Literaturrelevanz

12.09.2010 Haimo L. Handl

Ende Juli 2010 fragte der New Yorker Kritiker Lee Siegel im New York Observer «Where Have All the Mailers Gone?» und stellte ernüchternd fest, «Fiction has become culturally irrelevant.» Er argumentierte: Die Praxis ist nicht mehr Berufung, sondern wurde eine Profession, und Professionen sind nicht charakterisiert durch kreative Gefahr."


Seiner Meinung nach verhindere gerade die professionelle Ausrichtung literarische Bedeutsamkeit. Früher habe es neben der sogenannt kommerziellen Literatur eine sogenannt ernsthafte Literatur gegeben. Heute sei das gesamte Literarische auch verstohlen kommerziell, allerdings nicht populär, außer dem rein Kommerziellen, das das Gros der Literaten verweigert oder unfähig ist zu schreiben.

Dem widersprach zumindest in Teilen der Schriftsteller, Kritiker und Journalist Robert McCrum im Guardian in zwei von acht Argumenten. Großteils stimmte er ihm also zu, fand aber in zwei Gegenargumenten eine Umkehrung. Er meint, dass, sobald ein wirklich guter, überzeugender Roman erscheine, alle Lamenti, wie von Siegel vorgebracht, sich auflösten. Weiters spreche gegen den Befund von Siegel die Existenz eines florierenden Buchhandels, gut besuchter Literaturfestivals und Messen.

Das hat zwar Siegel nie in Frage gestellt. Was er monierte, war die Qualität einerseits und die Relevanz andererseits. Heute habe das populäre Sachbuch die Rolle der Literatur übernommen; Debatten zündeten von dort.

Diesen Sommer erschien «What Ever Happened to Modernism?» von dem renommierten Literaturprofessor Gabriel Josipovici (Yale University Press), ein Buch, das auf den Coffin Lectures on Literature an der Universität von London beruht. Josipovici hat 1975 den Somerset Maugham Preis gewonnen, war Weidenfeld Professor of Comparative Literature an der Universität von Oxford und ist nun Professor an der Graduate School of Humanities an der Universität von Sussex. In der Wochenzeitung NEW STATESMAN publizierte er kürzlich einen längeren Artikel («Modernism still matters»), teils in verärgerter Reaktion auf ein verfälschtes Pseudointerview im Guardian. Das Buch wurde fast zeitgleich von einem anderen Journalisten im Guardian kritisch, aber nicht unfair besprochen.

Auch für Josipovici geht es um Qualität und Relevanz. Er sieht einen Unterschied zwischen T. S. Eliot, Kafka, Borges, Proust, Thomas Mann, Claude Simon und Thomas Bernhard und den Vertretern des gegenwärtigen Literaturestablishments, wie Margaret Atwood, John Updike, Martin Amis oder Ian McEwan. Die schrieben zwar gut, aber in einer Weise, dass man ihre Bücher nicht nochmals liest. (Hier klingt eine Wertung an, die beispielhaft von George Steiner oder C. S. Lewis vertreten wurde.)

Echte Literatur ist anders. Weiters bedauert er das Verkümmern der Kritik, das Fehlen ernsthafter Auseinandersetzung. Heute geben die Zeitungen keinen Platz mehr für ausführliche Kritik, und es gibt keine Kritiker mehr wie John Berger, David Drew und Wilfrid Mellers, die ihre Kritik, versehen mit historischem Blick und Wissen, in einen Kontext europäischer Kultur schrieben.

In den Zeitungen wurden wichtige Schriftsteller wie William Golding, Muriel Spark oder Marguerite Duras und Milan Kundera als schrullige, verschrobene Autoren abgetan. Einige populäre, aber gehaltvolle Zeitschriften sind eingestellt worden (Listener, Encounter), «to be replaced by three-for-the-price-of-two creative writing courses and literary festivals.» Der Festivalbetrieb bietet aber keinen Ersatz für die notwendige Auseinandersetzung. Die Schreibschulen versuchen eine Pseudoprofessionalisierung.

«What had happened to literary modernism in this country?» Zur Beantwortung dieser Frage klärt Josipovici zuerst den Begriff der Moderne. Moderne ist für ihn nicht nur eine Revolution des Ausdrucks oder eine Reaktion auf den Ersten Weltkrieg oder die Industrialisierung, sondern ein Bewusstsein von Grenzen und Verantwortungen, also Bedingtheiten in unserer fragmentierten, partikularen Welt, in der das Problem der Autorität eine Schlüsselstellung einnimmt. Um dieses Spannungsverhältnis geht es. Er sieht es erfüllt in den von ihm als Beispiel angeführten Autoren: «This is what Kafka, Beckett and Borges struggled with: how to escape the conclusion that whatever you do is private self-indulgence.»

Diese Arbeit und Auseinandersetzung vermisse er heute in England. Er stellt eine Art von Banausentum fest, eine Intoleranz gegenüber dem Mehrdeutigem bzw. eine Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten. «Unfortunately, it is now so ubiquitous that people no longer have even a glimmer of what has been lost. My book was written in an attempt to reawaken that sense.»

Trotz einigen Einwänden gegen die Thesen von Josipovici hält Tom McCarthy im Guardian fest, dass die klagende Logik, die sein Buch durchziehe, nicht zurückgewiesen werden könne: «In cultural terms, we live in deeply conservative times.» Aber, meint er, ein Blick in die Geschichte zeige, dass es früher nicht sonderlich anders gewesen sei: «Ulysses was printed, in 1922, on a small, private press in Paris, in a run of 1,000; Kafka's Metamorphosis, on its small-press publication in 1915, sold 11 copies - of which 10 were bought by Kafka. Yet can anyone, now, name the successful middlebrow writers of 1922 or 1915? Of course not. That alone should give Josipovici comfort.»

Das relativiert einerseits den Befund von Josipovici, unterstützt ihn aber auch, denn die Verkümmerung der Kritik, das Fehlen eines an ihr interessierten Publikums streitet er nicht ab. Der Hinweis auf die auch früher prekäre Lage für Neue, Unbequeme, auf die Wichtigkeit von Kleinverlagen für gewagte Erstpublikationen, zeigt einerseits eine Chance, andererseits, wegen der veränderten Produktionsmittel (E-book, Internet) und gesellschaftlichen Organisation, eine neue Gefahr: was früher auch vom kleinsten Start weg möglich gewesen war, ist heute schier illusorisch. Die Ignoranz wuchs mit der Professionalisierung. Die Freiheit hat, paradoxerweise, mit den Neuen Medien nicht zugenommen, sondern wird stärker eingeschnürt, kontrolliert. Der öffentliche Diskurs wurde geschwächt. Die Facebook-Kultur hat andere Interessen.

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