Populärhochkultur

13.06.2010 Haimo L. Handl

Vergleicht man die Sportbegeisterung mit der für Populärkultur bzw. «Hochkultur», fallen nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten auf. Hinsichtlich der Beliebtheit bzw. des Massenkonsums rangieren Popkultur und Sport, oder besser gesagt Sportdarbietungskonsum, ganz vorne, alles, was sich Hochkultur nennt, weit abschlagend.


Hochkultur ist eindeutig der geringere Geschäftszweig, liefert aber für eine bestimmte Sozialschicht nach wie vor Prestige, und dient daher auch offiziellen Ritualen (Staatschefs z. B. werden öfters in eine Oper- oder Konzertveranstaltung, besonders wenn Festivals laufen, eingeladen, sie werden «hofiert», und weniger oft ins Stadion, dorthin nur, wenn es um ganz «wichtige» Spiele geht mit besonders hoher Öffentlichkeitswirkung und entsprechend nationalen Anliegen).

Gemeinsam ist allen drei Sparten der Eventcharakter. Nach und nach gleicht sich die Hochkultur an den Konsumaspekt, der auf's Ereignis orientiert ist, auf Sensation, an. Gleichzeitig tritt das Gebotene zurück, sinkt die Bereitschaft und Qualität der Auseinandersetzung. Diesem Zug entspricht das Unwesen des anmaßenden Regietheaters und die Fokussierung auf Stars. Man kann das auch in einem Niedergang der Kritik ablesen, der nicht nur im Literaturbereich, sondern auch dem der Bildenden Kunst und, vor allem, der darstellenden bzw. der Musik zu verzeichnen ist.

Das beschränkt sich nicht nur auf unser Land, sondern ist ein allgemeines Fänomen in Europa und den USA. In einigen Zeitschriften lassen sich auch Lamenti oder Kritiken der Kritiken und Kritiker nachlesen. Dem Geschäftszug der Zeit lässt sich gegenwärtig nichts entgegenstellen, da auch die Massenmedien schon seit geraumer Zeit ihre bildnerische Vermittlungsfunktion selbst aufgegeben haben und sich der Promotion verschrieben bzw. der Pflege jenes Klatsches und jener Oberflächlichkeit, die nicht stört, sondern bequem Stereotypen bedient und Konsumenten - easy going - befriedigt.

In diesem Szenario muten immer wieder öffentlich geäußerte Bedenken wegen des niederen Bildungsstandes, wegen schlechter PISA-Werte, befremdlich an, wo doch die Mehrheit, also die Produzenten und Konsumenten, alle Energie darauf verwenden, keine Bildungsansprüche zu äußeren oder zu erwarten, sondern das Showbusiness, und das ist dieses Gemenge von Niederhochkultur geworden, überall pflegen: Nachrichten sehen aus und klingen wie Werbesendungen, Werbejingles sind oft nicht mehr von Popprodukten unterscheidbar bzw. diese sind wie Werbung gestaltet, rituelle Auftritte von Kulturstars ähneln denen von Sportlern, und die «Anhänger», Fans (=Fanatiker) zeigen Verhaltensweisen, die sich besorgniserregend angleichen: immer reflexartiger, auf Äußeres oder die (vermeintliche) Persönlichkeit orientiert, immer extremer das Momentane beachtend, das Ereignis, ohne sein Vorher, den Werdegang und Entwicklungsprozess, die Arbeit zu beachten, gar zu bewerten, sondern nur das Produkt.

Im Fokus auf Stars verschiebt sich diese Haltung etwas: hier gilt nicht nur das Jetzt, hier wird auch das aus der Vergangenheit beachtet, was das Bild erhöht oder, bei Bedarf und Erwartungserfüllung, was es stört, beschädigt oder umkehrt. Da werden früher verdiente Größen plötzlich wegen eines Bagatellvorfalls in der Kindheit oder Jugend geächtet, verrufen, «erledigt», da ergötzt man sich blödgemein an Privatem mit dem frechdummen Anspruch, dass es für solche Leute keine Privatheit gäbe, dass «man» ein Recht auf Information habe. Das perfide, voyeuristische Gehabe wird als Informationsverlangen deklariert, obwohl nur niedere Instinkte angesprochen und befriedigt werden.

In diesem Klima ist es schwer für jemanden, der nicht «in» ist, dessen Bildungsniveau sich von den Seitenblickenden oder Talkenden, den Oberflächenmenschen, unterscheidet, das Geschwätz von Bildung und Bildungsmaßnahmen, vom Wert der Kultur etc. ernst zu nehmen und zu würdigen. Die Oberflächlichkeit ist schier allgemein, allgegenwärtig, allumfassend. Es ist, als ob der typische Herr Karl als Nachkriegserscheinung weiterlebte, sich äußerlich modernisierte, anpasste, vom Wesen, von der Type her aber fatale Ähnlichkeiten aufweist.

Vielleicht sollte ich nicht vom möglichen Weiterleben einer Nachkriegserscheinung reden, sondern von der Existenz einer Type als einer Vorkriegserscheinung. Ich bin nicht Kassandra. Ich versuche lediglich Zeichen zu deuten. Die sehen weder kultiviert, noch hoch zivilisiert aus, sondern dumpf, eng, borniert, eigensüchtig. Das Regime der Mitläufer, der Verantwortungslosen, der Apparatschicks, der Kollaborateure, der Korrupten, der Abzocker, der Mafiosi, der Kriegstreiber, der Krieger usw. scheint ungebremst zu herrschen. Dem steht eine kleine Minderheit gegenüber, die offensichtlich keinen Einfluss hat, und in naher Zukunft höchstwahrscheinlich auch nicht gewinnen wird, irgendwie diese Politik zu ändern. Und Kultur ist, wie Wirtschaft, Teil der Politik bzw. die Politik lässt sich von keiner Kultur bzw. Unkultur trennen.

Schwarzsehen? Rotsehen? Nein. Aber den Blick nicht abwenden, nicht einfach mit dieser Mehrheit mitmachen, das X und das U als solche erkennen und benennen. (Als ich vor Jahren an der Uni Studenten um die Deutung dieses Sprichworts oder dieser Metafer bat, war ich erstaunt, dass es nur ganz wenigen gelang. Vielleicht rede ich also vorbei und die Angesprochenen meinen, ich machte ihnen ein X für ein U vor.)

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