Hoffmanns Welt - Oper von Roland Baumgartner & Rainer Lewandowski

12.05.2011

14.05.2011 bis 22.05.2011  

Nach einem kurzen Vorspiel, dessen von den Streichern getragenes Leitmotiv eine Assoziation mit dem Höhenflug und stillen Abgang des Titelhelden Ernst Theodor Amadeus Hoffmann suggeriert, öffnet sich der Blick auf die Bühne: ein aufgeklappter schwarzer Flügel und ein Schreibpult in einem von einer weißen Stellwand umgrenzten, kahlen Zimmer. Eine im Hintergrund projizierte historische Aufnahme von Berlin versetzt den Zuschauer an Hoffmanns letzte Lebensstation.


Das Multitalent der deutschen Romantik, mit hohem spielerischem Einsatz passabel dargestellt von dem jungen Kölner Heldentenor Marc Horus, diktiert vom Krankenlager aus fiebernd und unter Krämpfen einem Gehilfen am Pult letzte Texte. Seine polnische Frau Michalina, gesungen von der stimmsicheren Ingrid Katzengruber, und ein Arzt pflegen ihn. Sein Lager hat der kranke Hoffmann im Korpus des mit rotem Samt ausgekleideten Flügels aufgeschlagen - Symbol der Welt der Kunst, in die er sich immer wieder einschließt, um die beengende Realität auszublenden und ganz im Reich der Imagination aufzugehen.

Der Zwiespalt zwischen Kunst und Wirklichkeit, dieses Urthema der Romantik, wird in der Hofer Inszenierung von «Hoffmanns Welt» in aktueller Ausdeutung zur Fragmentierung des Ichs in der komplexen Welt von heute. Die Brille an der Seitenwand des Flügels, Symbol der zersplitterten Identität des zeitgenössischen Menschen, steht dafür ebenso wie das ins Libretto eingearbeitete Zitat von E. T. A. Hoffmann: «Ich denke mir mein Ich durch ein Vervielfältigungsglas. Alle Gestalten, die sich um mich herum bewegen, sind Ichs.»

Die Oper «Hoffmanns Welt» ist eine Gemeinschaftsproduktion des Theaters Hof an der Saale mit dem E. T. A.-Hoffmann-Theater Bamberg. Sie entstand als Auftragswerk zur Erinnerung an E. T. A.-Hoffmanns mehrjährigem Aufenthalt in Bamberg. Der gebürtige Königsberger kam 1808 aus Preußen in die alte fränkische Kaiser- und Bischofsresidenz, wo er bis 1813 blieb. Nach einer kurzen, erfolglosen Periode als Musikdirektor des Theaters verdiente sich Hoffmann sein Brot als Musiklehrer und wendete sich neben der Musik und Malerei auch der Literatur zu. Das Libretto zur Oper «Hoffmanns Welt» hat der Intendant des Bamberger E. T. A.-Hoffmann-Theaters, Rainer Lewandowski, verfasst, der bereits mehrere Bücher über E. T. A. Hoffmann veröffentlicht hat. Mit der Vertonung wurde der niederösterreichische Komponist Roland Baumgartner beauftragt. Baumgartner studierte nach dem Wiener Konservatorium Prayner Komposition bei Leonard Bernstein. Er hat die Musik zu zahlreichen Kinofilmen und TV-Serien geschrieben und mehrere Musicals, Werke für symphonische Orchester sowie eine Weltfriedensmesse zur 200-Jahr-Feier der US-Verfassung komponiert. Seine erste Oper «Luther» wurde vor zwei Jahren ebenfalls am Theater Hof an der Saale uraufgeführt.

E. T. A. Hoffmans Leben wird in den aus Bildern und phantastischen Szenen aufgebauten zwei Akten der Oper retrospektiv entrollt. Die unkonventionelle Dramaturgie ist unverkennbar vom Film inspiriert. In einem Band aus zumeist sehr kurzen Bildern ziehen Situationen aus E. T. A. Hoffmanns Lebenstationen in Posen, Plock, Warschau, Bamberg und Berlin am Zuschauer vorüber. In die biographischen Episoden eingefügt sind gleich Intermezzi phantastische Szenen, in denen aus den drehbaren Panelen der Kulisse Gestalten aus Hoffmanns Erzählungen hervortreten. Darunter der Ritter Gluck (Thomas Rettensteiner), das Unheil verkündende Apfelweib (Marianne Lang), die Holzpuppe Olimpia (Aki Yamamura), der spießbürgerliche Kater Murr (charmant und mit weichem Mezzosopran Stefanie Rhaue) und Hoffmanns ausgeglicheneres Alter Ego, der Kapellmeister Kreisler (Thilo Andersson).

