Verantwortungen

06.06.2010 Haimo L. Handl

Über gewisse Verantwortungslosigkeit wird geklagt. Männer, die Vaterpflichten nicht wahrnehmen, nicht einmal Alimente bezahlen wollen. Frauen, die als sogenannte Rabenmütter Kinder erwürgen und verscharren. Menschen, die nicht arbeiten wollen, obwohl Tausende Jobs warten, wie man uns versichert. Firmen, die hochproduktive Fabriken sperren und Arbeitsplätze vernichten, weil im outsorcing Plan ein anderer Standort zu noch billigeren Löhnen und geringeren oder gar keinen «Sozialauflagen» höhere Profite verspricht. Politiker, die A sagen und B meinen, aber immer Ihres kriegen bzw. wenn nicht, zurücktreten, das Handtuch werfen, wie Horst Köhler, der eitle Möchtegernvolkspräsident der Deutschen.


Keines Managers Vermögen wird konfisziert, wenn er seiner Verantwortung nicht nachkommt. Er wechselt vielleicht den Chefsessel. Der Wechsel wird «vergoldet». Er zahlt nicht die Schuld ab. Er muss keine Verantwortung tragen. Er redet nur davon.

Schon die aufwachsenden Kinder werden gelehrt, dass es wichtig ist so zu tun «als ob». Dass zwischen vorgeben und tun ein Unterschied liegt. Dass lügen und täuschen ein frühes Training für die Karriere darstellt. Managerqualitäten, auch und besonders in der Politik, sind negative des Übervorteilens, des «über Leichen gehen» (die Metafer ist etwas unbeholfen und verdeckt Wesentliches: eigentlich meint sie «bis zum Äußersten» gehen, was Töten miteinschließt, worauf er über die Getöteten, also die Leichen geht; viele meinen, das Bild zeige ein Gehen über Leichen, die halt da liegen...), des Täuschens, des Betrugs, immer des Kampfes.

Auf dem Weg zur verantwortungslosen Verantwortung üben die Heranwachsenden: sie wollen ohne viel Einsatz, so viel wie möglich möglichst rasch und billig. Sie wollen alles jetzt. Instant culture. Die jungen Profis denken schon, nur eigen. Sie schätzen Risiken anders ein. Sie sind innovativ und probieren was. Wie zum Beispiel bei BEYOND PETROL, wie sich die britische BRITISH PETROL nennt, um ihr Grün-Image zu etablieren, was ja für Jahre gelang. Wie sieht die Verantwortung aus jener bei BP, die die fatalen Entscheidungen trafen oder nötige andere nicht trafen? Ein paar Millionen Strafe oder «Wiedergutmachung» zahlen - und weiter geht's?

Welches wirtschaftliche und soziale Umfeld führte und führt zu dieser Verantwortungslosigkeit? Immerhin, dass so riskant operiert wird, kommt ja nicht von ungefähr. Es besteht ein nie endender Bedarf an Energie. Der muss gedeckt werden, denn immer mehr wollen immer mehr möglichst rasch: instant culture.

Um diesen Bedarf zu decken, reichen die Ressourcen nicht mehr aus. Andere Staaten, die bislang geringen Energieverbrauch hatten, modernisierten und sind jetzt selbst Energiefresser geworden. Das öffnet nicht nur neue Verbrauchsfelder, sondern vor allem Kriegsfelder; dem Kampf ums Öl wird bald der ums Wasser folgen, und die Armeen trainieren schon «Versorgungsaufgaben».

Im Machtspiel, dem eigentlichen Feld der Wirtschaft und Politik, der Wirtschaftspolitik, geht es ebenfalls um Versorgung: Ressourcen, Einfluss auf das eigene Volk und seine Nachbarn, Einfluss im Netzwerk mit Allianzen, Hegemonien. Kriege sind rationale, geplante Pragmatik. Da die Menschen die rohe Vernunft kaum aushalten, hilf Newspeak, so, wie früher die ordinären Eufemismen halfen, die Anrufung hoher Ideale, die Präsenz edler Symbole: für Gott und Vaterland, für Freiheit und Gerechtigkeit, für den Kaiser, für die Demokratie, oder, häufiger, weil überzeugender: gegen den Feind, den Untermenschen, den Teufel usw.

