Auweia

11.07.2010 Haimo L. Handl

Das «Festival für zeitgenössische Kunst» im Bezirk Liezen bemüht sich redlich um Tourismusförderung und Belebung der Heimat. Die «regionale 10» wartet dabei mit einem Gustostückerl auf: Der chinesische Künstler Ai Weiwei, hierzulande immer gerne als «regimekritisch» etikettiert und mit den obligaten Hinweisen versehen, wo er überall ausstellt und wie berühmt er sei, platziert einen Felsbrocken auf dem Dachstein.


Ai Weiwei erklärt den Brocken zur Kunst und seine Kunst zur gesellschaftskritischen Aktion und diese als Regimekritik an seiner Heimat, die erdbebenunsichere Häuser baut. Insgesamt will er an die vielen Opfer des Erdbebens in Sechuan erinnern und an die vielen dabei umgekommenen Kinder und auch an die Natur, die bebt, die aber auch spirituell erlebbar ist, wenn sie nicht gerade tötet. Oder so ähnlich.

In der Homepage der «regionale 10» schreiben die Organisatoren: «Ein simpler Stein, als Verneigung vor der Natur zum Kunstwerk erklärt.» Schön. Das wird natürlich aufgewertet, wenn der Stein aus China herbeigeschafft wird und mittels Hubschrauber am Dachstein platziert wird. Das hebt den Bergtourismus, um den die umweltbewussten Naturtypen so besorgt sind und bringt das Festival und die umliegenden Gemeinden in höheren Kurs. Zugleich passt es, dass «In der chinesischen Kultur Naturobjekte wie Felsen oder Baumstümpfe mit ihren oft spektakulären und bizarren Formen als spirituelle Zeichen (gelten), die auf eine höhere Kraft der Natur verweisen.» Erdbeben, Muren, man kennt es. Aber auch die multikulturelle Nachbarschaft wird hervorgehoben: «Als Kultberg geliebt und bewundert wird sein Gipfel häufig bestiegen. Den überhöht, wie im Alpenraum üblich, ein Kreuz und erzählt von einer höheren Macht als jener der Natur.» Nun, Ai Weiwei hat nur einen Stein neu platziert und erzählt von einem Erdbeben. Die Österreicher vielleicht von noch höheren Kräften.

Künstlerisch rutscht Ai Weiwei ab auf die smarte Natur-Politik-Folklore, die sich, je nach Bedarf, so oder so deuten lässt, jedenfalls am Markt immer wirkt und seinen Wert steigert. Er macht im Großen, was die Touristen oder einfachen Leute im Kleinen stolz ergattern: er stellt eine Trophäe aus, er konserviert Spuren, Indizien. Der kleine Maxl hebt sich im Glas die Stranderde von Isolo auf, freut sich an originalen Muscheln oder Sand von dort oder dort, wähnt Authentizität und höhere Weihe. Au Weiwei arbeitet mit dem gleichen Authentizitätsdenken und entwertet damit seine Kunst, weil er bloß ein indexikalisches Zeichen setzt. Es geht nicht generell um ein Natursymbol. Auch nicht, wie in der PRESSE zu lesen ist, um das «Verhältnis von Mensch und Natur». So allgemein arbeitet der Meister nicht. Er macht es sich einfach. Der künstlerische Leiter der «regionale 10» drückt das unumwunden aus: «Zudem möchte der regimekritische Künstler mit dem Stein auf die Mängel im Bauwesen in China aufmerksam machen...» Wie edel und nett. Es heißt weiter: «Zum Dritten ist das Projekt ein Impuls, über globale Mobilität nachzudenken.» Na, das könnte man fast vergessen als Bergwanderer am Dachstein. Aber die Dokumentation des Flugtransports wird schon viele an Mobilität denken lassen. Und der Hinweis auf China erst recht. Sollten da nicht noch mehr Steine hertransportiert werden? Zum Beispiel authentische Teile der Großen Mauer als Ergänzung des authentischen Steins aus dem Erdbebengebiet?

Auf der Zugspitze wurde eine architektonisch kühne Aussichtsplattform errichtet. Die Baufirma deklariert die Einrichtung nicht als Kunst. Sie dient, offen und ehrlich, dem Tourismus. Die Kulturschwätzer im Verein mit Ai Weiwei bemühen die stereotype Kunstetikettierung, ein Etikettenschwindel, zur Aufwertung. Der Markt gibt ihnen Recht. Aber was hat das mit Kunst, Natur, Mobilität und Protest zu tun? Gewinnt der Ausblicker auf der Zugspitze nicht einen ungleich weiteren Weitblick als der Bergtourist am Dachstein? Würden neue Gebirgsverbauungen nicht die Mobilität erhöhen? Wären eigentlich nicht auch Hubschraubereinsätze für betuchte Ausflügler einzurichten? Das steigerte die Mobilität.

Ein anderes Verhältnis als «Mensch und Natur» ist jenes «Mensch und Kultur» bzw. «Mensch & Kunst». Letztere hat es schwerer. Während hier viel Geld verschwendet wird, einen chinesischen Stein in einer Show eines chinesischen Künstlers am Dachstein zu platzieren, wurden vor kurzem in Wien Steinskulpturen entfernt, weil sie störten. Gottfried Bechtolds fünf Monolithen vor dem Austria Center passten nicht mehr. Weg damit. Die Regionalfestivalorganisatoren hätten sich vielleicht mit den Entsorgern in Wien kurzschließen sollen. Aber die dortigen Steine sind von einem Vorarlberger Künstler, der sich nicht als Naturanwalt und Regimekritiker sieht. Sein Monolithen-Ensemble ist auch kein Negativum, keine Warnung vor der bösen Natur oder korrupten Regierungen. Im Gegenteil. Aber vielleicht war gerade deshalb für sie die Zeit abgelaufen, störten sie. Am Dachstein stört der chinesische Stein nicht, obwohl er ja aufstören soll. Er passt in die Tourismuslandschaft. Sogar spirituell.

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