Hokusai – Retrospektive in Berlin

29.10.2011

26.08.2011 bis 31.10.2011  Martin-Gropius-Bau

Zum ersten Mal ist dem weltweit berühmten japanischen Künstler Hokusai (1760–1849) in Deutschland eine große Retrospektive gewidmet. Sein wohl bekanntestes Bild ist der Holzschnitt «Die große Welle bei Kanagawa» aus der Serie: «36 Ansichten vom Berg Fuji» (1823–29). Über 440 Leihgaben, die bis auf wenige Ausnahmen aus Japan kommen, werden in der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen sein.


Mit einer Umfrage erkundete im Jahre 2000 das Magazin «Life», wer die bedeutendsten Künstler der Kunstgeschichte weltweit seien. Hokusai kam auf Platz 17, noch vor Picasso. In der Ausstellung, welche die gesamte, mehr als 70-jährige kreative Zeit Hokusais umfasst, kann man sich von der Genialität dieses großen Künstlers überzeugen. Über 30 Künstlernamen gab er sich im Laufe seines Lebens. Unter einem dieser Namen – Hokusai – ist er heute international bekannt. Sein vollständiger Name ist Katsushika Hokusai.

Im Jahre 1760 wird Hokusai in Honjo, einem Stadtteil von Edo geboren. Honjo ist heute ein Teil des Stadtbezirks Sumida in Tōkyō. Edo wurde nach der Meiji-Restauration 1868 in Tōkyō umbenannt. Die Stadtverwaltung von Sumida plant, dem weltberühmten Künstler, der den größten Teil seines Lebens in ihrem Bezirk verbracht hat, ein neues Museum zu widmen. Teile jener für das Museum vorgesehenen Sammlung sind nun für einige Wochen in Berlin zu sehen. Viele der Werke haben Japan noch nie verlassen.

Hokusais Vater kam aus Uraga in der Nähe von Edo, vor dessen Küste im Juli 1853, vier Jahre nach Hokusais Tod, der amerikanische Commodore Perry mit seinen «Schwarzen Schiffen» auftauchen sollte, um darauf zu dringen, dass die seit 1635 bestehende Abschließungspolitik (sakoku) Japans beendet würde. Zeitweise wird Hokusai von seinem Onkel adoptiert, einem Spiegelmacher, der für den Hof des Shōgun arbeitet. Mit sechs kann er zeichnen. Mit 12 arbeitet er in einer der vielen Leihbüchereien von Edo. Bereits mit 18 ist er ein Meister im Holzschnitt. Der vielfarbige Farbholzschnitt wird in Japan seit den 1740er Jahren angewandt und erreicht in den 1790er Jahren einen ersten Höhepunkt. Hokusai hat großen Anteil daran. Mit bis zu 70 Farbplatten für einen einzigen Holzschnittdruck arbeiteten damals mehrere Künstler zusammen. Doch mit 22 Jahren will Hokusai eher Zeichner als Holzschneider sein.

Damals hatten sich die japanischen Papierhersteller und Verleger klugerweise auf die Herstellung von nur zwei Papierformaten (ōban und chūban) geeinigt, eine Rationalisierungsmaßnahme, die hohe Druckauflagen bei sinkenden Preisen ermöglicht. Bilder von schönen Frauen (bijin-ga), von Sumo-Ringern (sumo-e), deren Arenen in Honjo-Sumida errichtet waren, von Kabuki-Schauspielern, deren Theater sich in Honjo-Sumida befanden – es sind Ukiyo-e, Bilder der fließend-vergänglichen (Unterhaltungs-)Welt, welche die Holzschneider in großer Zahl fertigen – lag doch auch das berühmte Vergnügungsviertel Yoshiwara in der Nähe von Honjo-Sumida.

Fliegende Händler verkaufen die Bilder in ganz Japan. Das bürgerliche Publikum zählt zu den Hauptabnehmern. Der Begriff ukiyo meint auch eine unbeständige Welt in buddhistischem Sinne, lehrte Buddha doch auch die Vergänglichkeit aller Dinge. Doch auch Darstellungen von Blumen und Pflanzen, mit naturwissenschaftlicher Präzision gezeichnet, Illustrationen zu Romanen – schon um 1780 wurden 650 Romane gedruckt – oder klassischen Schriften wie Szenen aus dem Leben des Prinzen Genji, gehören in jener Zeit zum Repertoire eines Zeichners und Holzschnittkünstlers. Allein über 1000 Romanillustrationen entstehen damals aus Hokusais Hand.

Ein, wenn auch geringer, europäischer Einfluss auf die Kunst entwickelt sich, seit um 1770 Zograskopen und Guckkästen in Japan auf den Markt kommen, die das europäische Publikum schon seit einiger Zeit begeisterten. Holländer führen die Geräte über Nagasaki ein. Japanische Künstler lernen, in Zentralperspektive zu zeichnen. Es sind meist Szenen des für Japan Fremden, Ansichten von Holland zumBeispiel, welche die Künstler als Sujets für eine Verwendung der Zentralperspektive wählen. Die japanische Tradition der Darstellung von Perspektive war eine andere und geht auf sehr viel ältere Maltraditionen zurück. Die Guckkastenbilder mit ihren Szenen aus allen Bereichen der damals bekannten Welt geben dem Betrachter das Gefühl, sich mitten im Geschehen zu befinden. Es ist eine Art globales Fernsehen des 18. Jahrhunderts. Auch Hokusai entwirft Guckkastenbilder und befasst sich intensiv mit der Zentralperspektive.