Israel operiert seit seiner Installation durch die Westmächte und durch eigenen Terror, der die Westmächte, und dann noch ein paar andere zur entsprechenden UNO-Resolution «überzeugte», getreu nach dieser Devise: es sieht sich als Opfer und muss dauernd sich verteidigen. Koste es was es wolle. Die Finanzkosten trägt der Verbündete, die USA. Die eigenen Kosten lassen sich leicht tragen, weil der Opferstatus alles deckt. Erschießen Soldaten der besttrainierten Armee und Kampfmaschine Kinder und Zivilisten, liegt die Verantwortung bei den Getöteten: sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Werden im Zuge nötiger Verteidigungskriege im benachbarten Ausland Zivilisten Opfer, sind es Kollateralschäden. Werden unter dem Schutzschild der IDF in Lagern Menschen hingemetzelt, sind die Metzler schuld. Töten aber Israelis selbst, wie jüngst beim Kapern der Gaza Flottille, ist es gerechtfertigte Selbstverteidigung.

Der Verantwortungsbegriff ist so eigen geworden, dass, wenn morgen Israel einen Atomschlag gegen den Iran führt, dieser kultürlich ein vernünftiger, gerechtfertigter Akt der Selbstverteidigung sein wird. Obwohl die meisten westlichen Medien sich extrem stark bemühen, die Position Israels zu verteidigen und zu unterstützen, werden doch mehr kritische Stimmen laut, nicht nur von Antiisraelis, die smarter Weise sofort Antisemiten getauft werden. Aber wer ist wirklich wofür verantwortlich? Welche Verantwortung wird gefordert? Welche wird geleistet?

Verantwortung sagt im Begriff selbst vom Antworten. Jemand gibt jemandem Antwort. Israel beweist seit Jahren, dass es sich um die Meinungen und Forderungen anderer nicht schert. Es ist so von sich eingenommen, von seiner Superiorität, dass es keine Verantwortung kennt, nicht mehr antwortet, außer mit Waffen. Wie kann mit Repräsentanten eines solchen Landes über Verantwortung verhandelt werden? Um welche könnte es gehen?

In vielen anderen Ländern zeigt sich eine ähnliche Haltung. Es ist nur der praktischen Machtlage zuzuschreiben, wenn einige andere nicht so auftreten wie Israel. Sie haben nicht die Rückendeckung, sie sind noch nicht so wichtig in der Machtkonstellation. Dort, wo die Macht wuchs, hat sich das Szenario verändert. Das beweist die Lage im Fernen Osten.

Wer ist, um ein kleines Beispiel zu nennen, verantwortlich für das Versenken eines südkoreanischen Schiffes? Die Nordkoreaner, sagen die Südkoreaner. Und die USA pflichten bei. Sie wollen eine Verurteilung Nordkoreas. Obwohl die Beweisführung schwach ist, gilt für den Westen als ausgemacht: es waren die Teufel aus dem Norden. (Interessanterweise drängen die USA auf keine Verurteilung Israels in der UNO, obwohl hier die Beweise haufenweise vorliegen.) Die Lage ist so günstig, dass die USA meinen, einen neuen Krieg riskieren zu können. Natürlich nicht wegen des Versenkens eines Schiffes oder anderer Geplänkel. Es geht auch nicht um die Gefahr einer angehenden Miniatommacht. Es geht um die letzten Rückzugsgefechte der Hegemonialmacht USA, die, solange wie nur möglich, in Asien ihre Position halten will - und entsprechend ihrer Doktrin und «freien Wirtschaft» sie auch halten muss. China ist stark geworden und in Japan werden Rufe laut, dass der «Freund» zumindest einige seiner vielen Basen räume. Das sind alarmierende Vorzeichen eines Wandlungsprozesses, den die Weltmacht so nicht hinnehmen will. Koste es was es wolle. Also spricht man von Verantwortung, Bündnissen und Verträgen.

Verantwortung hat, wie die Wahrheit, viele Gesichter, viele Geschwister. Gerade deshalb tun einige so, als ob es nur eine gäbe, und die verträten sie. Das ist unverantwortlich.

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