Der Adler der Neunten Legion

08.03.2011 Walter Gasperi

Britannien, 140 n. Chr.: Ein römischer Offizier und ein einheimischer Sklave begeben sich in die von feindlichen Stämmen bewohnte Region nördlich des Hadrianswalls um die vor 20 Jahren verlorene Standarte der Neunten Legion zurückzuholen. – Kevin MacDonald macht aus Rosemary Sutcliffs Jugendbuch einen klassisch erzählten Abenteuerfilm über Ehre und Loyalität und den Aufeinanderprall zweier Welten, bleibt aber recht zahm in der Auseinandersetzung mit römischem Imperialismus und eindimensional in der Zeichnung der «Barbaren».


Die Spannung ist vom ersten Moment an da, wenn ein Boot auf einem schmalen Fluss durch einen Wald gleitet. Jederzeit kann hier ein Angriff auf die Truppe erfolgen und man sieht dem jungen Centurio Marcus Aquila (Channing Tatum) die Anspannung an. Wie er und seine Leute gewinnt auch der Zuschauer keinen Überblick, denn hautnah ist die Kamera von Anthony Dod Mantle an den römischen Soldaten und sieht nicht mehr als diese.

Im besetzen Südengland soll Marcus Aquila als Kommandant ein römisches Lager übernehmen und muss schon bald einen Angriff der unterworfenen Eingeborenen abwehren. Wieder ist die Kamera mitten im Geschehen, wenn die Römer eine «testudo» («Schildkröte») bilden, die Pfeile auf sie niederprasseln, die Feinde auf die Schilde springen und die Legionäre schließlich einen Ring bilden um die gefangenen Gefährten zu befreien. Als verwirrend kann man diese Kameraarbeit empfinden, doch verschafft sie mit ihrer Nähe einen Eindruck von der Unübersichtlichkeit der Lage und der Ausgesetztheit im Nahkampf. Da versteht man, wieso sich ein römischer Soldat unmittelbar vor der Schlacht übergibt.

Aquila wird bei diesem Kampf aber schwer verletzt, kommt zur Genesung auf das Landgut seines Onkels (Donald Sutherland), wo er bei einem Gladiatorenkampf dem jungen britischen Sklaven Esca (Jamie Bell), dessen Mut ihn schwer beeindruckt, das Leben rettet und ihn zu seinem Sklaven macht.

Körperlich erholt sich Aquila zwar rasch, doch seit 20 Jahren verfolgt ihn ein Trauma. Denn damals ist die Neunte Legion, die sein Vater kommandierte spurlos in Nordbritannien verschwunden. Der Hadrianswall wurde als Schutz gegen die unzivilisierten Stämme gebildet, die Schmach des Verlusts des Legionsadlers lastet aber auf der Familie. Als Aquila wieder von diesem Adler hört, beschließt er die Nordgrenze mit Esca zu überschreiten und das Ehrenzeichen zurückzuholen.

Historisch unbestritten ist das Verschwinden der Neunte Legion, die Legio VIIII Hispana, dürfte aber mit der Verlegung der Truppe spätestens 130 n. Chr zu tun haben. Unklar ist ihr weiteres Schicksal: Womöglich wurde sie während des Bar Kochba-Aufstands in Palästina (132 – 135 n. Chr.) zerschlagen, möglich aber auch, dass sie bis 161 n. Chr. fortbestand und dann im Krieg gegen die Parther in der Schlacht bei Elegeia völlig aufgerieben wurde.

Auf den Pomp, mit dem Antik-Filme oft prahlen, verzichtet Kevin MacDonald bei seiner Verfilmung von Rosemary Sutcliffes Jugendbuch ganz. Keine großen Aufmärsche gibt es hier, keine Massenszenen und keine großen Bauten. Nur am Ende gibt es eine Szene in Rom, der Rest der Handlung spielt in Britannien, gedreht wurde aber zu großen Teilen in Ungarn.

Sorgfältig recherchiert und weitgehend historisch stimmig in den Details ist dafür «Der Adler der Neunten Legion». Hier spürt man auch MacDonalds Herkunft vom Dokumentarfilm («Sturz ins Leere»). In den Kämpfen schreckt er dabei auch vor drastischen Szenen wie dem Abschlagen von Köpfen und Gliedmaßen zurück, die eine Altersfreigabe ab 12 Jahren doch sehr fragwürdig erscheinen lassen.

Auf wenige Protagonisten ist die Handlung beschränkt. Ganz klar im Zentrum stehen Aquila und Esca, geradlinig erzählt MacDonald von ihrer Reise in den Norden. In bester Tradition von Abenteuerfilmen und Western lässt er hier von Beginn an zwei Welten aufeinander prallen, stellt der hoch entwickelten römischen Militärmaschinerie die wilden Horden gegenüber. Nüchtern ist das zwar über weite Strecken inszeniert, verzichtet abgesehen vom Ende auf Pathos und Glorifizierung der Römer, bleibt aber doch zu zaghaft in der Kritik am römischen Imperialismus. Wenig Gewicht erhält auch gegen Ende des Films die Aussage des Häuptlings der Eingeborenen: «Die Römer sind Barbaren». Ambivalenzen, die hier möglich und nötig gewesen wären, arbeitet MacDonald zu wenig heraus, arbeitet zu wenig mit einem Perspektivenwechsel und zeichnet die indigenen Völker zu eindimensional negativ.

Natürlich kann man das römische Weltmachtstreben und den Zusammenprall der Kulturen auch aktuell auf die amerikanische Politik umlegen, kann den Adler durch das Star-Spangled Banner ersetzen, doch solche Bezüge forciert MacDonald nicht. Viel näher ist hier der klassische Western, wenn wie dort Trapper und indianischer Spurenleser hier römischer Offizier und Sklave in das unbekannte Gebiet aufbrechen. Manches erinnert da an Arthur Penns «Little Big Man» (1970) oder auch an Kevin Costners «Dance With the Wolves» (1990) und MacDonald selbst nennt Bruce Beresfords «Black Robe – Am Fluss der Irokesen» (1991) als eines seiner Vorbilder.

Großartig sind Anthony Dod Mantles Landschaftsaufnahmen bei der Reise durch das zunehmend unwirtlicher werdende unbekannte Land. Schön ist der Film auch im Verzicht auf Computereffekte, selbstzweckhaftes Spektakel und der Beschränkung auf klassisches schnörkelloses Erzählen. Allerdings zieht sich die Handlung gegen Ende hin doch. Das mag freilich auch an Channing Tatum und Jamie Bell liegen, die es in den Hauptrollen an Ausstrahlung missen lassen und nicht in der Lage sind den Film zu tragen. Nicht einsichtig bleibt auch, wieso Esca trotz allem, was die Römer seiner Familie angetan haben, die Seite wechselt, sodass die hier geschilderte Entwicklung einer Freundschaft nicht nachvollziehbar ist.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems


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