Manche Episoden, wie der Tod des kleinen Töchterchen Cäcilie oder die Machtübernahme Napoleons, erscheinen ikonenhaft verkürzt. Andere Szenen greifen wiederum auf bewährte Opernstandards zurück und werden und mit sangbaren Solopartien, die Glanzpunkte allerdings vermissen lassen, langatmig ausgewalzt. So etwa Hoffmanns Romanze mit der Gesangschülerin Julia (mit zartem lyrischem Sopran und bezaubernder Naivität Inge Lisa Lehr) - der Inkarnation von des Dichters Hoffnung auf Erlösung durch das Weibliche, die nicht nur eine Ehekrise auslöst, sondern den vernarrten Hoffmann auch zu einem Affront gegen den Bräutigam des jungen Mädchens hinreißt, der ihn nach all den vorangegangenen Exzentrizitäten gesellschaftlich noch mehr ins Abseits drängt. Die unausgewogene Länge der Szenen offenbart ein unentschlossenes Lavieren zwischen Tradition und Innovation, das dem Werk zum Nachteil gereicht. Es zeigt sich auch bei der im Übrigen ausdrucksstarken Bühne von Rudolf Rischer, die zwischen zeichenhaft abstrakten und dinglich konkreten Gestaltungsmitteln schwankt. Angenehm ungekünstelt und geschmackvoll die Kostüme von Barbara Schwarzenberger, die zur Abwechslung einmal auf leidige Pseudomodernität verzichten. Die Farbgebung ist ebenso nachvollziehbar wie konsequent umgesetzt: Die in der Wirklichkeit spielenden Szenen sind in würdigem Schwarz-Weiß gehalten, während bei den Auftritten der fiktiven Gestalten aus Hoffmanns Erzählungen grellfarbene, phantasievolle Kostüme die bunte Bilderwelt der künstlerischen Imagination heraufbeschwören.

Die meisten Rollen der Inszenierung wurden mit Künstlern der hauseigenen Ensembles besetzt. Die kooperierenden Bühnen Hof und Bamberg führen damit zusammen mit dem Chor unter Michel Roberge und den Hofer Symphonikern unter der Leitung des Salzburger Dirigenten Lorenz C. Aichner eindrucksvoll vor, dass auch kleine Theater mit vereinten Kräften solch große Projekte umsetzen können.

Regisseur Uwe Drechsel hat einige Szenen des überladenen Librettos gestrichen, damit die hohe Handlungsdynamik den Zuschauer nicht überfordert. In Roland Baumgartners von der Kritik verhalten aufgenommener musikalischen Handschrift, bei der Stilelemente der Filmmusik, des Musicals und der Oper nach der Manier des Cross over kombiniert werden, erblickt der Regisseur und Intendant des Theaters Hof, der am Ende dieser Spielzeit in den Ruhestand tritt, einen möglichen Weg des Musiktheaters der Zukunft. Die Schwierigkeiten der Oper, einen zeitgemäßen Stil zu entwickeln, der ein breiteres Publikum anspricht, spiegeln sich dabei unwillkürlich auch die Schlussszene wider. Diese kehrt zum Ausgangspunkt der Handlung und zum Thema des Widerspruchs zwischen Kunst und Leben zurück. Der sterbende E. T. A. Hoffmann windet sich unter spastischen Krämpfen, die rudernden Arm- und Beinbewegungen verwandeln sich dabei aber sinnfällig immer wieder in Flügelschläge eines sich in geistige Sphären aufschwingenden Künstlergenius.

Ein anthrazitfarbenes Seidentuch verhüllt am Schluss die ganze Bühne, die Konturen des Flügels mit den geknickten Beinen und des Pults zeichnen sich darunter wie die Wölbung eines frisch aufgeschütteten Grabhügels ab, und die Gestalten aus Hoffmanns phantastischen Erzählungen schließen leise den Kreis um ihren Schöpfer. Maria Hammerich-Maier

Gemeinschaftsproduktion des Theaters Hof an der Saale mit dem E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg
Musikalische Leitung: Lorenz C. Aichner
Inszenierung: Uwe Drechsel
Bühne: Rudolf Rischer
Kostüme: Barbara Schwarzenberger
Chor: Michel Roberge
Opernchor Theater Hof
Hofer Symphoniker

Die Uraufführung erfolgte am 4. März 2011
Weitere Vorstellungen:
14. und 15. Mai 2011
um 19 Uhr - Stadthalle Bayreuth

18., 20. bis 22. Mai 2011
um 20.00 Uhr - E.T.A. Hoffmann-Theater Bamberg


-
  • Hoffmanns Welt - Foto SFF-Fotodesign, Hof
  • Hoffmanns Welt - Foto SFF-Fotodesign, Hof
  • Hoffmanns Welt - Foto SFF-Fotodesign, Hof
  • Hoffmanns Welt - Foto SFF-Fotodesign, Hof

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.