochesters und des Herrenhauses in den Film, doch diese Ebene spielt Fukunaga nicht effektvoll aus, sondern benützt sie fast nur als Hintergrund, der schwer über der tiefen Liebe lastet und sie auch entscheidend beeinflussen wird. – Ihr Glück scheint Jane nicht finden zu können und deutet sich ein Happy End an, kippt die Handlung auch sogleich ins Gegenteil.

Leicht hätte so ein Stoff zur Schnulze werden können, doch Fukunagas Feingefühl, der Ernst, die Zurückhaltung und die Konzentriertheit, mit der er erzählt, verhindern das Abgleiten ins Sentimentale. Da wirken auch original von Bronté übernommene Dialoge nicht verstaubt, sondern bringen sowohl tief empfundene Gefühle als auch in der Steifheit schmerzlich die jeweilige Beherrschung und gespielte Distanz eindringlich zum Ausdruck.

In jedem Detail ist dieser Film bedacht und mit großem Respekt inszeniert. Mit viel Gespür für die jeweiligen Stimmungslagen ist die Musik gewählt, großartig ist die Kameraarbeit von Adriano Goldman. Fast monochrom in Grau getaucht sind manche Außenszenen in der weiten Moorlandschaft von Derbyshire, Nebelschwaden dürfen bei der ersten Begegnung von Jane Eyre und Mr. Rochester nicht fehlen, die Kirschbäume blühen, wenn sich das Liebesglück zu erfüllen scheint, Licht und Farben ändern sich mit dem Wechsel der Jahreszeiten und warme Brauntöne dominieren die vielfach nur von Kerzenlicht erleuchteten Innenszenen. Nie haben diese Landschaftsbilder, die schon mit den Gemälden John Constables verglichen wurden, aber Postkartencharakter, stehen vielmehr immer im Dienst der Handlung und der Beschwörung der Stimmung.

Als klassizistisch kann man diesen auch in den Nebenrollen mit Judi Dench, Sally Hawkins und Jamie Bell exzellent besetzten Film bezeichnen, doch er entwickelt eben gerade aus dieser konsequenten Haltung gegenüber dem Roman seine Wirkung und im Innern brodelnde Kraft. Mit seiner der Gegenwart enthobenen «Jane Eyre» ist Fukunaga so ein zeitloses und universelles Drama über die unergründliche Macht der Liebe und eine wohl schwer zu übertreffende Verfilmung von Charlotte Brontés Roman gelungen.

Wird vom Filmforum Bregenz am Mittwoch, den 30.5. um 20 Uhr und am Freitag, den 1.6. um 22 Uhr im Metrokino Bregenz gezeigt (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Jane Eyre»

Filmforum Bregenz
Strabonstraße 36
A-6900 Bregenz
E: kontakt@filmforum.at
W: http://www.filmforum.at
weiterführende Links:

Jane Eyre

Filmforum Bregenz
Strabonstraße 36
A-6900 Bregenz
E: kontakt@filmforum.at
W: http://www.filmforum.at
weiterführende Links:

Jane Eyre

ähnliche Beiträge
©artCore 2001-2013 Alle Rechte vorbehalten.Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf.Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.