Bereits um 1700 hat Edo 1,2 Millionen Einwohner. Es ist ein reiches und spendierfreudiges Publikum, in dessen Umgebung Hokusai aufwächst: Kaufleute und Samurai (Schwertadel), Daimyō (Fürsten) und Hofleute. Bücher erreichen schon damals leicht 13.000 Exemplare Auflage. Von einer Holzplatte konnte man viele hundert Abzüge herstellen. Millionenfach werden die farbigen Drucke verkauft. Hokusai wird für die Wandlungsfähigkeit seines Stils weithin gerühmt. Wiewohl er «Manga» nicht erfunden hat, so ist sein Skizzenbuch «Hokusai-Manga» noch heute weltweit bekannt und als Nachdruck auf dem Markt. Dabei ist es «nur» ein Malhandbuch, entstanden als Holzschnittdruck in mehreren Bänden seit 1814, auf der Basis von etwa 4000 Zeichnungen aus Hokusais Hand. Betrachtet man sie heute, so wirken sie wie eine Schilderung des Lebens in Japan, reich an Informationen aber auch an stupender gestalterischer Finesse. Man sagt, Hokusai habe auch an die 150 Bilder gemalt, doch nicht alle sind heute erhalten. Einige werden in Berlin zu sehen sein, darunter ein Selbstporträt.

Fast 90 Jahre wird Hokusai alt, weit über 70 Jahre dauert seine Schaffensperiode. Noch bis ins hohe Alter ist er aktiv. In seinem Nachwort zu einer 1834 gedruckten Ausgabe des Werkes «100 Ansichten des Berges Fuji» schreibt er, der zuletzt eher als Maler denn als Holzschneider und Zeichner gesehen werden wollte: «Seit meinem sechsten Lebensjahr habe ich Dinge meiner Umgebung abgezeichnet. Seit ich 50 Jahre alt wurde, veröffentliche ich fortlaufend viele Werke. Doch waren meine Arbeiten vor dem 70. Lebensjahr unbedeutend. Erst mit 73 Jahren habe ich ein wenig von der Anatomie der Tiere und vom Leben der Pflanzen begriffen. Wenn ich mich darum bemühe, werde ich mit 80 weitere Fortschritte machen und mit 90 hinter die letzten Geheimnisse kommen können. Und wenn ich dann 100 Jahre alt bin, werden sich die einzelnen Striche und Punkte ganz von allein mit Leben füllen. Möge der Gott des langen Lebens dafür sorgen, dass diese meine Überzeugung kein leeres Wort bleibt.»


Hokusai – Retrospektive
26. August bis 31. Oktober 2011

Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
D-10963 Berlin
T: 0049 (0)30 25486-0
F: 0049 (0)30 25486-107
E: post@gropiusbau.de
W: http://www.gropiusbau.de


Öffnungszeiten

Mi bis Mo 10 - 19 Uhr
Dienstag geschlossen

 


  • Kajikazawa in der Provinz Kai. Aus der Serie 36 Ansichten des Berges Fuji (Detail). Datierung: um 1831, Malperiode: Iitsu, Maße: 24,7 x 36,7 cm, Technik: Mehrfarbendruck; © Sumida City
  • Die Insel Tsukudajima in der Provinz Musashi. Aus der Serie 36 Ansichten des Berges Fuji. Datierung: um 1831, Malperiode: Iitsu, Maße: 24,8 x 37,9 cm, Technik: Mehrfarbendruck; © Sumida City
  • Der Suwa-See in der Provinz Shinano. Aus der Serie 36 Ansichten des Berges Fuji. Datierung: um 1831, Malperiode: Iitsu, Maße: 25,3 x 37,3 cm, Technik: Mehrfarbendruck; © Sumida City
  • Die große Welle vor der Küste bei Kanagawa. Aus der Serie 36 Ansichten des Berges Fuji. Datierung: um 1831, Malperiode: Iitsu, Maße: 25,2 x 37,6 cm, Technik: Mehrfarbendruck; © Sumida City
  • Kusunoki Tamonmaru Masashige und Yao no Bettô Tsunehisa. Datierung: um 1830-34, Malperiode: Iitsu, Maße: 37,3 x 25,3 cm, Technik: Mehrfarbendruck; © Katsushika Hokusai Museum of Art
  • Onikojima Yatarô und Saihôin Akabôzu. Datierung: um 1830-34, Malperiode: Iitsu, Maße: 37,2 x 25,4 cm, Technik: Mehrfarbendruck; © Katsushika Hokusai Museum of Art

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