The Tree of Life

31.05.2011 Walter Gasperi

In seinem fünften Film schließt Terrence Malick eine texanische Familiengeschichte aus den 1950er Jahren mit der Evolution der Welt kurz. Wie in Stanley Kubricks legendärem «2001 - A Space Odyssey» geht es um nichts weniger als um alles: Um das Individuum und den Kosmos, um Natur und Zivilisation, Geburt und Tod, Gewalt und Gnade - im wahrsten Sinne des Wortes um Gott und die Welt. Entstanden ist keine dramatische Erzählung, sondern ein impressionistischer Bilderfluss – und ein kühner, immer wieder überwältigender Film, der wie ein Monolith aus der Filmlandschaft der Gegenwart herausragt.


Fünf Filme in vier Jahrzehnten – Das Werk keines anderen Filmregisseurs seiner Größenordnung ist so schmal wie das von Terrence Malick. Den Mythos um seine Person schürt der 1943 geborene Texaner noch, indem er die Öffentlichkeit konsequent scheut, keine Pressekonferenzen und Interviews gibt. Lange hat man auf »The Tree of Life« gewartet, schon 2008 wurde er abgedreht, doch drei Jahre lang zog sich die Postproduktion hin. Nun offenbart der fertige Film, wieso man so lange warten musste.

»Wo warst du, als ich die Erde gründete«? hebt Terrence Malicks neues Epos ohne Vorspanntitel mit einem Zitat aus der biblischen Geschichte von Hiob an. Ein mit Gott und den Menschen hadernder moderner Hiob ist der Mittfünfziger Jack O´Brien (Sean Penn) und der ganze 138-minütige Film ein Strom seiner Gedanken und Erinnerungen. Handlung gibt es auf der Gegenwartsebene so wenig wie Dialog. Verloren pendelt der Architekt real oder in Träumen zwischen dem von Stahl, Beton und Glas bestimmten, in kaltes Blaugrau getauchten Wolkenkratzerviertel einer amerikanischen Großstadt und den menschenleeren braunen Wüstengegenden des Death Valley und Canyons, an deren Grund kaum ein Licht dringt.

Wie immer wieder in den Filmen von Malick treffen so Zivilisation und Natur aufeinander, aber in diesem Aufeinanderprall manifestiert sich auch die Zerrissenheit Jacks, denn hier treffen auch ein väterliches und ein mütterliches Prinzip aufeinander. Während der Vater (Brad Pitt), den Jack als Kind mit »Sir« anreden musste, ihm Gewalt und Härte predigte, weil man es nur so zu etwas bringen könne, stand auf der anderen Seite die duldende Mutter (Jessica Chastains), die alles schweigend hinnahm und den drei Söhnen einen liebenden Blick auf die Welt und die Menschen vermitteln wollte.

In diesem Spannungsfeld wuchs Jack auf und die Erinnerung an die Nachricht vom Tod seines 19-jährigen Bruders löst wieder Erinnerungen an die ganze Familiengeschichte im Texas der 50er Jahre, aber auch Gedanken über die Stellung des Individuums im Kosmos aus. Keine chronologische Erzählung gibt es hier, sondern vielmehr Erinnerungs- und Gedankenfetzen, die zunächst immer wieder durch Schwarzblenden getrennt sind.

»Wo warst du, Gott, und warum lässt Gott Unglück zu«?, sind Fragen die Jack quälen und seine Gedanken bis zur Entstehung der Welt zurückführen. Aus einem Lichtfleck im Zentrum der schwarzen Leinwand heraus entwickelt sich so in grandiosen Bildern die Welt. Auf Lichtblitze folgen Vulkanausbrüche, dann blubbert Magma, bis sich eine Ursuppe, bald Einzeller und Würmer, schließlich Dinosaurier bilden.

Unübersehbar an Kubricks »2001« knüpft Malick mit dieser rund 30-minütigen dialoglosen Sequenz an und auch der Einsatz klassischer Musik erinnert an den Science-Fiction-Meilenstein von 1968. Nicht sachlich bleibt Malick, sondern er will emotionalisieren. Angst vor Pathos kennt der Texaner nicht, inszeniert aber mit einer Inbrunst und einem Mut zum Risiko, die mitreißen, sofern man sich auf diesen Bilderstrom einlässt.

Im Gegensatz zu Darren Aronofskys thematisch verwandtem «The Fountain» wird daraus aber kaum – wie vielfach behauptet - esoterischer Quargel, denn im Zentrum steht die bohrende Suche des zerrissenen Protagonisten, nicht aber die Indoktrination des Zuschauers. Predigend kann man natürlich die zahlreichen Imperative nennen, die die inneren Monologe einerseits des Protagonisten, andererseits der Mutter bringen. Doch übersieht man dann, dass dabei gegensätzliche Konzepte aufeinander treffen, dass die verzweifelte, vom Vater geprägte Gottessuche Jacks mit den Bitten »Führe uns!, Schütze uns!« kontrastiert wird vom mütterlichen, an die Menschlichkeit glaubenden »Hoffe!, Liebe!«.

