Der letzte unsichtbare Junge

... ist ein traurig-schönes Familienbuch von Evan Kuhlman, Ohio, USA. Uwe-Michael Gutzschhahn hat die magische Geschichte des 12-jährigen Finn Garret über einen ungeheuren Verlust brillant übersetzt, die Bilder sind von J. P. Coovert.


1. Die Story: «Da drüben auf dem ebenen Streifen des Friedhofs liegt Dad, zwischen den Gräbern einer gewissen Sheri V. Cashman und einer Minverva Rodriguez. Der Name Sheri kommt aus dem Französischen und bedeutet »Schatz« oder »Liebling« und Minerva war die römische Göttin der Weisheit und des Krieges.» Kann es gut gehen, wenn ein Autor seinen Erzähler, knappe zwölf Jahre alt, solche «Friedhofsgeschichten» erzählen lässt? Es kann, wenn es ein Autor ist, der den Erzählfaden so weiterspinnt: «Dad würde es wahrscheinlich ziemlich cool finden, die ganze Ewigkeit zwischen zwei Frauen zu liegen.»; und wenn er einen derart gewitzten Erzähler erfindet wie diesen Finn, Findlay Garrett, der sich und dem Leser viele Fragen stellt. Zum Beispiel die: «Weißt du, was hinter deinem Namen steckt?»; und seine Recherchen zu den Fragen gleich anschließt: «Was meine Namen betrifft, so ist Findlay schottisch und irisch und bedeutet »gerechter Held« oder »kleiner blonder Soldat«. Ich bin weder ein Held noch ein Soldat, aber meine Haare gleichen sich dem Blond inzwischen an. Und Garrett bedeutet »Dachkammer«. Yep, das passt. Ich bin ein heldenhafter blonder Soldat, der unterm Dach wohnt.» Warum Finn langsam bleicher wird und sein Vater auf dem Friedhof liegt? Nur soviel dazu: Finn nennt sich «den Bewahrer der Geschichten meines Vaters.» Und gibt die Frage gleich an den Leser weiter: «Über welche Geschichten wachst du?»

2. Der Held: Wie sagt es Finns Freundin Melanie («dunkle Nacht»)? «Sie sagt, ich bin einer der wenigen Jungs der Welt, die mehr Hirn und Reife haben als die üblichen dummen Esel.» Finn ist sich nicht sicher, ob das ein Kompliment ist. Er sieht sich ja viel eher als Freak und schlechten Sportsmann. Aber Meli sagt es einmal frei heraus: «Mein Held». Sie ist «herzensgut» (Finn), nennt ihn einfach ihren «Weißi». Klar, Finn ist ein Mann der Literatur, einer, der sich in Büchern verliert. Insofern hat er eine Ahnung von der griechischen Sagenwelt, von Pegasus etwa. Von dem weiß er zu berichten: «Eines Tages, als Pegasus auf dem Berg Helikon Pause machte, trat er gegen ein Stück Lehm und legte so Wasser frei, das zur Quelle der Inspiration [!] für alle Dichter und Schriftsteller wurde. Gute Sache, dass er dagegengetreten ist, sonst würde es dieses Buch vielleicht gar nicht geben.» Was den Autor Finn Garrett betrifft: Der befindet sich auch geistig in Selbstauflösung, und konstatiert: «Es liest sich nicht leicht, wenn Vokale und Konsonanten tun, was sie wollen. Auch auf meinem Computer oder auf denen in der Schule zu schreiben, ist ein Albtraum. Mein verwirrtes Gehirn glaubt, dass sich das Wort »lesen« wie »nesel« schreibt und so weiter und so fort (oder »und os rietew und os trof« ... Meine Selbstdiagnose? Legasthenie plus ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) plus ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) plus FBUS (Freakboy-Unsichtbarkeitsstörung).» Was den Autor Evan Kuhlman betrifft: Die Idee zu diesem Buch kam ihm im Traum. Aber wenn es dann ans Eingemachte geht, ist nicht mehr nur diese Inspiration wichtig, sondern auch alles andere, was man so erlebt und gelesen hat. Hat Kuhlman so etwas wie Sally Nicholls' «Wie man unsterblich wird» vor Augen gehabt hat? Die Geschichten des 11-jährigen Sam, der Leukämie hat? Kann sein, aber es ist ja auch nichts dabei, wenn man gute Vorbilder hat.

3. Der Sound: Kuhlman lässt seinen Finn in einem saloppen, flapsigen Sound erzählen. Aber man hat bereits bemerkt: Dieser Sound wird ziemlich perfekt intoniert und ist mit all seinen Ober- und Untertönen wohl am besten für Finn-ähnliche Leser hörbar.

4. Coole Worte: «Stinkstiefel» (Kontext: «Melanies Eltern sind beide richtige Stinkstiefel. Ihr Dad mischt sich zu viel in ihr Leben. Und ihre Mom viel zu wenig.») – «riesengroßer Furzknochen» (Kontext: eher negative Bezeichnung für einen Menschen, dem man einen bösen Blick verpasst).

5. Coole Bilder: Finn selbst untertreibt selbstredend und spricht von «jede Menge miese Zeichnungen». Das Gegenteil ist der Fall.

6. Zum Nachdenken finden sich viele Stellen in diesem Buch, aber nehmen wir diese folgende, weil sie ein schönes Beispiel dafür ist, wie sich das Große (Makrokosmos) im Kleinen (Mikrokosmos) widerspiegelt: «Mr. Goodman [das ist Finns Naturkundelehrer] hat auch erzählt, dass die Erde zu ungefähr 70 Prozent aus Wasser besteht, das heißt, dass also prozentual gesehen das Meeresleben unseren Planeten beherrscht. Und weiter meinte er, dass ein Kinderkörper erstaunlicherweise ebenfalls zu 70 Prozent aus Wasser besteht, dieser Anteil aber, wenn man älter wird, auch 60 Prozent schrumpft, der Mensch also ein bisschen austrocknet. Aber selbst dann bestehen wir noch zum größten Teil aus Wasser, also ist jeder von uns für immer und ewig ein Wassermädchen oder Wasserjunge. Wenn du das nicht vergisst, kannst du es weit bringen: Die Biologie der Erde ist auch deine Biologie.»

7. Das Buch: Evan Kuhlman: Der letzte unsichtbare Junge (The Last Invisible Boy). Aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. Mit Illustrationen von J. P. Coovert. München: dtv junior 2010. 285 Seiten.

8. Der Autor und der Illustrator: mehr zu Evan Kuhlman unter http://www.evankuhlman.com, mehr zu J. P. Coovert unter http://www.jpcoovert.com.

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