Instant-Klassiker

25.07.2010 Haimo L. Handl

In der FAZ, der Zeitung, die von sich meint, sie sei die beste in Deutschland, schreibt eine Frau Felicitas von Lovenberg, (Jahrgang 1974), die dort als Ressortleiterin «Literatur und Literarisches Leben» waltet, in einem Artikel über das lesenswerte Leben: «Zwar ist die Dichte an Instant-Klassikern in diesem Herbst nicht derart hoch, wie im vergangenen. Was die Neuentdeckungen betrifft, ist das Rennen aber noch offen.» Den modern Gebildeten, wie Frau von Lovenberg, erscheint da alles in Ordnung. Sie sind Angehörige der instant culture, der instant generation, des Kurzdenkens, des Klatsches und Tratsches, der vordergründigen event culture.


Frau von Lovenberg moderiert auch im Fernsehen und hat für Ihre literaturkritische Arbeit schon 2003 den Alfred-Kerr-Preis erhalten, der zwar nieder dotiert ist, aber doch eine Auszeichnung darstellt. Der Namensgeber kann sich ja nicht wehren, wofür sein Name als Ausweis herhalten muss; das geht nicht nur Kerr so, sondern auch der Bachmann. Aber den Toten ist das egal. Sie sind nicht mehr «in», sondern «out», aber ihr Name taugt, bei entsprechendem Management, für instant value.

Ich machte mir den Jux und rief zwei Personen an und fragte um die Deutung des Begriffs «Instant-Klassiker». Ich bin nicht geschult genug in Neudeutsch oder Dummdeutsch. Also brauche ich Hilfe. Ich erhielt sie nicht. Unbekannt. Was der Sinn sei oder sein möge, liegt auf der Hand. Aber ich bin vorsichtig. Was vor aller Augen liegt, gar auf der Hand, was einem der «gesunde Menschenverstand» sagt, muss nicht stimmen, ist vielleicht verkehrt, weil sich der common sense geändert hat.

Klassik, Begriff einer Epoche oder von gewissen Stilrichtungen, die bestimmte Merkmale aufweisen, ist immer Resultat: gewachsen, gebildet, formiert, erwiesen für den Betrachter, der nach einem bestimmten Wertverständnis Kriterien formuliert und zur Bewertung anlegt. Klassik ist Erbe bzw. Wertausrichtung nach einem Erbe.

Klassik steht dem Jetzigen, dem Sofortigen, völlig entgegen. Klassik kann in einer gebildeten Kultur Bestandteil dieser sein. Ja, eine tiefe und breite Bildung zeichnet sich aus, dass sie Traditionen (Plural) kennt, Klassik kennt, und weiß, was was ist und weshalb.

Die Oberflächlichen, die Vordergründigen, die instant people, die wissen das nicht, die wollen das nicht wissen, die brauchen das nicht. Fragt sich nur, weshalb sie doch davon schwätzen? Weil der Name als Etikett noch Nimbus hat, etwas symbolisches Kapital hergibt, sogar für die Kurzdenker.

Aber Klassik bedeutet mehr. Man muss in die Historie zurück und die Intentionen verstehen, die den Bemühungen zugrunde lagen, als die deutsche Klassik sich zu bilden begann, deren prominenteste Vertreter Goethe und Schiller waren. Es ging um eine Rückbesinnung antiken, griechischen Denkens, um einen Protest gegen den Utilitarismus, um einen Widerstand gegen das Vernunftzeitalter eben als primär utilitäres, es ging um einen ganz bestimmten Begriff von Humanität. Später wurden die Bedeutungsfelder ausgeweitet, wurden die Kontraste schärfer, die Abstände tiefer zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Immer aber unterliegt dem Begriff und Konzept von «Klassik» der Zug der Orientierung nach bestimmten Werten, die «verbürgt» erscheinen, die sich an bestimmten alten Idealen anbinden lassen.

Wieweit das tauglich ist oder gut, kann und soll hinterfragt werden. Aber Kritik oder neue Deutung dürfen nicht einfach den Wertgehalt umdrehen, das Verständnis kappen. Man kann Klassik missachten, vergessen, nicht mehr wissen. Aber es wird befremdlich, wenn man den Begriff nicht nur aufweicht, sondern ins Gegenteil kehrt und dabei trotzdem so tut, als ob man ihn verstünde bzw. als ob man ihn positiv setze.

Die instant culture ist das schillernde (glänzende, glitzernde, leuchtende; nicht nach dem deutschen Klassiker Friedrich Schiller) Merkmal einer verdinglichten Gesellschaft unseres extrem utilitaristischen Zeitalters. Instant-Klassiker ist die Verkehrung eines Bildungswissens, einer Historie, einer Tradition. Der neue Begriff und sein Gebrauch stellen eine Täuschung, einen Betrug dar. Instant ist der permanente Beweis der Schnelllebigkeit, des Vergessens, des «als ob». Der Bezug zur Klassik ist ein Widerspruch, eine Lüge. Er entspricht dem schluddrigen Sprachverständnis der Halbgebildeten. Schreibt doch die Redakteurin auch von «Neuentdeckungen». Ihr reicht «Entdeckungen» nicht. Das klingt so peinlich wie das «Neurenovieren», das jene gebrauchen, die es nicht wissen, aber vorgeben, sie täten's.

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.