Problematisch wird es nur im Finale, wenn Malick doch noch Bewegung in die Gegenwartsebene bringt und Jack durch eine surreale Tür – vielleicht eine Bezugnahme auf den Eintritt des Astronauten Bowman in das Louis XVI.-Zimmer in «2001» - in eine harmonische Welt eintreten lässt. Bis zu dieser kitschigen, alle Ambivalenzen aufhebenden Erlösungsszene, auf die nochmals ein Sprung ins Weltall und ans Ende aller Zeiten folgt, muss sich der Zuschauer aber immer selbst zwischen den beiden Prinzipien ein Bild machen, wird nie vereinnahmt, aber immer mitgerissen von diesem in jeder Hinsicht maßlosen Film. Denn kühn verschränkt Malick die Evolutionsgeschichte mit der Familiengeschichte, das Kosmische mit dem Individuellen.

Von der Entstehung des ersten Säugetiers wagt der Film – oder der sich erinnernde und sinnierende Jack - nämlich in einem kühnen Schnitt - auch das freilich eine Reminiszenz an Kubricks Match Cut, mit dem er in «2001» von der Steinzeit ins Zeitalter der Raumfahrt sprang - den Sprung zur Geburt Jacks und der Familiengeschichte. Doch auch nun verweigert sich »The Tree of Life« konsequent der Entwicklung einer dramatischen Erzählung, arbeitet vielmehr mit einer impressionistischen Aneinanderreihung von Szenen: erste Erfahrungen als Kleinkind, sorgenfreies Herumtollen im Garten, Eifersucht auf den jüngeren Bruder, harte Erziehung durch den Vater und die Liebe der Mutter, Jugendstreiche und Konfrontation mit Krankheit und Tod.

Wie hingetupft wirken diese Szenen, die mal von Musik untermalt und dann wieder ganz still sind. Isoliert bleiben sie als Momentaufnahmen stehen, werden nicht weiter ausgeführt. Im Zentrum steht immer wieder die väterliche Strenge, die vor allem beim gemeinsamen Abendessen zu Tage tritt. Spärlich bleiben auch hier die Dialoge, fast nur der Vater darf sprechen. Wie kein zweiter arbeitet Malick – und in »The Tree of Life« noch mehr als in seinen bisherigen Filmen – dafür mit Voice-over-Kommentar, der aber nicht an eine Person gebunden ist, sondern zwischen dem sich erinnernden Jack und seiner Mutter wechselt.

Blicke und Gesten, aber auch Frisuren sagen hier mehr als Worte. Großartig ist Hunter McCracken, dem man im Blick immer wieder den Hass auf den autoritären Vater ansieht. Bei Brad Pitt wiederum spricht allein schon der Kurzhaarschnitt Bände, während Jessica Chastains Mutter stets ein Fluidum der Wärme und Liebe umgibt.

Erfahrbar wird hier die Befreiung, die sich im Haus breit macht, als der Vater auf Reisen geht. Da steigert die sich auch sonst stets in Bewegung befindliche Kamera von Emmanuel Lubezki noch einmal ihre Agilität und es gibt kein Halten mehr. Diese nie zur Ruhe kommende, stets fließende, aber nie hektische Kamera trägt aber auch wesentlich dazu bei, dass dieser Bilderstrom den Zuschauer nie erschlägt, sondern ein Gefühl der Leichtigkeit aufkommen lässt. Noch mehr gilt das aber für den Schnitt, für den fünf Cutter verantwortlich zeichnen (Hank Corwin, Jay Rabinowitz, Daniel Rezende, Billy Weber, Mark Yoshikawa). Wie durch die Montage die inkohärenten Teile und Einzelszenen zu einer bruchlosen, stets fließenden Einheit verschmolzen werden, ist zweifellos eine Meisterleistung, der man gerne glaubt, dass sie mehrjährige Arbeit in Anspruch nahm.

Dieser Erzählfluss vermittelt aber auch Malicks Verständnis vom Leben als etwas Fließendem oder eben sich Verästelnden wie der Baum, den der Vater mit Jack im Garten setzte. Ganz einfach und naiv ist im Grunde das, was hier erzählt wird, rührt aber gleichzeitig an grundsätzliche menschliche Fragen und entwickelt sich durch die visuelle und akustische Gestaltung zur großen Feier des Lebens und der Schöpfung, die den Zuschauer mit einer solchen Überfülle an überwältigenden Eindrücken, dass man «The Tree of Life» auch beim wiederholten Sehen immer wieder neu sehen kann und wird. – Allein dies bestätigt schon den herausragenden Status von Malicks fünftem Opus, lässt sich das doch über kaum einen anderen Film unserer Zeit sagen.

Wird vom TaSKino Feldkirch vom 23.9 bis 29.9. 2011 im Feldkircher Kino Namenlos gezeigt (engl. O.m.U.)

Trailer zu «The Tree of Life»

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