Als-ob-Schreibstile

01.08.2010 Haimo L. Handl

Technologien beeinflussen den Sprachgebrauch. Als Telefonieren teuer war, übte man sich in lauter, hastiger Kurzsprech, als das Telegramm schriftlich Distanzen überwand, bemühte man Kürzel und Symbole in einem eigentümlichen Telegrammstil. Als das Telefonieren billig wurde, schwelgten viele in Belanglosigkeiten, und als das Internet endlich den Schrift-, Bild- und Tonaustausch weltweit ermöglichte, sogar in Echtzeit, instant, bildete und bildet sich eine entsprechende Kommunikationsweise und -kultur.


Wir kennen nun einerseits lange Auslassungen in meist stereotypen Formen in Blogs, andererseits, wie früher beim Telegramm, Kürzesttexte in Twitter. Der Gebrauch der E-mails hat die Qualität früheren Briefschreibens, die noch ein Teil der Gebildeten früher aufbrachte, schier eliminiert. Es scheint auch, als ob Zeitungen und Zeitschriften sich diesem Trend anschlossen um in steter Minderung der Sprachqualität den Anschluss an die Leser aufrecht zu erhalten. Die Stereotypisierung und Klischierung nehmen zu: es ist eine ökonomische Erscheinung einerseits, und eine der Sicherheit andererseits: Was im Bekannten sich ausdrückt, ist immer «sicher», fällt nicht befremdlich auf, wird leicht konsumierbar, erreicht eine breite Masse.

Auch in der Literatur zeigt sich dieser Angleichungstrend, diese Marktvernünftigkeit. Es liegt nicht nur an den schwachen Persönlichkeiten vieler Autorinnen oder Autoren, ihren oft beschränkten Horizonten, den schnöden Kalkülen. Es liegt auch an der sich verfestigenden Sprachkultur, der ja ein Denken unterliegt, das sich immer mehr selbst beschränkt, in vorgegebenen Bahnen sich wohlfühlt und sich in Selbstzensur übt, immer bedacht «korrekt» zu sein, wie seit den Tagen der Inquisition und den Regimes der Nazis oder Stalinisten nicht mehr.

Was in der Popkultur schon lange üblich ist, als Klon auftreten, Stolz darin zu finden, nicht sich zu sein, sondern ein Double seines Idols (besonders köstlich, wenn 720 Elvis Presleys auftreten und sich im Wettbewerb um die höchste Angleichung streiten!), dürfen vielleicht bald auch Literaten. Eigener Stil? Das ist gestern. Stil als Ausdruck von Persönlichkeit? Welcher? Dem Bedürfnis, sich in einem Vorbild zu finden, sich als Anderer zu verkörpern, um die Last der Individuierung zu überwinden, wird auch für Schreibende nun in breiterem Masse möglich.

Seit einiger Zeit bietet ein gewiefter Geschäftemacher solch Unsicheren die Möglichkeit an zu prüfen, ob ihre Schreibe diesem oder jenem Stil eines berühmten, anerkannten Schriftstellers entspreche. «I write like», «ich schreibe wie» bietet, derweil nur in Englisch, die Möglichkeit dazu. Bald wird die Datenbank wachsen, werden mehr Texte kanonisierter oder erfolgreicher Autoren gespeichert sein, wird man noch differenzierter prüfen können und bestätigt bekommen: Mein Text entspricht dem Stil von Stephen King, Dan Brown oder sonst wem. Momentan ist die Auswahl der Vergleichsautoren und -texte noch dürftig. Aber wenn sich das ändert, und man sich mit etwa 300 Weltautoren (das heißt, amerikanischen oder englischen!) messen kann, wird das Herz der Eigenlosen, der Möchtegerne, höher schlagen: sie erhalten endlich die Bestätigung, dass sie wie X oder Y schreiben.

Es werden sich Gemeinden bilden, die in Blogs fachkundig die Angleichung und Gleichschaltung besprechen und bewerten. Ein Wettlauf wird stattfinden, wer weniger sich, als mehr dieser oder jener sei. Die höchsten Angleichungen erhalten die höchsten Preise. Was das peinliche Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt schon lange vorführt, könnte endlich im amerikanischen Maßstab ein Massenpublikum ergötzen und überzeugen: weg mit dem Eigentlichen, den Eigenheiten, her mit den Entsprechungen, den Angleichungen! Es herrscht das Gleiche und Ähnliche, wir sind eine Gemeinschaft, ein Markt, wir sind global und globalisiert, wir sind multikulturell und kennen keine Fremden, keine Fremdheit. Wer eigen ist, schottet sich ab, zieht Grenzen, grenzt sich ab, ist asozial, weil individuell. Hoch lebe die entindividualisierte Interkulturalität.

Vielleicht wird die Europäische Union in ihr Bildungsprogramm Projekte aufnehmen, die einen Vergleich solcher Stilangleichungen in den Unionssprachen ermöglichen: wie beim Song Contest werden die Spitzenreiter gefunden, dürfen Nationen und Sprachen sich messen. Je geringer die Unterschiede, desto stärker die Qualität, der Triumph der Annäherung, der Angleichung: Europa würde endlich ein einheitlicheres Gesicht zeigen, auch und vor allem in der Kultur.

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